Am andern Morgen gieng es nun rasch über Berg und Thal, durch eine Menge Dörfer bis zur Chauderie Darma-Oro, wo zu Mittag angehalten ward. Hier sah ich einen Pandarone oder Mönch, der jedem Reisenden auf Verlangen, einen Trunk Reiswasser (Canje) gab. Dies geschah, indem er es ihm aus einem kleinen kupfernen Topfe in die Hände goß. Kein Hindu pflegt nämlich ein Trinkgefäß an die Lippen zu setzen; er hält es vielmehr so, daß ihm das Wasser, wie ein kleiner Strahl in den Mund schießen muß. Da nun aber eine niedere Caste das Gefäß schon durch die bloße Berührung für eine höhere unrein machen kann, so giebt es der Pandarone lieber Niemanden in die Hand.

Wir reisten weiter, bekamen bald das Meer zu Gesicht, und langten Abends in einem Fischerdorfe hart am Strande an. Hier ward ich für eine Kleinigkeit mit einem Gericht trefflicher Seefische bewirthet, und konnte die Ankunft der Kattamarans mit großer Bequemlichkeit sehen. Es ist dies in der That ein Schauspiel, das der Mühe lohnt. Man erinnert sich, daß ein Kattamaran ein, fünfzehn bis zwanzig Fuß langes, Floß ist, das aus fünf Balken besteht.

Man weiß, daß immer zwei Männer darauf befindlich sind, wovon der eine vorn, der andere hinten zu rudern pflegt; eben so, daß bei günstigem Winde ein kleines Segel aufgespannt werden kann.

Die Sonne sank tiefer, und von allen Seiten eilten diese Fahrzeuge dem Ufer zu. Es war eine ganze, kleine Flotte, pfeilschnell flog sie zwischen den purpurnen Fluthen hindurch, von tausenden von Möwen umringt, und vom fröhlichen Gesange der Ruderer belebt. Bald näherte sie sich nun der Brandung, die bekanntlich an diesen Küsten ungeheuer ist. Schnell wurden die Segel gestrichen, und die Ruder eingetaucht; da flogen die Kattamarans in die tosenden Wogen hinein. Hier sah man einige auf der Spitze derselben, dort andere wie in einem Abgrunde schweben, der sich darüber zu schließen schien. Aber wenig Minuten, und die ganze Flotte flog in einem Augenblicke auf den sandigen Strand.

Wir hatten unser Nachtlager zwischen den Dünen genommen, wo die angenehmste Kühlung herrschte, und nichts von Moskitos zu fürchten war. Am folgenden Morgen fanden wir uns daher außerordentlich gestärkt, und legten die ganze Tagereise schneller als gewöhnlich zurück. Abends kamen wir bei einem Mangabusche an. Hier hatte sich bereits ein großer Haufen Reisender gelagert, um am folgenden Tage zusammen durch einen Wald zu ziehen, der nicht für ganz sicher gehalten ward. Da ich mit Schießgewehr versehen, und überdem ein Europäer war, so baten sie mich, sie anzuführen, wozu ich dann auch ganz willig war.

Mit Tagesanbruch machten wir uns demnach auf den Weg. Indessen stießen wir auf nichts, als eine Menge rother Affen, von denen der ganze Wald bevölkert war. Als wir denselben hinter uns hatten, nahm ich von meinen Gefährten Abschied, und stieg wieder in den Palankin. Der Weg gieng nun durch eine sehr reizende Landschaft, Dorf an Dorf, und alles mit Tamarinden-, Cocos- und ähnlichen Baumpflanzungen, so wie mit Betelgärten bedeckt. Jezt bekamen wir auch wieder das Meer zu sehen, und athmeten erquickende Kühlung ein.

Ich mußte die Nacht im Palankin zubringen; die ganze Chauderie war mit Kaschie-Kauris angefüllt. Es sind dies eine Art Mönche, die zehn, zwanzig, und mehrere zusammen, nach Kaschie (oder Bonares) wandern, dort Wasser aus dem Ganges holen, und damit beladen, in ihre Heimath zurückgehen. Sie füllen dies heilige Wasser in runde irdene Krüge, wovon jeder zwanzig bis fünf und zwanzig Kannen halten kann. Diese Krüge sind mit dickem Netzwerk umflochten, und mit einem kurzen Halse versehen, der sorgfältig vergipst und versiegelt wird. An dem Siegel des Oberpriesters von Bonares, so wie an dem Certificate jedes Pilgers, erkennt man, ob das Wasser ächt ist. Ein jeder Kaschie-Kauris trägt zwei Krüge, den einen vorn, den andern hinten, an einem Bambusrohr. Dies Wasser wird entweder an Tempel verschenkt, oder an reiche Hindus verkauft. Für leztere ist es ein Gegenstand eines religiösen Luxus. Man benezt Sterbenden Haupt und Lippen damit; giebt es aber auch bei großen Gastmählern herum.

Am folgenden Tage passirten wir die Stadt Mongletur, die auf indische Weise befestigt ist, und langten Abends ziemlich spät in Tallapalar an. Hier mußten wir die Chauderie einer Abtheilung englischer Srapoys überlassen, und trieben nur mit Mühe etwas zum Abendessen auf. Am nächsten Morgen gieng es vollends nach Mazulipatnam. Wir kamen dabei durch das Dorf Pakaat. Hier sah ich einen Barbier, der einen ziemlich dicken Bart, auf das allervollkommenste mit zwei — Glasscherben abnahm.

Dreizehntes Capitel.

Nachdem ich meine Geschäfte besorgt hatte, sezte ich meine Reise ohne Verzögerung fort. Vorher hatte sich noch ein Gefährte, ein gewisser holländischer Capitain, Namens Holtrop, zu mir gefunden, der nach dem Verluste seines Schiffes nach Madras zurückging. Wir kamen durch die Dörfer Okalgatta und Sorligatta, und nahmen unser Nachtlager in einer Chauderie hinter Naralcor. Der lezte Theil des Weges war äußerst angenehm; er lief durch eine fruchtbare Ebene, mit den mannigfaltigsten Pflanzungen bedeckt. Kaum hatten wir aber die Chauderie erreicht, als ein heftiges Ungewitter ausbrach. Da sich nun außer uns noch an sechzig Reisenden darin befanden, konnten wir allerdings nicht ohne Besorgnisse seyn. Indessen gieng alles glücklich vorüber, und nach einigen Stunden war der Himmel wieder völlig wolkenleer.