Bai von St. Helena,
August 1805.

Jezt erst kann ich sagen, daß mir St. Helena in jeder Hinsicht bekannt geworden ist. Vorgestern in aller Frühe brach ich von St. Jamestown auf. Mein Führer war ein alter ehrlicher Bootsmann, aber in Wahrheit noch rüstig genug. Wir stiegen zuerst einen hohen, kahlen Felsen, den sogenannten Ladderhill, hinan. Von der Bai aus gesehn, faßt er die rechte Seite des Thales ein. Der ziemlich steile Weg ist in den Basalt gehauen, und überall mit einer gemauerten Brustwehr versehn. Gewöhnlich wird bis auf den Gipfel nur eine halbe Stunde abrechnet; wir brauchten aber an drei Viertelstunden dazu.

Auf dem höchsten Punkte befindet sich eine Batterie, die einen beträchtlichen Theil der Bai bestreicht, nebst einem Flaggenbaum. Daneben sind mehrere Baraken für die Artilleristen, die diesen Posten, wegen der reinen kühlen Luft, allen andern vorziehn. Sie haben ihre Weiber und Kinder bei sich, und bauen ihre kleinen Gemüsegärten sehr sorgfältig an. Die Aufsicht vom Ladderhill ist aber nichts weniger als schön. Auf der einen Seite hat man nichts als nakte Felsen; auf der andern das einsame Meer. Die Stadt selbst nimmt sich in der furchtbaren Tiefe wie ein Haufen Kartenhäuser aus.

Wir erquickten uns mit einem Glase Rum und stiegen dann einen zweiten, gleichfalls ganz kahlen Felsen hinan. Aber wie angenehm werden wir dafür auf dem Gipfel überrascht! Ein liebliches Thal mit grünenden Bergen eingefaßt, lag im glänzenden Morgenlichte vor uns da. Die Pisangs, die Cocospalmen, die Orangen und Bananas; weidende Heerden auf üppigen Wiesen; zierliche Landhäuser zwischen Fruchtbäumen versteckt; alles blühend und grünend, alles in Schönheit und Herrlichkeit; ein irdisches Paradies vom liebenden Himmel geküßt.

Wir wanderten nun am Rande dieses entzückenden Thales immer am Abhange des Berges hin. Der Weg war mit Lorbeer- und Myrthensträuchen, mit Citronen-, Orangen- und Feigenbäumen eingefaßt. Sie bildeten einen so dichten Schattengang, daß uns die Sonne nicht im mindesten beschwerlich fiel. Ich kaufte von einem alten Neger einige Orangen zu einem halben Stüber[23] das Stück, und fand dieselben von vortrefflichem Geschmacke. Gegen Mittag kamen wir an ein schönes Landhaus, das dem Gouverneur gehört. Wir fanden blos einige Neger und Negerinnen daselbst, und konnten es also nach Belieben besehen. Es ist ein treffliches Gebäude, vorn mit einer großen schattigen Kastanienallee, hinten mit einem herrlichen Garten versehen. Am Ende des Gartens befindet sich ein Hügel, auf den man Bäume, Gebüsche und Blumen aus China und aus England vom Kap und von den Südseeinseln beisammen sieht.

Das Innere dieses Landhauses ist sehr geschmackvoll verziert; überall sind die schönsten englischen Möbeln, auch eine Menge ostindischer und chinesischer Kostbarkeiten aufgestellt. Unter andern bemerkte ich ein schönes Fortepiano von Mahagony. Es war, wie ich hörte, auf der Insel selbst gebaut, und zwar von einem Deutschen, der mit den holländischen Truppen aus Surinam hierher gekommen ist. Er besizt bereits ein schönes Haus zu St. Jamestown, und schickt jährlich eine Menge musikalischer Instrumente, besonders aber Pianofortes, theils nach dem Kap, theils nach Batavia. Die wohlfeilsten werden ihm mit 60 Guineen, die theuersten mit 180 bis 200 bezahlt. Leztere sind mit den feinsten ostindischen Holzarten ausgelegt. Nachdem wir dies alles besehen hatten, nahmen wir eine ländliche Mahlzeit von Milch und Eiern zu uns, und sezten nach einem kleinen Mittagsschlafe unsere Wanderung weiter fort. Der ehrliche alte schwarze Castellan fand sich mit einem guten Stück Tabak über seine Erwartung bezahlt.

Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen bald zu einem anderen schönen Landhause, das einem Herrn Vrangham gehört. Die hier gezogenen Früchte und Gemüse sollen die besten auf der ganzen Insel seyn. Kein Wunder, daß daher blos der Obstgarten für 200 Pfund jährlich verpachtet ist. Ich bemerkte viel herrliches Wiesenland, sah aber nirgends Vieh darauf. Gleichwohl befindet sich ein starker Bach in der Nähe, der sich ins Meer ergießt. Das Wasser ist krystallhell, die Ufer sind mit den schönsten Blumen bedeckt.

Wir steuerten weiter nach Sandybay, immer längs einer Reihe mit Lorbeern und Myrthen bedeckter Berge hin. Dies ist der breiteste und bequemste Weg auf der Insel, so daß man selbst zu Wagen fortkommen kann. Allmählig stiegen wir aufwärts, und bald sahen wir das große liebliche Sandybay Thal vor uns. Das Farbenspiel der untergehenden Sonne war entzückend schön; die ganze Landschaft schien in Rosenglut getaucht.

So kamen wir bei dem Landhause eines Herrn Doreton an, das sehr romantisch an dem Abhange liegt. Ich hatte einige Zeilen an den Verwalter, und war daher ein sehr willkommener Gast. Augenblicklich sezte er uns herrliche Milch, frisches Brod und köstliche Früchte vor, während seine Frau ein vollständiges Abendessen versprach. Ich erfrischte mich mit einem Paar Stücken Ananas, und betrachtete die Landschaft, über der jezt der Mond aufgieng.

Nach ungefähr einer kleinen Stunde rief mich der alte ehrliche Neger zum Abendessen hinein. Ich trat in einen freundlichen Gartensaal, der mit den schönsten Kupferstichen verziert war. In der Mitte war ein ziemlicher Tisch gedeckt, und mit allerhand guten Sachen besezt. Wir hatten ein treffliches Stück Rostbeef, eine Schüssel mit Lamscerbonade, zwei andere mit Yams und Erdäpfeln, zwei Teller mit europäischen Pfeffergurken und Eingemachtem, ein Körbchen voll herrlicher Früchte, und eine große Flasche Maderasekt. Hungrig, wie wir nach einer solchen Tagereise waren, langten wir nunmehr herzhaft zu. Es war ein wunderschöner Abend; ich blieb bis nach zehn Uhr auf.