»Gewiss nicht, o Herr!«
»Und warum nicht?«
»Jenes Gericht, o Herr, würde ihm ja nunmehr widerstehn.«
»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist von einem Menschen, angezogen von der Gränze möglicher Wahrnehmung, was Fessel vom Reiche des Nichtdaseins war abgethan. Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch, der da losgelöst ist von der Fessel vom Reiche des Nichtdaseins, von der Gränze möglicher Wahrnehmung angezogen.
»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein Mensch von vollkommener Wahnerlöschung angezogen sei. Einem Menschen, Sunakkhatto, der von vollkommener Wahnerlöschung angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über die Gränze möglicher Wahrnehmung geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, eine Palme, der man die Krone abgeschnitten hat, nicht wieder emporwachsen kann, ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist bei einem Menschen, angezogen von vollkommener Wahnerlöschung, was Fessel der Gränze möglicher Wahrnehmung war abgehauen, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass es nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann. Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch, der da losgelöst ist von der Fessel der Gränze möglicher Wahrnehmung, von vollkommener Wahnerlöschung angezogen.
{63} »Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt, ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, Willensgier und -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen‹: also bedünke ihn dünkendes Heil. Und was einem vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt, das erlaubte er sich: erlaubte sich mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und weil er sich erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein Herz anschwellen lassen, kann er mit giergeschwelltem Herzen dem Tode entgegengehn oder tödtlichem Schmerze.
»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn ein Mann von einem Pfeile getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen wurde, und seine Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern bestellten ihm einen heilkundigen Arzt, und der heilkundige Arzt schnitte ihm mit einem Messer die Mündung der Wunde auf, dann suchte er mit einer Sonde nach der Spitze, und nachdem er diese gefunden, zöge er sie heraus, brächte die Giftsalbe weg, nicht ohne Ueberrest, wohl wissend[19], es sei noch ein Rest geblieben, und er spräche also: {64} ›Lieber Mann, herausgezogen ist dir der Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, nicht ohne Ueberrest, und da kann dir noch Gefahr drohen. Nur was dir bekommt an Nahrung darfst du genießen, auf dass nicht durch den Genuss von Nahrung, die dir nicht bekommt, die Wunde eiterig werde. Von Zeit zu Zeit magst du die Wunde waschen, von Zeit zu Zeit die Mündung der Wunde salben, auf dass nicht, so du es versäumst, die Mündung der Wunde mit Blut und Eiter sich anfülle. Wolle nicht bei Wind und Sonnengluth ausgehn, auf dass dir dabei nicht Staub und Hitze die Mündung der Wunde entzünden. Gieb wohl acht, lieber Mann, auf die Wunde, behandle sie recht.‹ Er aber gedächte: ›Herausgezogen ist mir der Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, nicht ohne Ueberrest, aber da kann mir keine Gefahr mehr drohen.‹ Und was ihm eben nicht bekommt an Nahrung genösse er, und durch den Genuss von Nahrung, die ihm nicht bekommt, würde die Wunde eiterig. Nicht wüsche er von Zeit zu Zeit die Wunde, nicht salbte er von Zeit zu Zeit ihre Mündung, so dass sie sich mit Blut und Eiter anfüllte. Bei Wind und Sonnengluth ginge er aus, so dass ihm dabei Staub und Hitze die Mündung der Wunde entzündeten. Er gäbe nicht acht auf die Wunde, behandelte sie nicht recht. Und weil er eben solches gethan, was ihm nicht bekommt, mit dem unlauteren, nicht weggebrachten Ueberreste von der Giftsalbe, würde die Wunde doppelt sich weiterentwickeln, und mit ihrer weiteren Entwickelung {65} ginge er dem Tode entgegen oder tödtlichem Schmerze:
»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, findet sich wohl der Fall, dass da irgend ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt, ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, Willensgier und -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen‹: also bedünke ihn dünkendes Heil. Und was einem vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt, das erlaubte er sich: erlaubte sich mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und weil er sich erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein Herz anschwellen lassen, kann er mit giergeschwelltem Herzen dem Tode entgegengehn oder tödtlichem Schmerze. Tod aber heißt es, Sunakkhatto, im Orden des Heiligen, wenn einer die Askese aufgiebt und zur Gewohnheit zurückkehrt: tödtlicher Schmerz aber, Sunakkhatto, heißt es, wenn einer irgend ein unsauberes Vergehn verübt.[20]
»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt, {66} ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, Willensgier und -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen.‹ Vollkommener Wahnerlöschung einzig ergeben erlaubte er sich nicht was einem vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und weil er sich nicht erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein Herz nicht anschwellen lassen, braucht er nicht mit giergeschwelltem Herzen dem Tode entgegenzugehn oder tödtlichem Schmerze.