Nach kurzem Ritt zeigte die Jungfrau Gaheriet auf einer schönen Wiese vier prächtige Pavillons. Vor dem größten derselben stand ein stattliches schwarzes Streitroß, eine Lanze war gegen die Wand gelehnt und ein schwarzer Schild hing darüber. "Wo der schwarze Schild hängt", sagte die Jungfrau, "wirst du den Bruder finden". "Warte hier mit meinem Knappen", bat Gaheriet, "ich will gehen und sehen, ob er dort ist". "Geh mit Gott," sagte die Jungfrau. Gaheriet trat in den Pavillon ein. Er fand in demselben einen Ritter in schwarzer Rüstung, mit Ausnahme des Helmes vollständig gewaffnet, im Gespräch mit einer Dame. Ohne ihn zu begrüßen fragte Gaheriet den Ritter, ob er der Bruder der Jungfrauen vom Felsen wäre. (127) Als der Ritter die Frage bejahte, sagte ihm Gaheriet, daß er ihn tötlich haßte, und forderte ihn zum Kampfe heraus. Alles Reden des Ritters war vergeblich, ob er wollte oder nicht, er mußte kämpfen, denn Gaheriet drohte, ihn zu erschlagen, falls er sich weigerte. Der Kampf fand vor dem Pavillon statt. Beide Ritter zersplitterten ihre Lanzen, während Gaheriet aber im Sattel blieb, stürzte der Bruder der Jungfrauen zu Boden. Gaheriet stieg ab, gab seinem Knappen sein Pferd, zog sein Schwert und eilte auf seinen Gegner los, der sich gerade erheben wollte. Er schlug ihn auf den Helm, daß der Unglückliche auf sein Gesicht fiel und das Schwert seiner Hand entschlüpfte. Gaheriet riß ihm dann so grausam den Helm vom Kopf, daß er ihm die Haut von Stirn und Nase streifte und er ohnmächtig zur Erde fiel. Als der Ritter nach einer Weile wieder zu sich kam, drohte Gaheriet, ihn zu töten, wenn er nicht verspräche, ihm spätestens am nächsten Tage (128) Gawain und den Morholt auszuliefern. Der Ritter, in seiner Todesangst, versprach alles, was Gaheriet verlangte. "Du mußt aber einen Boten nach dem Felsen senden", erklärte Gaheriet, "denn ich lasse dich nicht aus den Augen, bis Gawain und der Morholt vor mir stehen".
Dann rief der Ritter die Dame aus dem Pavillon, die bitterlich weinte, und sprach lange mit ihr. Nachdem die Unterredung beendet war, bestieg die Dame ein Pferd und sagte zu Gaheriet: "Warte hier, ich hoffe, daß es mir gelingen wird zu tun, was du verlangst". "Eile", sagte Gaheriet, "denn ich sehne mich, meinen Bruder wieder zu sehen". Sobald die Jungfrauen auf dem Felsen die Geliebte ihres Bruders kommen sahen, rief ihr die älteste entgegen: "Ich weiß, daß du kommst, um Gawain und den Morholt zu holen und um meinem Bruder das Leben zu retten. Wenn ich eine Gelegenheit finde, werde ich mich an derjenigen zu rächen wissen, die uns dieses Leid zugefügt hat. Geh zurück, du wirst Gawain und den Morholt in einem der Pavillons auf einem Bette schlafend finden."
Hocherfreut über den Erfolg ihrer Sendung, kehrte die Dame nach den Pavillons zurück, wo man sie ungeduldig erwartete. Als sie abgestiegen war, sagte sie Gaheriet, daß er in einem der Pavillons finden würde, (129) was er begehrte. "Ich warne dich", sagte Gaheriet zu dem Ritter, "versuche nicht, mich durch Zauberei zu täuschen, denn wenn du wagst es zu tun, lasse ich dich auf die qualvollste Weise sterben, die ich erfinden kann". "Du magst mich als Verräter töten", sagte der Ritter, "wenn ich dich täusche".
Im ersten Pavillon fand Gaheriet nichts, im zweiten auch nichts, im dritten aber lagen Gawain und der Morholt in tiefem Schlafe auf einem Bett. Gaheriet erkannte seinen Bruder, aber nicht den Morholt, denn er hatte ihn nie gesehen. "Das sind die beiden Ritter, die ich dir ausliefern soll," erklärte der Bruder der Jungfrauen.
"Ich glaube dir nicht eher", entgegnete Gaheriet, "bis beide mir aus ihrem eigenen Munde bestätigen, daß du die Wahrheit sprichst; ich muß vorsichtig sein, denn die Jungfrauen dieses Landes verwandeln durch ihre Zauberei die weisesten Ritter in die dümmsten, so daß sie mit ihnen umgehen können wie mit stummen Tieren. Erst wenn ich einen Tag lang[71] mit den beiden geritten bin, werde ich dir glauben, daß sie es wirklich sind."
