Die Hitze wird nur täglich stärker, wir fühlen sie besonders des Nachts. Schon früh um neun Uhr ist das Holzwerk so heiß, daß man die Hand nicht darauf legen kann. Mit unserem Tische geht es so, so; wir helfen uns mit dem Mitgebrachten aus. Das Meer ist sehr schön, und bietet uns eine Menge wunderbarer Erscheinungen dar. Wir bleiben oft bis Mitternacht auf dem Verdeck. Alles ist dann Glanz und Feuer um das Schiff. Dazu der sternbedeckte Himmel gleich einem reinen ätherischen Lichtmeere! Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr dieser Anblick das Herz erhebt!
Eine Stunde darauf.
Während ich obiges niederschrieb, tagte in Südost ein Fahrzeug auf, das bald für ein dänisches Schiff erkannt ward. Es hielt auf uns zu, und kam endlich ganz nahe heran. Es lag drei Wochen in der Tafelbai, und ist nach Rotterdam bestimmt. Unser Supercargo hat eine lange Unterredung mit dem Capitain gehabt, und giebt ihm ein Paket mit. Mein Brief soll darin eingeschlossen werden, daher für diesmal genug. Leben Sie wohl, verehrter Freund; meinen nächsten erhalten Sie wahrscheinlich aus der Kapstadt selbst.
Fünfter Brief.
Insel St. Helena, Juli 1805.
Erschrecken Sie nicht, mein werthester Freund, unser Schiff ist von den Engländern genommen, und hier als gute Prise eingebracht. Noch weiß ich nicht, was aus mir werden soll, fast dürfte die weitere Reise unmöglich seyn. Doch ich will Ihnen in der Ordnung erzählen, wie Alles zugegangen ist. Wir hatten den Passatwind bekommen, und rückten nun immer nach der Linie vor. Sonnenaufgang und Untergang, der Mond und die Sterne, es war ein neuer glänzender Himmel in der reinsten Pracht. So sahen wir unter andern einmal einen Regenbogen, der durch den Mond gebildet ward, und dennoch dem schönsten Sonnenregenbogen nur wenig nachgab.
Auf diese Art waren wir ungefähr bis unter den fünften Grad nördlicher Breite gekommen, als wir am sechsten Juni, Morgens, gerade in Südwesten ein großes Schiff auftagen sahen. Wir freuten uns sehr darüber, denn wir hielten es für einen heimkehrenden, holländischen Ostindienfahrer, dem es auch vollkommen in Bauart und Segelwerk glich. Jeder beeilte sich nun Briefe an seine Freunde zu schreiben, und ich selbst fieng einen an Sie Geliebter an. Doch wie schrecklich sahen wir uns in unserer Hoffnung getäuscht! Das Schiff kam näher, und ward bald für ein englisches Kriegsschiff erkannt. Jezt erfolgten die zwei gewöhnlichen Schüsse, das erstemal blind, das zweitemal hinter dem Schiffe hin, und wir waren gezwungen, beizudrehen. Sofort sezten die Engländer ein Boot aus, und schickten zwei Offiziere, nebst ungefähr zwanzig Mann Seesoldaten nach uns ab. Kaum waren nun diese an Bord, so wurden die Schiffspapiere untersucht, unzulänglich befunden, und Schiff und Ladung für gute Prise erklärt.
Denken Sie sich, wie uns Passagieren bei dieser Nachricht zu Muthe war! Um keinen Argwohn zu erregen, hielten wir uns während der Untersuchung, troz der erstickenden Hitze, in unsern Hütten auf. Hier brachten wir zwischen Furcht und Hoffnung wohl eine Stunde zu. Endlich erfuhren wir unser Schicksal. Unser Supercargo, Herr Van der Pulten, mußte sich an Bord des Kriegsschiffs begeben; eben so wurden auch unsere sämmtlichen Matrosen dahin gebracht. Unser Capitain verlor das Commando, und an seiner Stelle übernahm es ein englischer Lieutenant. Auch erhielten wir eine englische Schiffsmannschaft. Um uns andere schien man sich wenig oder gar nicht zu bekümmern, wie uns denn auch nicht das Mindeste genommen ward.
Aber welcher Lärm, welche Verwirrung auf dem Verdeck! Alles unter, und durch einander; ein Schreien, Fluchen und Rasen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Dazu das Ueberpacken der Hangmatten, Kisten u. s. w. Die fremden Gesichter, die fremde Sprache, der ganz veränderte Zustand. Endlich drangen ein halbes Dutzend englische Matrosen in die Cajüte, erbrachen die Kisten unseres Capitains, und bemächtigten sich seines Eigenthums. So gieng es fort bis vier Uhr, wo alles allmählig wieder in Ordnung kam. Bald darauf gab das Kriegsschiff ein Signal, und sogleich ward alles zum Weitersegeln in Bereitschaft gesezt. Endlich steuerte das Kriegsschiff voran, und das unserige hinter demselben drein. Der Curs war südlich; doch wohin es eigentlich gieng, blieb ein Geheimniß für uns.
Am folgenden Tage neue Verwirrung, neue Angst. Die Engländer beschlossen die Ladung Stück für Stück zu untersuchen, um der Prise desto gewisser versichert zu seyn. Da sie nämlich unser Schiff durchaus für ein verkapptes holländisches hielten, vermutheten sie auch Pulver, Blei, Gewehre u. s. w. unter der Ladung, was bekanntlich gegen die Kriegsgesetze ist. Zu diesem Ende wurden nun alle Kisten und Fässer auf das Verdeck gebracht, und theils zerschlagen, theils angebohrt. Sie wurden dabei so hoch aufgestapelt, daß fast das Umschlagen zu befürchten war. Man fand indessen nichts, als einige Fässer Harz, was dann zur Contrebande gestempelt ward. Hierauf ward alles wieder in den Raum geschafft, wiewohl in größter Unordnung. Diese ganze Untersuchung dauerte von Morgens sechs, bis Abends acht Uhr, und zwar während der Himmel mit furchtbaren Gewitterwolken bedeckt war. Ein einziger Windstoß, ein einziger Wetterschlag, und es würde um uns geschehen gewesen seyn.