"Da du meine Nebenbuhlerin mehr liebst als mich", sagte die Jungfrau zu dem Ritter, "so lasse ich sie dir, möge dich ihre Liebe glücklich machen!" Dann bestiegen Gaheriet, die Jungfrau und der Knappe ihre Pferde und machten sich auf den Weg. Nach dreitägigem ereignislosem Ritte, näherten sie sich einem prächtigen Schlosse. Ein alter Ritter, der allein des Weges daherritt, warnte Gaheriet, nicht in das Schloß zu gehen, weil er dort seine Jungfrau verlieren würde. Gaheriet dankte dem alten Ritter freundlich für seinen Rat, beschloß aber, nachdem er mit der Jungfrau gesprochen hatte, dennoch in das Schloß einzutreten.
Kaum hatte Gaheriet mit der Jungfrau und seinem Knappen die Brücke überschritten und das Tor passiert, als dasselbe hinter ihnen geschlossen wurde. (119) Die Jungfrau erschrak, Gaheriet beruhigte sie. Dann wurde laut ein Horn geblasen. Gleich darauf erschienen zwanzig Ritter und vierzig Lanzknechte, alle wohl bewaffnet, und kamen ihnen entgegen. "Wir sind gefangen", rief die Jungfrau. "Fürchte dich nicht", sagte Gaheriet, "ich werde unsere Freiheit verteidigen, so lange ein Atemzug in meiner Brust ist". "Um Gotteswillen, kämpfe nicht, denn solcher Übermacht ist ein einzelner nicht gewachsen", bat die Jungfrau. In demselben Augenblicke wurde Gaheriet von einer Abteilung der Ritter vom Pferde gezogen und seiner Waffen beraubt, während eine zweite sich der Jungfrau und des Knappen bemächtigte. Die Ritter führten ihre Gefangenen nach der Festung des Schlosses und brachten Gaheriet und seinen Knappen in ein Zimmer, die Jungfrau in ein anderes in sicheren Gewahrsam. Gaheriet war sehr traurig und ratlos. Gegen Abend rief er ein Mädchen an, die an seinem Fenster vorbeiging und erkundigte sich bei ihr, weshalb man ihn und seine Begleiter ohne allen Grund gefangen hätte. "Wegen der Jungfrau", antwortete das Mädchen. "Sie hat aber kein Unrecht getan", sagte Gaheriet. "Das nicht", erklärte das Mädchen, "aber die Stadt muß jedes Jahr einem Riesen zwölf Jungfrauen als Tribut geben. Deshalb ergreifen sie alle Jungfrauen, die hierher kommen, bis sie zwölf haben. Du wirst freigesetzt werden und ebenso dein Knappe, sobald du dich verpflichtet hast, die Stadt für das, was dir geschehen ist, nicht verantwortlich zu machen, denn wenn sie dir übel gewollt, hätten sie dich leicht töten können." "Ich wäre lieber kämpfend gestorben, als daß ich meine Begleiterin verloren hätte", sagte Gaheriet, "denn nun wird man sie dem Riesen ausliefern".
Gaheriet und sein Knappe verweigerten Nahrung und Trank und brachten die Nacht schlaflos zu. (120) Am andern Morgen nach Sonnenaufgang kam eine Dame zu Gaheriet und erklärte ihm, daß er und sein Knappe gehen könnten, wohin sie wollten, sobald sie einen Eid geleistet hätten, sich nicht für den Verlust der Jungfrau an der Stadt zu rächen. Die Dame erzählte Gaheriet, daß der Riese am folgenden Tage vor dem Tore der Stadt erscheinen würde, um die Jungfrau in Empfang zu nehmen und nach seinem festen Schlosse zu führen. Gaheriet und der Knappe leisteten den verlangten Eid und wurden dann freigelassen und mit allen Ehren behandelt. Auf Gaheriets Bitte, ihm seine Jungfrau zurückzugeben, antwortete man ihm, daß man das nicht tun könnte, so gerne man wollte. "Dann will ich selbst versuchen", erklärte Gaheriet, "sie aus der Gewalt des Riesen zu befreien". "Die Stadt würde mehr geben als sie wert ist", erklärten einige, "wenn der Riese getötet würde, (121) denn durch seinen Tod würde sie für immer von dem schmachvollen Tribut befreit werden". Da seine Waffen während der letzten Tage sehr gelitten hatten, erbat sich Gaheriet neue und ein starkes Pferd. Man ließ ihn selbst auswählen, was er für das beste hielt. Nachdem Gaheriet sich Waffen ausgesucht und ein Pferd nach seinem Geschmack gewählt hatte, verließ er mit seinem Knappen die Stadt und ritt in die Richtung, aus welcher der Riese am folgenden Tage kommen würde. Er kehrte für die Nacht bei einem armen Einsiedler ein.
Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch befahl Gaheriet seinem Knappen, am Wege Wache zu halten, und sobald er einen Riesen kommen sähe, es ihm zu sagen. Er selber ging in die Kapelle zur Messe. Der Einsiedler hatte die Messe noch nicht beendigt, als der Knappe Gaheriet rief und ihm mitteilte, daß ein Riese des Weges käme. Gaheriet vergewisserte sich, daß der Riese derjenige war, den man ihm beschrieben hatte. Der Riese war von gewaltiger Kraft und wohl bewaffnet; er trug ein großes Schwert und eine schwere, eiserne Keule.
Als der Riese an der Einsiedelei vorübergegangen war, ließ sich Gaheriet auf das sorgfältigste bewaffnen, bekannte seine Sünden und erwartete die Rückkehr des Riesen. Der Einsiedler fragte ihn, worauf er wartete. Gaheriet erzählte ihm, (122) was geschehen war und was er zu tun beabsichtigte. Der Einsiedler suchte ihm abzureden, einen so ungleichen Kampf zu unternehmen. "Wenn Gott sich nicht deiner erbarmt", sagte er, "bist du verloren. Wenn es aber Gott gefiele, dir den Sieg zu verleihen, so hättest du größeres vollbracht als irgend ein anderer Ritter, denn du hättest die Stadt und das Land von der Knechtschaft des Riesen befreit. Die Einwohner hätten den Riesen töten können, wenn er allein kam, um seinen Tribut zu holen, aber sie wollten solchen Verrat nicht begehen, denn sie waren dem Riesen ebenso wie einem andern Lehnsherrn Treue schuldig." "Ich will versuchen zu verhindern", sagte Gaheriet, "daß der Riese die Jungfrau wegführt, mit der ich aus so weiter Ferne hierher gekommen bin".
Als der Einsiedler immer noch versuchte ihn zu überreden, nicht mit dem Riesen zu kämpfen, erklärte Gaheriet, daß er gegen seinen eigenen Bruder Gawain kämpfen würde, falls derselbe ihm die Jungfrau nehmen wollte. "Gegen deinen Bruder zu kämpfen wäre eine große Torheit", sagte der Einsiedler. "Würde mir aber zu größerer Ehre gereichen", erwiderte Gaheriet, "als wenn ich mir diejenige nehmen ließe, die ich unter meinen Schutz genommen habe". Während sie so sprachen, erschien kurz vor Mittag der Riese; die Jungfrau ritt auf einem Pferde, laut jammernd und klagend, an seiner Seite. Gaheriet betete noch einmal und bat Gott um Kraft und Stärke, den Riesen zu überwinden, der das Land so plagte, dann bestieg er sein Pferd und ritt dem Riesen entgegen. Sein Knappe fing laut um ihn zu weinen an. Der Einsiedler bat Gott, daß er Gaheriet zum Segen des Landes beschützen und leiten möge. Gaheriet rief dem Riesen zu: "Gib mir die Jungfrau, denn du hast sie weit genug geführt". Der Riese fürchtete Gaheriet nicht, (123) denn er hatte noch nie einen einzelnen Menschen gefürchtet. Er hieß Aupatris[68] und war der Vater des Carados le Grant seigneur de la Doloreuse Tour, den Lancelot erschlug si comme la branche[69] de Lancelot le doit deuiser apertement.
Aupatris zog sein Schwert. Gaheriet ritt mit solchem Ungestüm auf ihn los, daß er des Riesen Schild und Harnisch durchbohrte und daß die Spitze und der Stiel seiner Lanze tief in dessen Seite eindrangen. Der Riese fiel zu Boden; durch den Fall brach die Lanze. Gaheriet zog schnell sein Schwert und ritt gegen den Riesen, der sich eben bemühte, sich aufzurichten, und verletzte ihn so schwer mit dem Körper seines Pferdes, daß er noch einmal niederstürzte. Nachdem Gaheriet einigemal über seinen Körper hinweg geritten war, stieg er ab, riß dem Riesen den Helm vom Kopfe, erfaßte sein Schwert mit beiden Händen und schlug ihm den Kopf ab. Der Einsiedler, die Jungfrau und der Knappe liefen freudig herbei und waren so glücklich come silz veissent dieu deuant eulx. "Gesegnet sei die Stunde deiner Geburt", sagte der Einsiedler, "gesegnet sei Gott, der dich hierher geführt hat! Du hast großes vollbracht, denn du hast den Feind dieses Landes vernichtet. Wenn die Einwohner von Taraquin wüßten, daß du den Riesen getötet hast, würden sie alle hierher kommen, um dir zu danken, denn sie wünschten nichts mehr als seinen Tod." "Wo ist Taraquin?" fragte Gaheriet. "So heißt die Stadt, wo man dir die Jungfrau nahm", sagte der Einsiedler. "Dahin will ich gehen", erklärte Gaheriet, "und die Einwohner bitten, daß sie nie wieder eine Jungfrau gefangen nehmen". (124) "Das werden sie gern versprechen", sagte der Einsiedler, "wenn sie hören, was du getan hast".