Als Gawain und der Morholt aus dem Schlafe geweckt waren und die Augen öffneten, blickten sie erstaunt um sich, denn sie glaubten unter der Ulme zu liegen, unter welcher sie an dem Abend geschlafen hatten, als sie auf den Felsen gebracht wurden. Beide hatten ihr Gedächtnis wiedererlangt und hielten alles was auf dem Felsen geschehen war für einen Traum. Gawain umarmte und bewillkommnete seinen Bruder und erkundigte sich, wie er nach dem Felsen gekommen wäre. Gaheriet erzählte seinem Bruder, daß man am Hofe wegen seiner langen Abwesenheit ernstlich besorgt gewesen wäre. "Das ist sonderbar", sagte Gawain, "denn ich habe doch erst vor drei Monaten mit Ywain Camelot verlassen". (130) Als er diese Bemerkung hörte, bekreuzte sich Gaheriet, und verwünschte die Jungfrauen auf dem Felsen. "Du bist mehr als zwei Jahre nicht an den Hof gekommen", sagte er dann zu Gawain, "und du und der Morholt habt euer Ywain gegebenes Versprechen, ihn am Ende des Jahres an der Quelle zu treffen, schlecht gehalten; er war zur verabredeten Stunde dort, aber ihr kamt nicht". Gawain und der Morholt waren erstaunt und bekreuzten sich, dann fragte der erstere nach Ywain. "Unser Onkel hält ihn am Hofe bei sich, wohin er etwa vor einem halben Jahre zurückkehrte." "Das ganze ist eine wunderbare Geschichte", erklärte Gawain, "ich weiß nicht wo ich gewesen sein kann, und ich erinnere mich deutlich, daß ich mich gestern abend unter der Ulme bei La Roche aux Pucelles zum Schlafen niedergelegt habe". "Du bist anderthalb Jahre auf dem Felsen bei den Jungfrauen gewesen, ebenso wie der Morholt, denn Ywain sah euch und sprach mit euch, ihr aber waret so verzaubert, daß ihr ihn nicht erkanntet". Das Erstaunen der beiden Ritter wuchs, sie bekreuzten sich mehr als hundertmal und erklärten, daß alles, was in den anderthalb Jahren geschehen, ihnen wie ein Traum erschiene.
Nachdem Gawain sich von seinem Erstaunen erholt hatte, fragte er nach dem König, der Königin und Baudemagus. Gaheriet erzählte alles was er wußte, auch daß er wegen der Nachricht, die Merlin durch Baudemagus an Artus geschickt, früher als er erwartet hatte, zum Ritter gemacht wurde. "Gott segne Merlin", sagte der Morholt, "denn ihm haben wir es zu verdanken, daß wir nicht unser ganzes Leben auf dem Felsen haben verbringen müssen". (131) Dann verabschiedeten sich Gawain und Gaheriet von dem Morholt. Der letztere hätte gern Gaheriet mit sich nach Irland genommen, verzichtete aber auf seine Gesellschaft um Gawains willen, jedoch mußte ihm Gaheriet versprechen, sobald er Gawain nach Camelot zurück begleitet hatte, ihn in Irland zu besuchen. Nach langem Ritte erreichten die beiden Brüder glücklich Camelot und wurden mit großem Jubel empfangen. Gawain erstattete dem König Bericht über alles, was er erlebt hatte. Nach einem Monat erfüllte Gaheriet das dem Morholt gegebene Versprechen und machte sich auf den Weg nach Irland. Die Abenteuer, die er unterwegs bestand, werden in diesem Buche nicht erzählt. __Die Erzählung wendet sich nun zu dem Morholt.__
VI. __Das Abenteuer des Morholt.__ SS. 131-134. Nachdem der Morholt Gawain und Ywain verlassen hatte, ritt er den ganzen Tag nachdenklich weiter, ohne irgend ein der Erzählung würdiges Abenteuer zu finden. Die Nacht schlief er in einer Abtei weißer Mönche, die ihn freundlich aufnahmen. Am folgenden Morgen brach der Morholt nach Irland auf. Vier Tage ritt er, ohne Abenteuer zu finden, am fünften aber begegnete er fünf fahrenden Rittern des Königs Artus. Wer zu wissen wünscht, wer diese Ritter[72] waren, dem sagt die Erzählung: "Die beiden ersten waren Gawains Brüder Agravain und Guerrehes; der dritte war Mador de la Porte, der vierte war Dodinel le Sauuage; der fünfte endlich war Sagremor, der Sohn des Königs von Ungarn und der Neffe des Kaisers von Konstantinopel, dem Keux den Beinamen le Desree[73] gegeben hatte". (132)
