Dann die Gesellschaften, wo sich alles der Freude und der Lebendigkeit überließ. Die fröhlichen Abendessen mit allem was Land und Jahrszeit Auserlesenes zu liefern im Stande war. Die von der Liebe geschlossenen Vereine, wo jeder zu den Füßen der Auserwählten saß, und ihr ein süßes Versprechen abgewann. Die blinkenden Becher, die Gesänge, die Tänze und die vaterländische Kraft mit ostindischer Ueppigkeit gepaart!

Drittes Capitel.

Fast anderthalb Jahre hatte ich auf diese Art höchst vergnügt in Sadras verlebt, als mein Glück auf einmal vernichtet ward. Es war den 17. Juni 17— ungefähr um vier Uhr Nachmittags. Wir waren bei dem Generaldirector Herrn von Neis, zu einem Geburtstagsschmause, und tranken lustig Gesundheiten herum. »Nun noch eins!« — rief eben unser Wirth — »Noch eins, meine Herren! Auf das Wohlergehen von Sadras!« — In dem Augenblicke trat der wachthabende Sergeant herein und meldete, daß ein englischer Offizier angekommen sey. Er verlange Herrn von Neis zu sprechen, und habe ein weißes Tuch an seinem Stock. — Niemand, und am wenigsten Herrn von Neis fiel das weiße Tuch auch nur im mindesten auf. — »Nur herein!« — antwortete er sehr vergnügt — »Ein neuer Gast macht neuen Durst! — Er soll mit auf das Wohl von Sadras trinken! Nur herein!« —

Der Sergeant gieng, um die Thür zu öffnen, und der Offizier trat in den Saal. — »Es thut mir leid« — hub er an, indem er sich zu Herrn von Neis wandte — »Es thut mir leid, der Ueberbringer einer unangenehmen Botschaft zu seyn. England hat Holland den Krieg erklärt. Der Commandant von Chenglepet (englisches Fort in der Nachbarschaft) steht mit seinen Truppen nur noch eine Stunde von hier. Er läßt Sie hiermit auffordern, das Fort und die Factorei von Sadras auf Diskretion zu übergeben. Dies mein Auftrag; in zwei Stunden bitte ich mir ihre Antwort aus!« — Mit diesen Worten machte er uns eine Verbeugung und entfernte sich.

Welche Nachricht! Bleich und sprachlos saßen wir einige Augenblicke wie vom Donner gerührt. Endlich trug Herr von Neis auf eine Berathschlagung der fünf Hauptbeamten an. Dies wurde so fort genehmigt, und alle übrigen Gäste entfernten sich. Lange sannen wir nun hin und her, was anzufangen sey. Widerstand konnten wir freilich nicht leisten; dazu waren wir viel zu schwach. Aber uns auf Diskretion ergeben, dies durften wir ebenfalls nicht. Wir beschlossen daher auf einer ordentlichen Capitulation zu bestehen. Im Fall dieselbe jedoch verweigert würde, wollten wir uns in das Fort zurückziehen. Bei diesem Entschlusse blieb es, und so ward das Ganze zu Papier gebracht. Nach sechs Uhr gieng ich damit in Begleitung des Oberbuchhalters und des Parlementärs zu dem englischen Commandanten, einen Capitain Mackay ab. Sein Lager war wirklich nur eine Stunde von Sadras entfernt.

Wir kamen an und passirten die Vorposten ohne Schwierigkeit. Alles war still und finster, nie hatte ich noch ein so ruhiges Lager, ohne das mindeste Licht gesehen. Doch kaum waren wir angemeldet, als es etwas lebendiger ward. Man zündete Lichter an und brachte Stühle für uns. Einige Minuten und wir saßen dem Commandanten gegen über, der uns sehr stolz ansah.

»Capitain!« — hub ich an — »hier sind die Bedingungen, auf welche das Fort und die Factorei übergeben werden soll.«

Hastig riß er mir die Capitulation aus der Hand, las sie durch, und warf sie mir wieder zu. — »Sagt eurem Direktor, daß keine seiner Bedingungen angenommen wird. Es bleibe bei der Aufforderung. Ich habe Canonen und Leitern bei mir.«

»Capitain! Sie behandeln uns wie Callouris (indische Räuber). Wir sind Holländer, wissen Sie das?«

Er that, als verstünde er mich nicht, und schwieg einige Zeit. Endlich fuhr er trotzig auf: — »Nun, habt ihrs gehört, nur auf Discretion! — Versteht ihr mich?«