Was den alten ehrlichen Wächter selbst anlangt, so befand er sich schon seit 30 Jahren hier, und trieb zugleich das Schuhmacherhandwerk. Er hatte diese Stelle anfangs aus Bequemlichkeit gesucht, worauf ihm erst die Arbeit lieb geworden war. Troz seinem geringen Gehalte, der nur 25 Pfund betrug, war er dennoch vollkommen zufrieden, und wünschte sich nie von seinem lieben Thurme hinweg.
Mitunter war es ihm freilich manchmal sehr hart gegangen, besonders im Winter, wo die Verbindung oft Monate lang mit dem Lande abgeschnitten ist. So z. B. als einmal sein Mitwächter gestorben war. Sechs und dreißig Tage mußte er den Leichnam bei sich behalten, und obendrein den beschwerlichen Dienst allein versehen. An diese fünf schicklichen Wochen dachte er noch immer mit Entsetzen zurück. Seitdem sind regelmäßig drei Wächter angestellt. Der dritte war gerade auf einige Tage in Plymouth. So hörten wir dem guten Alten einige Stunden mit Vergnügen zu, bis endlich die Nachmittagsfluth eintrat. Jezt machten wir ihm ein kleines Geschenk an Gelde, und segelten mit dem günstigsten Winde nach Plymouth zurück.
Eine andere sehr angenehme Partie machten wir gestern nach Edgecumbe. Dies ist eine Art hohen Vorgebirges, das am jenseitigen Ufer der Tamor liegt, und von der Cadsand-Bay bespült wird. Wir ließen uns über die Tamor setzen, was durch zwei schmucke, rothbäckige Dirnen geschah, wandelten noch eine halbe Stunde zwischen herrlichen Wiesen hin, und langten endlich am Fuße des pittoresken Berges an. Edgecumbe gehört einer der ältesten Familie von England, und bildet im Grunde einen Park, der über eine Stunde im Umfange hat.
So wie wir allmählig aufstiegen, fanden wir nun die herrlichsten Anlagen aller Art. So sah ich z. B. eine Menge Lorbeer- und Myrthen-, Orangen- und Citronen-Pflanzungen, und glaubte mich plözlich wieder nach St. Helena versezt. Sie überwintern hier, wie ich höre, in freier Luft, woraus sich auf die Milde der Temperatur in diesem Theile von England schließen läßt. Auf dem höchsten Punkte, und in der Mitte des Ganzen, befindet sich das große schöne Wohnhaus, mit einer Aussicht, die einen Horizont von 7 bis 8 Stunden, und die herrlichsten Land- und Seeprospekte umfaßt. Das Innere dieser Villa ist eben so bequem als geschmackvoll eingerichtet, und mit Kunstwerken aller Art angefüllt. Der gegenwärtige Besitzer davon ist der einzige Sohn des Grafen von Edgecumbe, Lord Valleton. Er ist unaufhörlich auf neue Anlagen bedacht, so daß Edgecumbe in kurzem unter die ersten Merkwürdigkeiten von England gerechnet werden wird.
Um auf einem andern Wege nach the Dock zurückzugehen, beschlossen wir einen Berg zu übersteigen, an dessen Fuße das Dorf Cadsand, an der Bay gleiches Namens liegt. Auf dem Gipfel jenes Berges fanden wir eine Kirche, auf deren Thurme ein Telegraph befindlich war. Daneben stand ein kleines Haus, für die beiden Wächter bestimmt. Nachdem wir einen sehr beschwerlichen Abhang herunter gestiegen waren, aßen wir zu Cadsand zu Mittag, und kehrten auf einem sehr angenehmen Fußsteige erst nach the Dock, und dann nach Plymouth zurück.
Dreizehnter Brief.
Portsmouth, 7. November 1805.
Ich verließ Plymouth, um geradesweges nach London zu gehen. Zuerst nahm ich meinen Weg nach Exeter, das eine gute Tagereise von Plymouth entfernt ist. Ich that dies in der gewöhnlichen Morning-Coach, deswegen so genannt, weil sie immer des Abends liegen bleibt, während die Evening-Coach Tag und Nacht durchfährt. Es war 5 Uhr Morgens; meine Gesellschaft bestand aus zwei Herren und einer Dame; indessen währte es geraume Zeit, ehe es zwischen uns zum Gespräche kam.
Der erste Ort, wo wir anhielten, war Irybridge, ein vortreffliches Wirthshaus, das nur wenig Schritte von dem Dorfe gleiches Namens, höchst romantisch zwischen baumreichen Hügeln liegt. Wir fanden hier das Frühstück schon bereit, und die ganze Einrichtung äußerst geschmackvoll. Dann fuhren wir durch eine reizende Landschaft bis nach Aschburton, einem Städtchen, wo in einem gleichguten Wirthshause zu Mittag gegessen ward, passirten weiterhin Chudleigh, einen Marktflecken, der seiner Obstgärten wegen berühmt ist, und kamen endlich Abends um 7 Uhr in Exeter an.
Ich trat mit meinen Reisegefährten in einem großen Wirthshause ab, wo auch die Morning-Coach liegen blieb. So einsilbig sie den ganzen Tag über gewesen waren; so redselig wurden sie nach dem Abendessen, als der Portwein zu wirken anfieng. Ich habe dies aber bei allen Engländern bemerkt. Sie pflegen meistens erst bei der Flasche lebendig zu werden, und scheinen dann wirklich ganz andere Menschen zu seyn.