Dann bestieg Gaheriet sein Pferd, befahl dem Knappen des Riesen Haupt zu nehmen, und fragte die Jungfrau, ob sie sich nicht fürchtete, mit ihm nach der Stadt zurückzukehren. Da die Jungfrau bereit war, Gaheriet zu begleiten, ritten die drei nach Taraquin zurück. Als die Einwohner des Riesen Kopf sahen, waren sie sehr froh; sie schwuren, daß sie nie wieder Hand an eine Jungfrau, einen Ritter oder einen Knappen legen wollten und daß sie alle fahrenden Ritter so ehrenvoll wie Gaheriet selbst empfangen würden. Um das Andenken an Gaheriets Tat zu bewahren, ließen sie ein kupfernes Standbild anfertigen, welches den Riesen und Gaheriet darstellte und zwar in dem Augenblick als der letztere dem ersteren den Kopf abschlug. Das Standbild stand in Taraquin, bis nach Artus' Tode die Söhne Mordrets es zerstören ließen, in der Absicht, jedes Denkmal der Tapferkeit der Ritter ihres Großvaters zu vernichten. Zwei Tage blieb Gaheriet in Taraquin, (125) dann verließ er mit der Jungfrau und seinem Knappen die Stadt. Sie ritten bis sie nach La Roche aux Pucelles kamen. Gaheriet hatte nie einen ähnlichen Felsen gesehen und glaubte, er wäre durch Menschenhand so viereckig gebildet worden. Die Jungfrau erklärte ihm, daß der Felsen wie er war so von Natur war.
Gaheriet hatte schon von den Jungfrauen und ihrer Beschäftigung gehört; als er nun nach dem Gipfel des Felsens emporschaute und die Jungfrauen in eifrigem Gespräch begriffen erblickte, rief er hinauf: "Hört mich an, ihr Jungfrauen". Erst als er sie zum zweiten Male anrief, beachteten ihn die Jungfrauen. Die älteste rief: "Ritter, warum störst du uns, was willst du?" "Ich möchte wissen", rief Gaheriet, "auf welche Weise ich sterben werde". "Du solltest nicht begierig sein, dein Ende zu hören, denn das wird ein trauriges Ereignis sein. __Wisse, der fremde Ritter,[70] den du am meisten lieben wirst, wird dich töten, ohne zu wissen wer du bist. Zugleich mit dir werden Agravain und Guerrehes, deine Brüder, ihr Leben verlieren.__ Nun geh!" "Ich werde nicht gehen", rief Gaheriet, "denn ich bin gekommen, um Gawain, meinen Bruder, und den Morholt zu befreien". "So komm herauf und hole sie", entgegnete die älteste der Jungfrauen, "oder warte unten, bis beide zu dir hinunterkommen werden". "Du bist töricht", sagte Gaheriets Begleiterin zu ihm, "du kannst durch eigene Kraft ebenso wenig auf den Felsen hinaufkommen wie die andern, die durch Zauberkraft hinaufgekommen sind und durch dasselbe Mittel oben zurückgehalten werden". "Dann bin ich umsonst hierher gekommen", sagte Gaheriet traurig, "denn wenn ich nicht auf den Felsen hinaufkommen kann, (126) ist es mir unmöglich, meinen Bruder und den Morholt zu befreien". "Sei nicht traurig", sagte die Jungfrau zu Gaheriet, "laß uns von hier weggehen, ich glaube, daß ich dir noch heute einen guten Rat werde geben können".
Als beide mit dem Knappen sich etwa zwei englische Meilen von dem Felsen entfernt hatten, sagte die Jungfrau: "Ich habe nachgedacht, wie dir am besten zu helfen ist, höre mir aufmerksam zu. Nicht weit von hier wohnt der Bruder der Jungfrauen vom Felsen; sie lieben ihn so sehr, daß ihnen kein Opfer zu groß sein würde, wenn sie ihm das Leben retten könnten. Ich rate dir daher, geh zu dem Bruder, bringe ihn in deine Gewalt — ich weiß, daß er dir nicht gewachsen ist — und drohe, ihm den Kopf abzuschlagen, wenn er dir nicht schwört, dir innerhalb eines oder zweier Tage Gawain und den Morholt auszuliefern. Ich zweifle nicht, daß du auf diese Weise erlangen kannst, was du so sehnlich wünschest." "Führe mich zu dem Bruder," bat Gaheriet.