Alles machte mir nun den Aufenthalt in Madras unangenehm. Dazu kam die Furcht vor Hyder Ali, dem die schwarze Stadt — wo wir wohnten — am ersten offen stand. Ich dachte also ernstlich an eine Veränderung. Endlich lief ein Doppel-Thony (großer Küstenfahrer) unter dänischer Flagge ein, die nach Tranquebar bestimmt war. Ohne Mühe ward ich mit dem Tandel (Schiffer) einig, ließ unsere Effekten an Bord bringen, geleitete am andern Morgen Sophien mit ihrer Mutter selbst dahin, und kehrte dann, zur Abmachung einer lezten Angelegenheit, noch einmal an's Land zurück.
Unerwartet vergieng mir indessen darüber der ganze Vormittag. Jezt war es drei Uhr, und alles besorgt. Nach einer kurzen Mahlzeit machte ich mich auf, um noch einmal Freund Sabico Lebewohl zu sagen, dessen Haus überdem in meinem Wege lag. Plözlich biege ich um eine Ecke in ein schmales Gäßchen, wo alles mit Leichnamen bedeckt ist. Ein sterbendes Weib windet sich auf der Erde, und zerfleischt den blutigen Leichnam ihres Säuglings. Dieser Anblick, der Gestank, die Hitze, meine Ermüdung, alles überwältigte mich. Ich sank ohnmächtig nieder; ward zu Sabico getragen; und kam erst nach sechs Stunden wieder zu mir.
Mein erster Gedanke war Sophie und das Schiff. Mit einem Schreie raffte ich mich auf, und stürzte durch die finstere Nacht, bei Sturm und Regen, dem Strande zu. Vergebens, nirgends war ein Schiffslicht zu sehen. Ich wollte rufen; meine Stimme ward durch die tosende Brandung übertäubt. So brachte ich eine höchst traurige Nacht im nächsten Wirthshause zu. Endlich mit grauendem Morgen, eile ich wieder an den Strand. Der Nebel zerfließt, die Küsten werden sichtbar, das wogende Meer erhellt sich! — Kein Schiff, so weit das Auge reicht!
Siebentes Capitel.
Mein Schmerz war grenzenlos; aber zu diesen Seelenleiden kam nun noch Geldverlegenheit. Meine Coffres waren an Bord, kaum hatte ich achtzig Pagoden bei mir. Zwar bot mir der gute Sabico Kost und Wohnung an; auch machte ich wirklich Gebrauch davon; allein wir hatten beide nicht viel. Mein Herz war unaufhörlich in Tranquebar. Tag und Nacht brütete ich über meinen Reiseplan.
Gleichwohl fehlte es immer an Schiffsgelegenheit, denn die französischen Kaper nahmen alle Küstenfahrer weg. Eben so wenig war an die Landreise zu denken; Hyder Ali's Reuter durchstreiften den ganzen Distrikt. Aber die Theurung ward immer größer; ich fühlte, daß ich meinem Freunde lästig zu werden anfieng. Sichtbar griff mich der beständige Kummer an. Was war zu thun? Es galt auch diesmal einen verzweifelten Entschluß. — Ich mußte nach Tranquebar — Tot oder lebendig; ich mußte nach Tranquebar.
Vergebens rieth mir der gute bedächtige Sabico von diesem — wie er's nannte — entsetzlichen Wagstück ab. Ich blieb unerschütterlich, meine Liebe gab mir zu allem Muth. Ohne Zeitverlust kaufte ich so eine alte Chialeng, (Ruderboot) brachte vier Ruderer zusammen, versah mich mit Reis, Fleisch, Wasser, Natten, u. s. w. und stieß endlich am 24. Nov. 17— Nachmittags um 3 Uhr — vom Ufer ab.
Doch kaum hatten wir uns einige Klaftern weit entfernt, als schon das Wasser auf allen Seiten in die Chialeng drang. Sie war sehr lange ungebraucht gewesen, und sog es daher auf allen Fugen ein. Man rieth mir, sie bis zum andern Morgen verquellen zu lassen, doch dies erlaubte mir meine Ungeduld nicht. Ich nahm daher noch einen fünften Mann, einzig zum Ausschöpfen, an, und fuhr so endlich zum zweitenmale ab.
Glücklich waren wir über die Brandung gekommen; zum erstenmal athmete ich wieder mit Leichtigkeit. Jeder Ruderschlag, der mich von Madras entfernte, führte mich der Geliebten zu. Der Himmel war heiter, das Meer vollkommen ruhig, die nach Süden laufende Strömung uns förderlich. Freundlich sank die Sonne in's blaue Meer hinab, und die Spitzen der Pagoden, und die Wipfel der Cocospalmen glänzten im Abendroth. Zufällig blickte ich auf das Fort St. Georges; man ließ die Flagge herab. Wenig Minuten darauf geschah ein Schuß, und pfeifend fuhr die Kugel über die Chialeng hin.
Mehr verwundernd als erschrocken hielten wir einen Augenblick mit Rudern ein. Wir waren allein auf der Rhede, und nirgends ein anderes Fahrzeug zu sehen. — »Wahrscheinlich ein Signalschuß!« — sagte ich ruhig — »Und ein Mißgriff vom Canonier. Aber bei einem Haar hätte er uns doch in den Grund gebohrt. Jetzt in Gottes Namen wieder frisch daran!« —