»Ich wähle das Letzte, gnädiger Herr!«

»Ist das euer Ernst?« fragte er erstaunt. — »Ueberlegt es wohl!«

»Es ist mein völliger Ernst!«

»Nun gut!« — sagte er hastig — »So seyd ihr hiemit augenblicklich entlassen — Sucht euer Glück anderswo!« — Mit diesen Worten drehte er sich um, und verließ den Saal.

So war ich denn endlich wieder frei; allein wegen der Zukunft allerdings nicht ganz unbesorgt. Ich hatte wenig Geld, und keinen Credit; meine meisten Freunde verließen mich. Indessen hatte ich mir neben dem Französischen auch einige Kenntnisse im Englischen erworben; es schien mir daher am rathsamsten nach Madras zu gehen. Schon hatte ich alle Anstalten dazu gemacht, als ich unvermuthet eine Einladung von Herrn Simons, unserem Magazininspector, erhielt. Dieser brave Mann hatte von meinem Plane gehört, und wollte mir, wie er sagte, einen besseren Vorschlag thun. Sein Bruder war nämlich Oberbuchhalter zu Sadras, und brauchte gerade einen Gehülfen meiner Art. Dieser Antrag war wirklich aller Ehre werth; doch gestehe ich gern, daß mich die Nähe von Madras (12 Meilen) auch mit bestimmen half. Leicht kamen wir daher über die Bedingungen überein. So verließ ich Negapatnam, und langte wohlbehalten in Sadras an.

Zweites Capitel.

In der That, Herr Simons hatte mich nicht getäuscht; ich fand mich wirklich in eine sehr angenehme Lage versetzt. Guter Gehalt, mäßige Arbeit, freundliche Behandlung, herzlicher Umgang; nie hatte ich noch so zufrieden gelebt. Die Luft war gesund, die Gegend angenehm, Sadras selbst ein wohlhabender, und sehr lebhafter Ort. Ich hebe aus dem Ganzen einige Parthien aus.

Zuerst der Bazar, oder Marktplatz, der aus einer breiten, mit Bäumen besezten Straße besteht. Schon Morgens um fünf Uhr strömen von allen Seiten Marktleute herbei. Junge Mädchen und Weiber mit Gemüsen und Früchten; alte Weiber mit Matten und Töpferwaaren; Reis- und Getreide-, Betel-, Areka-, Spezerei- und Tabakshändler; Verkäufer von Palmzucker, Palmblättern und Sandelholz; Korbflechter, Reiskuchenbäcker, Armringsfabrikanten u. s. w.; alle eilen herbei, alle stellen sich in Reihen auf. Zu gleicher Zeit erscheinen Gaukler und Wahrsager, Banianen mit ihren Probiersteinen, Tattowirer mit ihren Nadeln, endlich Sanias und Foguis (Bettelmönche) mit nackten Fakirs vermischt.

So wird es acht Uhr, und alle Buden, und alle Gewölbe öffnen sich. Die Menschenmasse vermehrt sich, das Getümmel nimmt zu, der ganze Bazar ertönt von Geschrei. — Mangas! Reife Mangas! — Tamarinden! Tamarinden! — Areka und Betel! — Büffelkuhmilch! — Eingemachte Früchte! Kauft Früchte in Zucker! — Reife und frische Cocosnüsse! Frischer Palmkohl u. dgl. m. Dazu der Gesang der Mönche, mit Trommeln und Tambourins, die Glöckchen der Putchares (geistliche Balladensänger), die Hörner der Sarpojans (Schlangenbeschwörer), die Schellen der Pandoces (geistliche Bänkelsänger) mit dem Lärm der malabarischen Schulen, dem gellenden hundertstimmigen Ana, Awena, Han, (A. B. C.) und dem fast alles übertäubenden Gekrächz von tausenden von Raben vermischt. Endlich mitten im dicksten Getümmel der Beriesocheng, der weiße heilige Stier, dem alles Platz macht, und alles liebkosend Geschenke reicht.

Das gesellschaftliche Leben war höchst angenehm. Bald giengen wir in einen Palmenbusch, um eben gezapften, frischen, blauen Palmsaft zu trinken; bald machten wir eine Jagd- oder Fischparthie. Ein andermal ritten wir nach den Austerfelsen, oder brachten unsern Tag in stiller Ländlichkeit in einer Chauderie (öffentliche Herbergen an den Landstraßen, in Wäldern u. s. w.) zu. Die hohen, schattigen Pipals, der Weiher mit Cocosbäumen bepflanzt, der nahe Palmenwald, die Menge von Pilgrimen und Reisenden — auch ein solcher »Dia do campo« im noch immer beibehaltenen Portugiesisch so genannt, hatte seinen eigenen Reiz.