Heute Morgens um 8 Uhr aber erblickten wir ein Schiff, das mit vollem Winde auf uns zugesegelt kam. — »Jezt gilt es Leben oder Tod!« — rief der englische Lieutenant und munterte das Schiffsvolk durch eine kräftige Anrede zum Gefechte auf. Wir Passagiere, der vorige Capitain, der Schiffsarzt und ich, mußten uns in den Raum begeben, und brachten hier eine Stunde in Todesangst zu. Doch endlich hörten wir ein lautes Freudengeschrei, wurden hinaufgerufen, und sahen, daß jenes Schiff ein englischer Kutter von 34 Kanonen war. Er kam uns nun in kurzem zur Seite, und theilte uns allerhand Neuigkeiten mit.

5. October 1805. Morgens.

Wir haben die Küsten von Cornwallis in Gesicht, der Wind ist südost, und also in hohem Grade günstig für uns. Die schönen grünenden Berge mit ihren alten Kastelen glänzen im Sonnenschein, und eine Menge freundlicher Häuser ragen zwischen Baumgruppen hervor. — Ein Amerikaner hat uns mit herrlichem Pökelfleische und Kartoffeln ein erwünschtes Geschenk gemacht. Auch wird so eben ein Netz mit Sardellen aufgefischt. Alles auf dem Schiffe ist Leben und Fröhlichkeit. Wir sehen eine abgehende westindische Kauffartheiflotte von mehr als hundert Segeln, die von zwei Kriegsschiffen escortirt wird. Es ist ein unaussprechlich erhabener Anblick. Noch diesen Abend segeln wir um Cap Lezard herum.

Plymouth, 7 October 1805.

Als ich gestern Morgens erwachte, befanden wir uns in der Cawsandbay. Welcher Mastenwald! Welches Leben und welche Thätigkeit! Ich sage nicht zu viel, es lagen hier an 500 Schiffe zusammen, und dazwischen fuhren unzählige Schaluppen hin und her. Nicht weniger angenehm war der Landprospect. Ein Halbzirkel von herrlichen angebauten Bergen, in den Abhängen mit freundlichen Landhäusern, an dem Fuße mit schönen Dörfern bedeckt. Hier weidende Heerden, dort wohlgekleidete Feldarbeiter, und im Hintergrunde auf der höchsten Spitze ein Telegraphenthurm. Bald kamen nun eine Menge Boote mit Lebensmitteln an unser Schiff. Ich kaufte mir Wasser, Milch, Brod, Butter und Obst, und hielt ein köstliches Frühstück damit. Wenn man so nach drei Monaten zum erstenmal wieder einen frischen Trunk reines Quellwasser kostet — es ist ein Genuß, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt.

Unterdessen ward es von Stunde zu Stunde immer lebhafter in der Bay. Ich zählte an 300 Boote, blos mit Frauenzimmer angefüllt. Alle diese Damen hatten die Nacht auf der Flotte zugebracht, und kehrten jezt ans Land zurück. Sie waren in Mäntel und Pelze gehüllt, und schienen äußerst lustig zu seyn. Aber werden Sie wohl glauben, daß die ganze Gesellschaft, wohl an 2000 zusammen, aus feilen Mädchen bestand? Dies gehört zur englischen Marinepolizei. So wie eine Flotte in einem der fünf Haupthäfen eingelaufen ist, werden die Matrosen abgeholt. Den meisten brennt das Geld in der Tasche; es muß so bald als möglich wieder fort. Nun dürfen sie aber nur bei Tage ans Land, also helfen sie sich auf die obige Art. Es ist sogar ein Gesetz vorhanden, daß es ihnen kein Admiral u. s. w. verwehren darf. So kommt das Geld durch diese Mädchen sofort wieder in Umlauf, und die nächtliche Ruhe der Einwohner bleibt ungestört.

Unser Prisenmeister hatte sich inzwischen an Bord des Admiralschiffes begeben, und ließ uns einen ganzen langen Tag in peinlicher Ungewißheit. Endlich kam er Abends spät zurück, und kündigte uns die weitere Fahrt nach Portsmouth an. Das Kriegsschiff war aus diesem Hafen ausgelaufen; also gehörte auch die Prise dahin. Heute früh lavirten wir demnach wieder aus der Bay heraus, so ungünstig sich auch Wind und Wetter anließ.

Vier Stunden waren wir bereits unter Segel gewesen, und hatten doch kaum zwei Seemeilen zurückgelegt; als die Heftigkeit des Windes zum Sturme anwuchs. Der Regen floß in Strömen herab, und die Wellen schlugen unaufhörlich über das Verdeck. Mehrere die Bay einsegelnden Schiffe riefen uns zu, daß See zu halten unmöglich sey, allein unser Lieutenant kehrte sich nicht daran. Bald verloren wir das Boogspriet, und gleich darauf die Stange vom Besaanmast. Jezt erst schien der Lieutenant die Gefahr einzusehen, befahl das Schiff zu wenden, und rief durch Nothschüsse einen Lootsen an Bord. So liefen wir vor einigen Stunden in Plymouth ein, ich erhielt Erlaubniß, mich ans Land zu begeben, und lasse nun diesen Brief sofort über London an Sie abgehen.

Eilfter Brief.

Plymouth, 14 October 1805.