Endlich wieß mir der Verwalter ein Schlafzimmer an. Es war äußerst kühl und reinlich, dennoch that ich die ganze Nacht kein Auge zu. Hieran war eine Legion von Mäusen Schuld, die ihr Unwesen ins unglaubliche trieb. Sie liefen über mich hin und her, gänzlich ungenirt. Endlich kleidete ich mich an, und begab mich auf die Terrasse, wo ich von zwei bis sechs Uhr vollkommene Ruhe fand. Als es Morgen geworden war, brachten die guten Leute ein treffliches Frühstück, auf dem feinsten japanischen Porcellan. Ich beschenkte den Mann mit einem tüchtigen Stücke Tabak, und die Frau mit einigen Briefen Nadeln, nebst einem Röllchen Seidenband, was ihre Erwartung übertraf. So war es fast sieben Uhr geworden; endlich brachen wir auf.
Wir nahmen nun unsern Curs nach Longwood, ein der Compagnie gehöriges Gut, das auf der östlichen Seite der Insel liegt. Der fast zweistündige Weg dahin ist äußerst angenehm, und führt am Fuße des Dianenpik hin. Dies ist der höchste Gipfel von St. Helena, der sich fast 2700 Fuß über die Meeresfläche erhebt. Weiterhin sahen wir die artigen Landhäuser der Herren Pierin und Bazelt mit weitläuftigen Pflanzungen umringt. Hier wird das meiste und vorzüglichste Gemüse auf der ganzen Insel gebaut, was den Besitzern große Summen einträgt. Der Kohl wird für den besten auf der ganzen Welt gehalten, giebt aber keinen Marktartikel ab. Ich sah auch hier eine schöne Rinderheerde, so groß und fett, wie bei uns in Holland.
Zu meinem Erstaunen ward ich auf diesem ganzen Wege eine Menge Kaninchen gewahr. Sie haben Lager wie die Hasen, und schweifen unaufhörlich umher. Man fängt sie daher fast auf die nämliche Art. Zu gleicher Zeit bekamen wir auch sehr viel Tauben, Fasanen und Rebhühner zu Gesicht. Longwood[24] selbst, ist eine sehr schöne Besitzung. Sie liegt auf der Fläche eines Berges, der nicht weniger als drei englische Meilen[25] im Umfange hat. Das Haus ist mit einem weitläufigen Parke, einem vortrefflich unterhaltenen Garten, und herrlichen Wiesengründen umringt. Von der Gallerie und aus den meisten Zimmern hat man eine entzückende Aussicht auf die benachbarten pittoresken Thäler, auf die Bay von St. James und den Ocean. In der Regel wird Longwood von dem Vicegouverneur bewohnt.
Von hier aus führen nun wieder zwei Wege nach St. Jamestown; der eine mitten durch die Insel; der andere längs der Küste hin. Jener ist äußerst pittoresk, wegen des beständigen Auf- und Absteigens aber sehr unbequem. Dieser ist weniger romantisch, ja zuweilen sogar unangenehm; doch bietet er nur selten beschwerliche Stellen dar. Ich beschloß den lezteren zu wählen, um auch die minder angebauten Gegenden des Eylandes zu sehen. In der That fanden wir auch nichts als kleine einsame Negerhütten mit Frucht- und Gemüsegärten umringt. So wanderten wir unter Lorbeer- und Cypressenbäumen bis Mittag fort, wo unter einem Pisang Halt gemacht ward. Mein Führer hatte sich nämlich auf Herrn Doretons Gute mit Wein, Brod und Schinken versehen, und wir hielten auf diese Art eine sehr gute Mahlzeit. Auf den benachbarten waldigen Bergen schwärmten Rehböcke herum, und aus der Ferne donnerte ein herrlicher Wasserfall.
Nach einigen Stunden Ruhe machten wir uns wieder auf den Weg, und bekamen nachher den Wasserfall selbst zu Gesicht. Er stürzt sich an dreihundert Fuß hoch von einem pittoresken Felsen herab, und bildet einen crystallhellen ziemlich starken Bach. Das Wasser wird theils in Röhren nach St. Jamestown geleitet, theils fließt es dem Meere zu, wo es von den Schiffen benuzt wird. Bald näherten wir uns nun wieder der St. James-Bay. Auch hier, wie durchaus längs der Küste, war der Weg mit guten Brustmauern versehen. Endlich ließen wir einen hohen Berg mit einem Fort seitwärts liegen, und stiegen gerade Ladderhill gegenüber wieder nach St. Jamestown herab. So hatte ich denn die ganze Rundreise um die Insel von Westen nach Osten in zwei Tagen gemacht. Morgen und übermorgen besorge ich noch meine Einkäufe, und dann für wenigstens zwei Monate wieder an Bord.
Zehnter Brief.
In See, August 1805.
Gestern verließen wir St. Helena. Ich schlief noch ganz ruhig in meiner Koje[26], als ich durch die Signalschüsse geweckt ward. Schnell zog ich mich an, und eilte auf das Verdeck. Eben stieg die Sonne aus dem Meere auf, und alle Schiffe glänzten im Morgenroth. Wir hatten deren noch sechs in unserer Begleitung, lauter große Ostindien- und Chinafahrer mit Ladungen von unermeßlichem Werth. Der Südostpassat war uns äußerst günstig, bald lag die Insel gleich einem schwarzen Streifen hinter uns, und heute sind wir schon viele Meilen davon entfernt. Ich habe jezt die eine Hütte ganz für mich. So kann ich mich der zweiten Koje als Vorrathskammer bedienen, und bin in allem weit besser daran, als ehedem. Die Kost ist erträglich, das beste müssen aber auch diesmal die eigenen Provisionen thun.
12. August.
Vorgestern segelten wir die Insel St. Ascension vorbei, sie bietet dem Auge nichts als kahle Klippen dar. Das Segeln in Convoy hält unsere Fahrt nicht wenig auf. Immer bleibt ein und das andere Schiff zurück, auf das gewartet werden muß. Dann ist bald dies, bald jenes zu thun. Dann ruft bald dieser, bald jener das Kriegsschiff an. So lagen wir oft drei und mehrere Stunden bei, wobei es nicht an gegenseitigem Besuchen fehlt. Auf dem einen Ostindienfahrer giebt es fast alle Abende große Musik. Es sind besonders Blasinstrumente, was auf der See von ganz eigener Wirkung ist. Morgen passiren wir die Linie, doch finden keine Feierlichkeiten statt.