Um zwei Uhr ist bei uns Essenszeit, worauf ungefähr eine Stunde verwendet wird. Gegen 4 Uhr mache ich gewöhnlich allein, zuweilen auch in Gesellschaft einen großen Spaziergang. Um 6 Uhr komme ich zurück, trinke Thee, und bringe den Abend meistens mit Lesen, dann und wann aber auch im Theater zu. Hier ist jedoch immer ein solcher Lärmen, daß man wenig oder gar nichts vom Stücke verstehen kann. Die Zuschauer laufen nämlich beständig von einem Platze zum andern, wo es dann besonders in der Nähe gewisser Damen sehr laut zugeht. Diese benehmen sich indessen mit vieler Züchtigkeit, weil der Zutritt in das Theater nur den beiden ersten Klassen gestattet ist. Man erkennt sie jedoch sehr leicht an ihrer Kleidung, und besonders an ihrer wirklichen bezaubernden Artigkeit. Nichts reizenderes, als wenn ein solches Mädchen ihrem Geliebten eine Weintraube oder Orange aufdringt. Doch genug! denn eben ruft mich unsere gute Wirthin zum Abendessen ab.

Zwölfter Brief.

Plymouth, 27 October 1805.

Gestern war hier ein allgemeiner Freudentag. Es liefen nämlich 5 französische, bei Trafalgar genommene, Linienschiffe ein. Majestätisch wehte die englische Flagge vom Quarterdecke, während die französische tief ins Wasser hieng. Der Enthusiasmus des Volkes war unbeschreiblich. Dazu das Glockengeläute, der Donner der Kanonen, und das Freudengeschrei von allen Schiffen ringsumher! Aber bald ward nun auch Nelson's Tod bekannt. — Nelson is killd! — Nelson is killd![31] riefen sich Männer und Frauen, mit Thränen und Händeringen zu. Lebhaft fühlte ich was Volksgeist und Vaterlandsliebe ist.

Seit meinem lezten habe ich nun mehrere Abstecher in die umliegende Gegend gemacht. Zuerst nach Plymouth-Dock, oder gewöhnlich schlechtweg the Dock, nur eine halbe Stunde von hier. Es ist dies eine neue, weit größere und volkreichere Stadt, als Plymouth selbst. Ihr Name zeigt ihren ersten Ursprung, nämlich ein Schiffswerft an. Der Weg dahin ist sehr belebt und angenehm. Zuerst kommt man durch Stonehouse, ein artiges Dörfchen, dessen niedliche Häuser sich fast eine Viertelstunde neben der Straße hinziehen. Dann übersteigt man Stonehouse-Hill, einen ziemlich beträchtlichen Hügel, von dem man eine ausgebreitete Aussicht auf die beiden Nachbarstädte hat. Am Fuße desselben kommt man durch das Dörfchen Stock, und bald tritt man in die schönen, geraden und breiten Straßen von the Dock ein.

In der That, ich ward hier äußerst angenehm überrascht. Alles ist so nett, so freundlich, so lebendig; daß Plymouth wie ein düsteres Gefängniß dagegen erscheint. Wer daher nicht an jenen Aufenthalt gebunden ist, oder von seinen Renten leben kann, zieht in der Regel gewiß diese Stadt vor. Von öffentlichen Gebäuden sind besonders das außerhalb den Thoren liegende Marinehospital, die neuen Kasernen, das schöne Wachthaus, und die prächtigen Schiffswerfte sehenswerth. Die Lebensmittel sind etwas theurer als in Plymouth, man zahlt z. B. ungefähr ein Viertheil mehr als dort. Uebrigens gehen zwischen beiden Städten unaufhörlich eine Menge Postkutschen hin und her, die man zu jeder Stunde des Tages miethen kann.

Eine angenehme Seefahrt machte ich vor einigen Tagen nach Edystone. Dies ist der Name einer Klippenreihe, die sich in der offenen See, gerade vor der Mitte der Bay hinzieht. Auf dem höchsten Punkte derselben, vorzugsweise Edystone genannt, ist ein Leuchtthurm erbaut, der auf den englischen Seekarten, unter dem Namen Edystone-Lighthouse verzeichnet ist, und von den Schiffern sehr sorgfältig beobachtet wird. Ich fuhr in Gesellschaft einiger Bekannten dahin. Wir wählten natürlich einen vorzüglich schönen Tag dazu, weil man diesen gefährlichen Klippen sonst nicht nähern kann. Auch vergaßen wir die nöthigen Vorräthe an Wein, Rum, Rostbeef, Chesterkäse, Brod und Porter nicht.

Das Wetter war vortrefflich, das Meer fast spiegelglatt, der Wind sanfter Ost-Süd-Ost; schon nach einer Stunde langten wir daher bei dem Leuchtthurme an. Einer der Wächter wartete bereits auf uns, befestigte unser Boot an einem eisernen Ringe, und half uns dann durch das stille niedrige Wasser, von Klippe zu Klippe, bis an den Thurm hinan. Hierauf holte er unsere Vorräthe aus dem Boote, und führte uns eine zwar dunkle, aber bequeme Treppe hinauf. Bald öffnete er eine Thür, und wir traten in ein geräumiges Zimmer, das zwar etwas düster, jedoch recht artig meublirt war.

Wir fanden hier seinen Kameraden, einen schon ziemlich bejahrten Mann, der uns mit ungemeiner Freude empfieng. Ein Tag, wo diese armen Leute Besuch erhalten, ist immer ein Festtag für sie. Nach einer kleinen Unterhaltung, die wir mit einem Geschenke von Tabak eröffneten, stiegen wir vollends zur Laterne hinauf, und besahen die Einrichtung zur Erleuchtung, die jezt mit Lampen geschieht. Hierauf folgte eine tüchtige Kollation, von der natürlich unser alter Wirth nicht ausgeschlossen blieb, während dem andern sein Theil zurückgelegt ward. Dies machte denn den guten Alten so gesprächig, daß er uns nicht nur eine kurze Geschichte des Leuchtthurms selbst, sondern auch seine eigenen Lebensumstände zum Besten gab.

Der Leuchtthurm, wie er jezt dasteht, ist eigentlich schon der dritte auf Edystone. Der erste ward in den Jahren 1696 bis 1698 gebaut, stand aber nur bis 1707, wo er bei einem heftigen Herbststurme in einer Nacht von den Wellen verschlungen ward. Der zweite ward 1708 angefangen, und im folgenden Jahre vollendet. Er hielt gegen alle Stürme bis 1755 aus. Hier brannte er ab, und die zwei Wächter fanden einen sehr schrecklichen Tod. Der jetzige Leuchtthurm endlich ward in den Jahren 1756-59 vollendet, und hat seitdem den wüthendsten Orkanen getrozt.