Am sechsten Tage kam ich durch lauter verwüstete Gegenden in Pondichery an, und fand in dem deshalb bezeichneten Wirthshause bereits einen Brief von Mamia, der den Tag nach meiner Abreise abgegangen[12] war. Sie schrieb mir in den zärtlichsten Ausdrücken, und hoffte mich unverzüglich wieder zu sehen. Ihre Brustbeschwerden schienen zuzunehmen, doch war sie im übrigen vollkommen wohl. Ich selbst ward aber leider nunmehr von einem Fieber befallen, das mich nun alle Tage im Bette hielt. Unterdessen hatte ich dem lieben Mädchen geantwortet, und ihr versprochen, in zehn, zwölf Tagen wieder in Madras zu seyn.

Schon stand ich jezt im Begriffe, meine Rückreise anzutreten, als ich von meinem Dobasch einen Brief mit der Nachricht erhielt, daß Mamia plözlich verschwunden sey. Ein Gunekare (Wahrsager) hatte ihr einige Tage vorher, ihren Horoscop gestellt, und ihr die nahe Trennung von ihrem Geliebten vorhergesagt. Seit diesem Augenblick hatte sie unaufhörlich geweint, und ihre Brustschmerzen dadurch vermehrt. In ihrem Zimmer war jedoch nicht die mindeste Anzeige von einer Reise zu finden; im Gegentheile waren Juwelen, Kleider u. s. w. in der besten Ordnung. Ich gestehe es, ich erschrack über diese Nachricht so sehr, daß ich mich kaum zu fassen im Stande war.

So hatte ich einige Tage in großer Unruhe zugebracht, als eines Abends ein Malabar bei mir erschien, der gerade von Omur kam. Er brachte mir Nachrichten von Mamia; sie war krank, und befand sich in dem Hause seiner Mutter, die ebenfalls von der Caste der Tänzerinnen war. — »Wie?« — rief ich mit wehmüthiger Freude aus: — »Krank, und zu Omur?« — »Ja Herr!« — erwiederte der Juntrie, und erzählte mir den Zusammenhang. Mamia kam wirklich von Madras, und wollte nach Pondichery. Sie hatte diese Reise so eilig angetreten, daß sie nun gefährlich darnieder lag. Die Daja hatte den Juntrie auf ihr ausdrückliches Verlangen abgeschickt: — »Sie wünsche mich vor ihrem Tode nur noch einmal zu sehen.«

Man denke sich meine Empfindungen. — Soviel Liebe, soviel Anhänglichkeit! Und ich sollte sie verlieren, die mein Alles war! — Schnell ließ ich einen Palankin kommen, reiste die ganze Nacht, und kam schon Morgens um sieben Uhr zu Omur an. Da stand ich nun mit klopfendem Herzen vor dem kleinen malabarischen Häuschen, das meine geliebte Freundin verbarg, während der Juntrie hineingegangen war, und der Daja von meiner Ankunft Nachricht gab.

Die gute alte Frau erschien, und erzählte mit thränenden Augen, wie alles zugegangen war. Mamia hatte seit meiner Abreise keinen ruhigen Augenblick gehabt. Nichts war im Stande gewesen, sie von der Reise nach Pondichery abzubringen; sie wollte, sie mußte mich noch einmal sehen. Aber am fünften Tage hatte sie ein heftiges Fieber bekommen, und war halbtodt in Omur angelangt.

Der Juntrie kam uns jezt zu sagen, daß Mamia aufgewacht sey. Die Daja gieng hinein, sie auf meine Ankunft vorzubereiten; ich hörte meinen Namen nennen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Mamia lag auf einer Matte ausgestreckt. Ihr himmlisches Gesicht war todtenbleich; ihr ganzes Ansehen zeigte die höchste Erschöpfung an. Aber kaum ward sie mich gewahr, so richtete sie sich auf, und breitete ihre Arme nach mir aus. — »Ach mein bester Freund!« — rief sie mit heißen Thränen — »Wie bist du so gut! — Nun will ich gern sterben, habe ich dich doch noch einmal gesehen!« —

Ich suchte sie zu trösten, aber vergebens — »Ach Gott!« — fuhr sie fort — »Nein! Für mich ist keine Hülfe mehr, ich fühle es nur zu gut! Mein Schmerz ist tödlich; meine Augenblicke sind gezählt! Geliebtester! Ich habe nur noch eine Bitte an dich!« —

»Und was soll ich für dich thun, o Einzige meines Lebens« — sagte ich. —

»Du bist mir Alles! Ich habe keinen Freund als dich! Zünde du meinen Scheiterhaufen an!« —

Ich versprach es ihr — Sie legte ihr Haupt an meine Brust, und hob ihre brechenden Augen noch einmal voll Zärtlichkeit zu mir empor. — »Leb wohl, Geliebtester! — Leb ewig wohl!« — Dies waren ihre lezten Worte, und so entschlummerte sie.