Der preußische Consul hat mich anerkannt, und ich bin nun vollkommen frei. Es ist ein geborner Engländer, aber ein sehr wohlwollender Mann, der mir bereits eine Menge Gefälligkeiten erzeigt hat. Ich habe auch bereits eine Privatwohnung bezogen, mit der ich vollkommen zufrieden bin. Für Tisch und alles zusammen, zahle ich nicht mehr, als eine Guinee die Woche, was wirklich sehr billig ist. Meine zwei Coffers habe ich nun auch vom Bord erhalten, und mit großer Freude gefunden, daß wenig oder gar nichts davon verdorben ist. Die Bücherlisten aber mögen in Gottes Namen im Raume liegen bleiben, die verschimmelte Waare ist keine zehn Gulden mehr werth. Doch genug von mir selbst; ich theile Ihnen jezt einige Bemerkungen über Plymouth mit.
Plymouth mit 43,000 Einwohnern liegt am Abhange eines Hügels, der sich zwischen den Mündungen der Tamor und des Plym in die See hinaus erstreckt. Die Mündung der Tamor ist unter dem Namen Hamoare, die des Plym, die zugleich der Stadt den Namen giebt, unter der Benennung Catwater bekannt; die vor der Stadt selbst befindliche Bay heißt Plymouth-Sound. Die Mündung der Tamor ist am weitesten von der See entfernt. In der Regel werden daher alle abgetakelten Kriegsschiffe, und besonders die erklärten Prisen dahin gebracht; auch befinden sich die Gefängnißschiffe daselbst. Catwater, oder die Mündung des Plym ist besonders für Kauffahrer, und noch unter Prozeß liegende Prisen bestimmt; beide Ankerplätze sind wegen ihrer Sicherheit berühmt. Plymouth-Sound hingegen, so wie die benachbarte Cadsandbay pflegen bei stürmischen Wetter gefährlich zu seyn. Was man endlich Sutton Poot nennt, ist eine Art natürlichen Hafens im Catwater, an der einen Seite der Stadt. Er ist mit einem Kay eingefaßt, und bietet zum Ein- und Ausladen der Schiffe große Bequemlichkeiten dar.
Plymouth liegt also, wie gesagt, am Abhange eines Hügels, so daß sich die Straßen von oben nach unten ziehen, und die Häuser fast amphitheatralisch über einander gebaut sind. Die Straßen sind mit wenig Ausnahmen eng und düster, und wie man denken kann, ziemlich steil; eben so sind die Häuser fast durchgängig in altväterischem Stile gebaut, und haben bei den vielen zugemauerten oder mit Brettern vernagelten Fenstern ein doppelt häßliches Ansehen. Es ist dies eine Folge der übermäßigen Fenstertaxe, indem für jedes nicht geblendete Fenster, eine Abgabe von 15 Schillingen[29] bezahlt werden muß.
In dem niedrigsten Theile von Plymouth sind die Häuser am häßlichsten, und selten oder nie mit Gärten versehen. In dem mittleren Theile sind sie schon etwas besser, und haben fast alle jene Annehmlichkeit. Auf dem höchsten Theile des Hügels endlich, sind sie fast durchgehends neu und geschmackvoll, auch mit herrlichen Gärten umringt. Sie haben zu gleicher Zeit eine vortreffliche Aussicht auf die ganze Stadt, die umliegende Gegend, und die ganze Bay. So schlecht sich indessen auch der größte Theil der hiesigen Häuser von außen ausnimmt, im Innern sind sie dennoch sehr bequem eingerichtet, und häufig eben so prächtig, als geschmackvoll verziert.
Plymouth wird durch eine Citadelle gedeckt, die eine Viertelstunde im Umfange hat, und deren 5 Bastionen mit 165 Kanonen vom schwersten Kaliber besezt sind. Dazu kommt noch eine starke Wasserbatterie, die mit 18 24pfündern besezt ist. Im Innern der Citadelle befinden sich unter andern auch die Magazine für die Vorräthe der königlichen Flotte besonders an Mehl, Zwieback und Brod. Zu gleicher Zeit sind zwei große Backhäuser vorhanden, wovon jedes vier Oefen hat. Diese Oefen werden alle 24 Stunden nicht weniger als achtmal geheizt, so daß für 16,000 Mann darin gebacken werden kann.
