Die Nacht war still, aber drückend heiß. Endlich gegen Morgen brach das Ungewitter mit tausend Donnerschlägen los. Das Echo in den Wolken war fürchterlich; der Regen floß in Strömen herab; der Sturm peitschte die Wogen himmelan; unzählige Blitze durchkreuzten sich. Zum Glück waren wir auf diese Travate — dies ist der Schiffsausdruck — schon seit dem Abende vorbereitet, so daß sie uns nicht den mindesten Schaden that.
Am 20. Juni passirten wir die Linie, was mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten geschah, und steuerten immer tiefer nach Süden hinab. Oft nahm uns das Kriegsschiff nunmehr aufs Schlepptau[18], wobei es natürlich tüchtige Stöße gab. Am 3. Juli verließ uns das Kriegsschiff auf eine kurze Zeit. Es beschloß auf einige Schiffe Jagd zu machen, die man in Osten erblickte, und der Capitain für spanische ansah. Er gab uns den Curs auf, den wir in der nächsten Nacht halten sollten, und versprach am andern Morgen wieder bei uns zu seyn. Allein wir harrten vergebens; selbst am dritten Tage erschien er noch nicht. So kreuzten wir immer in der Irre herum.
Das schlimmste dabei war, daß unser Wasser zu Ende gieng, und daß nun jeder auf eine Kanne täglich gesetzt ward. Zum Unglück hatten sich die Ratten auch schon längst über unser Selteserwasser gemacht; wir waren daher auf Wein und Branntewein eingeschränkt. Gekocht konnte nun durchaus nichts weiter werden, wenigstens in süßem Wasser nicht; dagegen machte das Seewasser alle Speisen beinahe ungenießbar.
Um einmal eine gute Tasse Caffe zu haben, gab ich zwei Flaschen Genever, jede zu sieben bis acht Gulden, für eine einzige Flasche Wasser hin. Zwar hatten wir zuweilen starke Regenschauer, allein dies half uns nichts. Segel, Holz- und Tauwerk waren nämlich so stark mit Salztheilen besezt, daß das herabfließende Wasser durchaus denselben Geschmack bekam. An unserem Mangel waren indessen die englischen Offiziere und Matrosen eigentlich selbst Schuld. Bei dem Umladen hatten sie nämlich mehrere Wasserfässer, die ihnen im Wege waren, zerschlagen; eben so hatten sie den größten Theil unseres Vorrathes zum Waschen verbraucht.
Fünf Tage hatten wir so aufs ungewisse herumgekreuzt, als endlich unser Lieutenant den Kurs nach St. Helena zu nehmen beschloß. Der Wind war heftig, aber auch äußerst günstig für uns. Dies war ein großes Glück, da jeder nur noch ein einziges Glas Wasser erhielt. So durchschnitten wir den ungeheuern Ocean ohngefähr vom Rio de la Plata an bis nach diesem einsamen Eiland. Vierzehn Tage waren vorüber, wir hatten nur noch Wasser auf einen einzigen, was gestern war. Da sahen wir mit aufgehender Sonne die schwarze, verbrannte, tausendfach in sich zerklüftete Felsenmasse vor uns. Aber bald verloren wir den Wind, und kamen nur mit Mühe heran. Doch als wir endlich um die hohen Felsen bogen, welch ein erfreulicher Anblick! Es war St. Jamestown, von hohen tropischen Bäumen beschattet, im Hintergrunde einer herrlichen Bai. Unvergeßlicher Abend! Meere und Himmel glänzten in Rosenglut. Bald erkannten wir auch unser Kriegsschiff, das vor 3 Tagen hier eingelaufen war, und ankerten sofort nicht weit davon.
Abends erhielten wir einen Besuch von einem Hamburger Capitain, der unter dänischer Flagge von Ostindien kommt. Er erbot sich, Briefe von uns mitzunehmen, und so wird ihm auch dieser zugestellt. Eben trifft die Antwort des Gouverneurs auf unser Bittgesuch ein, an's Land zu gehen. Sie ist, wie gewöhnlich, bejahend, und wir machen noch heute Gebrauch davon. — Ich umarme Sie mit Herzlichkeit; nächstens mehr von mir.
Sechster Brief.
Bai von St. Helena,
Juli 1805.
Es ist ein trüber, regnigter Tag, wie immer in dieser Jahrszeit. Ich bin allein in der Cajüte, alle meine Reisegefährten befinden sich am Lande, so werde ich denn von Niemanden gestört. In der ersten Nacht, nachdem wir vor Anker gegangen waren, hatten wir noch einen gewaltigen Schrecken. Denken Sie, im Vertrauen auf den guten Ankergrund, hatte sich der Capitain mit einem einzigen Anker begnügt. Dieser »raakte los«, wie es in der Schiffersprache heißt, und wir trieben in die offene See. Es war kurz vor Mitternacht, als es die Wache zum Glück noch inne ward. Jezt entstand ein entsezlicher Lärm, und alles mußte sofort an die Arbeit. Wir Passagiere fuhren aus dem ersten Schlafe auf, und glaubten anfangs, daß Feuer ausgekommen sey. Mit vieler Mühe ward nun das Schiff wieder gewendet und in Sicherheit gebracht. Wir wurden indessen nicht eher ruhig, als bis auf jeder Seite ein großer Anker gefallen war.
Nachmittags fuhr ich nun mit dem Supercargo, der uns vom Kriegsschiffe aus besucht hatte, ans Land. Wir stiegen an einem schattigen Wege aus, der längs den Batterien bis zu dem Thore hinläuft. Was einem nun zuerst in die Augen fällt, ist Jamestown, zu deutsch Jacobsstadt. So heißt der einzige Ort, der auf der Insel befindlich ist. Denken Sie sich ein schmales, noch keine halbe Stunde langes Thal, auf beiden Seiten mit 2000 Fuß hohen Bergen eingefaßt. In diesem Thale denken Sie sich nun 3 bis 4 Straßen mit zierlichen Häusern besezt, und hier und da mit Bäumen vermischt, und Sie sehen Jamestown in der Natur vor sich. Die vornehmste Straße geht von Süden nach Norden, und endigt in einem sehr schönen Graben, der der Regierung gehört. Hier findet man die besten Häuser, alle in orientalischem Geschmacke, mit platten Dächern, und Gallerien erbaut. Sie haben sämmtlich kleine Gärten, wo man die herrlichsten Blumen zieht. Da das Thal aufwärts steigt, ragen die hintersten Häuser etwas über die vordersten empor, und haben die Aussicht auf die Bai. In der Mitte der Straße befindet sich ein Grasplatz mit Bäumen besezt, auf dem ein schöner Brunnen steht. Ganz am Ende liegt ein schöner schattiger Gottesacker, wo wir einige geschmackvolle Grabmäler sahen.