Was sollte ich thun? Die Gegend schien durchaus menschenleer. Dennoch beschloß ich zu rufen, und verstärkte die Stimme nach Möglichkeit. Allein vergebens, sie verhallte in dem ungeheuren Raume, der mich umgab. Der Tag vergieng, das tröstende Licht verschwand, und Finsterniß des Grabes hüllte mich abermals ein. Diese zweite Nacht war ungleich schrecklicher für mich. Tausende von Uhus flogen über meinem Kopfe aus und ein, und ganze Haufen heulender Schakals umringten die Oeffnung. So saß ich mehrere Stunden lang, bis endlich ein schwacher Mondstrahl in die Höhle fiel, und meine Stimmung etwas ruhiger ward. Bald darauf sank ich in tiefen Schlaf.

So vergieng die Nacht, und mit dem ersten Sonnenstrahle floß neue Hoffnung in mein Herz. Durch die Oeffnung aus der Höhle zu kommen, war unmöglich; aber durch einen der Seitengänge vielleicht einen Ausweg zu finden, schien, troz der Gefahren, eines Versuches werth. — »Wohlan!« — sagte ich zu mir selbst — »Wohlan! das Aeußerste gewagt!« — So raffte ich mich ungefähr um Mittag auf, und schlug den Weg in einen der düsteren Seitengänge ein.

So lange ich noch etwas Tageslicht hatte, gieng es ziemlich gut. Als aber auch der lezte Schimmer verschwand, hielt ich mit klopfendem Herzen an. Doch auch diesmal trug die Ueberlegung den Sieg davon, und so stürzte ich mich muthig in die unermeßliche Nacht hinein. Die einzige Vorsicht, die ich brauchte, war, mich Schritt vor Schritt an der Wand zu halten, und allen Biegungen derselben nachzugehen.

Der Boden war rauh, und ungleich. Steinhaufen, und einzelne Felsenstücke, Erhebungen und Vertiefungen wechselten unaufhörlich ab. Ich mußte den Weg unaufhörlich mit dem Hirschfänger untersuchen, und rückte daher nur langsam fort. So mochte ich mich ohngefähr zwei Stunden fortgearbeitet haben; als ich plözlich an etwas Bewegliches stieß. Ich befühlte es mit dem Fuße; es schienen Knochen zu seyn. Ich griff es an; es war ein Menschenskelett. Welche Entdeckung! — »Das Bild meines Schicksals!« — sagte ich zu mir selbst, und lehnte mich tief erschüttert an die Wand.

Unterdessen glaubte ich einiges Geräusch zu hören, und rufte laut durch die starrende Finsterniß. Zugleich verdoppelte ich meine Schritte, entschlossen, dem Tode, oder dem Leben entgegen zu gehen. Plözlich ward ich zwei kleine feurige Punkte gewahr. — Vielleicht eine Schlange die auf mich zugeschossen kam. — Aber die Punkte blieben unbeweglich; es schien von zwei Lampen zu seyn. In dem Augenblicke machte die Wand einen starken Abfall, und ich erblickte eine Felsenspalte, die vom glänzenden Abendrothe beleuchtet war. Eilends kappte ich das Gesträuch hinweg, zwang mich mit muthiger Brust hindurch, und athmete nun wie neue geschaffen, in der freien herrlichen Gotteswelt.

Die Sonne gieng unter, und im Purpurglanze lag die ganze liebliche Landschaft, und Vizagapatnam in geringer Entfernung vor mir. Ich eilte dahin, und ward mit großer Freude empfangen; jedermann hatte mich todt geglaubt. Es zeigte sich jezt, daß ich in einer der Höhlen gewesen war, die ehedem mit den Pagoden in Verbindung standen, und deren Eingänge nur noch wenigen Braminen bekannt sind.

Zwölftes Capitel.

Nach einigen Tagen Erholung brach ich von Vizagapatnam weiter auf. Die Hitze war groß, der Weg beschwerlich; mit Vergnügen hielt ich gegen Mittag in dem freundlichen Dörfchen Chieriepille an. Es liegt in einem reizenden Thale, ist mit einer Menge Obst- und Betelgärten umgeben, und hat eine der schönsten und bequemsten Chauderies, die mir vorgekommen sind. Wir fanden hier einen Wahrsager, dergleichen sind in Indien sehr häufig. Zum Spaß ließ ich mir auch die flache Hand besehen, und bekam eine Menge Glück und Segen gewünscht.

Man darf diesen Leuten kein Geld anbieten, weil ihnen dergleichen anzunehmen, nach ihren Geboten nicht erlaubt ist. Man giebt daher Cattun, Musselin u. s. w., auch wohl eine Portion Reis. Alle diese Effekten müssen sie aber erst neun Tage an ihrem Leibe herumtragen, ehe ihnen der Verkauf davon gestattet ist. Was sie dann an Geld dafür lösen, dürfen sie nehmen, weil es auf indirektem Wege gewonnen wird. Der arme Teufel in unserer Chauderie schien die lezten neun Tage über, gewaltig beschäftigt gewesen zu seyn. Er hatte eine solche Menge Zeug, Schnupftücher, Turbans u. s. w. an seinem Gürtel hängen, daß er wie eine wandernde Schnittwaaren-Bude aussah.

Um meine armen Träger zu schonen, beschloß ich erst am andern Morgen weiter zu gehen. Ich benuzte daher den lieblichen Abend zu einem Spaziergange in dem schönen Thale, das mit herrlichen grünenden Bergen eingefaßt ist. Mit einbrechender Dämmerung gieng ich nach meinem Palankin zurück, fand einen vortrefflichen Pillau von Hühnern, und Bananas in Eiern gebacken, zum Abendessen, und schlief endlich unter den Gesängen einiger reisenden Tänzerinnen ein.