Der Citadelle gegenüber, befindet sich auf einer kleinen Insel, St. Nicolas genannt, ein anderes Fort, das ebenfalls von großer Wichtigkeit ist, indem es die Mündungen des Plym, und der Tamor deckt. Hierzu trägt besonders die Lage desselben gerade vor der Stadt, und in der Mitte von Plymouth-Sound bei. Auch die Insel selbst wird nicht nur durch ihre felsige Küste, sondern überdem durch mehrere Batterien vertheidigt, wovon jede mit einem Roste zu glühenden Kugeln versehen ist.
Die hiesigen Lebensmittel sind vortrefflich, besonders was Fleisch, Gemüse und Fische anlangt, ohne eben sehr theuer zu seyn. So wird z. B. das Pfund Rindfleisch mit 5 bis 6 Stüvern[30], die Maas Kartoffeln mit einem Stüver; ein großer Schellfisch mit anderthalb bis zwei Stüvern bezahlt. Das Pfund Waizenbrod kostet einen Stüver, das Pfund Wachslichter zehn Stüver, das Pfund Thee von vorzüglicher Güte, noch nicht volle drei Gulden u. dgl. mehr. Ueberhaupt kann man annehmen, daß die ersten Bedürfnisse ziemlich wohlfeil, Luxusartikel aber, wie Wein, Liköre u. s. w. sehr theuer sind. Das leztere scheint auch vor allem zu gelten, was zur männlichen Kleidung gehört, während die gewöhnliche Frauenzimmerkleidung hingegen, sehr wohlfeil ist.
Gesellschaftliche Hülfsquellen trifft man zu Plymouth in Menge an. Zuerst sind mehrere gute Leihbibliotheken vorhanden, worunter ich besonders die von einem Herrn Bornickel, einem Deutschen auszeichnen muß; versteht sich, daß man nur nach englischen Büchern fragen darf. Ferner giebt es eine Menge guter Kaffehäuser und Tavernen, eben so ein recht artiges Schauspielhaus. Endlich fehlt es auch an Concerten, Assembleen und Bällen nicht. Wer Spaziergänge liebt, findet in der umliegenden Gegend hinlängliche Gelegenheit dazu.
Sehr schöne Aussichten hat man besonders von der Citadelle, die auf einem hohen, die ganze Bai beherrschenden Felsen liegt, und wohin der Zugang jedermann offen steht. Eben so auf einem andern hohen Berge, ungefähr eine halbe Stunde von der Stadt, von dessen Gipfel man weit in die See hinaussehen kann. Sehr angenehm sind auch die Parthien nach Catwater, oder der Mündung des Plym, wo man mehrere artige Wirthshäuser findet, eben so nach Plymouth-Dock, und dergl. mehr. Ich behalte mir die Beschreibung dieser Abstecher für die Zukunft vor.
Was meine eigene Lebensart anlangt, so wechsele ich mit Studieren und Beobachten, mit Arbeiten und Vergnügungen ab. So bringe ich z. B. den Vormittag bis ungefähr 11 Uhr zu Hause zu. Dann gehe ich auf eine Viertelstunde in ein Kaffehaus, das der Sammelplatz aller hier befindlichen holländischen Schiffer ist, und dann entweder auf das Rathhaus, um dem öffentlichen Gerichte beizuwohnen, oder in eine Leihbibliothek, oder ins Freie hinaus. Bei diesen öffentlichen Gerichten nehme ich gar sehr in der Sprache zu. Bemerkenswert ist auch, mit welchem Selbstgefühl und welcher Unerschrockenheit hier auch der ärmste Einwohner aus den untersten Classen seine Sache vorzutragen pflegt.