Als diese fünf Ritter den Morholt sahen, erkannten sie an seiner Ausrüstung und Haltung, daß er ein fahrender Ritter und ein Mann de valeur war. Agravain bat seine Gefährten, ihn mit dem fremden Ritter kämpfen zu lassen. Alle willigten ein. Agravain gab seinem Pferde die Sporen und rief dem Morholt zu, sich bereit zu machen. Des war der Morholt wohl zufrieden, er legte seine Lanze ein und ritt gegen Agravain. Agravain zersplitterte seine Lanze gegen des Morholt Schild, dieser aber hob mit einem wohlgezielten Stoß Agravain aus dem Sattel, so daß er betäubt zur Erde stürzte. Ohne Verzug ritt Guerrehes auf den Morholt los, um seinen Bruder zu rächen. Der Morholt brachte auch ihn zu Falle und verwundete ihn in der linken Seite. Jetzt war die Reihe an Mador de la Porte, sich mit dem Morholt zu messen. Die Lanze des Morholt durchbohrte Madors Schild und drang in seinen Hals ein, so daß er sich nicht auf dem Pferde zu halten vermochte und zur Erde fiel. Als Sagremor und Dodinel sahen, daß ein einziger Ritter ihre drei Gefährten aus den Sätteln gehoben hatte, bekreuzten sie sich. Sie hätten gern gewußt, wer der tapfere Ritter war. Nun ritt Dodinel gegen den Morholt, denn er wollte lieber das Schicksal seiner Gefährten teilen, als den Versuch, sie zu rächen, unterlassen. Dem Morholt war es klar, daß er entweder fallen oder alle fünf Gefährten zu Fall bringen mußte. Er legte seine Lanze wieder ein und ritt gegen Dodinel. Dieser durchbohrte des Morholt Schild und Harnisch und verwundete ihn in der linken Seite, die Lanze blieb aber unversehrt. Der Morholt gab Dodinel einen so gewaltigen Stoß mit seiner Lanze, daß Roß und Reiter zu Boden stürzten und die Lanze in Stücke flog. (133) Nun ist nur noch einer übrig, dachte erfreut der Morholt; damit ergriff er Dodinels Lanze und forderte mit lauter Stimme Sagremor auf, sich bereit zu halten. Sagremor durchbohrte des Morholt Schild und Harnisch und zerbrach seine Lanze. Der Morholt traf Sagremor mit Dodinels Lanze in den Leib und stieß ihn vom Pferde; im Vorbeireiten aber rannte des Morholt Pferd mit solchem Ungestüm gegen das Sagremors, daß beide Pferde zu Boden fielen. Der Morholt sprang behende auf, zog sein Schwert und wandte sich gegen Sagremor, der sich schon erhoben hatte und ihn mit gezücktem Schwerte erwartete. Beide fochten nun zu Fuß, bis sie erschöpft waren und der Ruhe bedurften. Während einer Pause sagte der Morholt zu Sagremor: "Wenn es dir recht ist, hören wir auf, denn wir haben einer den andern wohl erprobt; weil du aber ein so tapferer Ritter bist, bitte ich dich, mir deinen Namen zu sagen". Sagremor war nicht wenig erfreut, denn er sah das Ende des Kampfes deutlich voraus, ließ es sich aber nicht merken. Er sagte zum Morholt: "Weil ich deine Tapferkeit und Kraft bewundere, bin ich bereit, deinem Wunsche zu entsprechen, ich tue es um so lieber, als du augenscheinlich der stärkere bist". Dann nannte sich Sagremor und auch die Namen seiner Gefährten. Als der Morholt hörte, daß alle fünf Ritter des Königs Artus waren, war (134) er sehr traurig. Er nahm seinen Helm ab, sagte seinen Namen und bat alle um Vergebung. Die Gefährten waren erfreut den Morholt kennen zu lernen und vergaben ihm gern, denn sie hatten ihn zuerst angegriffen. Der Morholt erzählte ihnen, was er von Gawain wußte, und verabschiedete sich dann. Die fünf Gefährten ritten nach einem in der Nähe befindlichen Schlosse und blieben dort bis ihre Wunden geheilt waren, der Morholt ging zu demselben Zwecke zu einem Einsiedler. Sobald er wieder reiten konnte, setzte er seinen Ritt nach Irland fort, wo er bei seiner Ankunft mit großem Jubel empfangen wurde. Acht Tage nach seiner Rückkehr kam Gaheriet zu ihm und blieb bei ihm, bis der Morholt nach Cornwall ging, um den Tribut zu holen, bei welcher Gelegenheit er von Tristan tötlich verwundet wurde.[74]
[1] Vgl. was ich über diese Hs. gesagt habe 1. in Romania, vol.
XXXVI, S. 378 und 2. in meiner Einleitung zu The Vulgate
Version of the Arthurian Romances, Washington 1908-1913, vol.
I, S. XXX, N. 2.