Man hat gelegentlich gesagt, die Inder gefielen sich in überschwänglicher Höllenphantasie. Aber leider ist nicht nur unser „Schwedentrunk“ einer teuflischen Wirklichkeit bedenklich nahegekommen. Zahllose Beispiele erscheinen als leibhaftige Zeugen, beweisen wie genau jene Alten ja nicht den satanischen sondern eben den menschlichen Geist auch auf diesem Gebiete beobachtet und geschildert haben. Wir Deutsche stehn da gar nicht so fern ab, wie man meinen möchte, und können uns schon etliche der Akten verrathen lassen, die Dr. LAMMERT ein langes Leben hindurch aus Archiven und Urkunden unermüdlich zusammengetragen hat: und manche Zweifel an höllischer Objektität werden da schwinden. Man vergegenwärtige sich etwa folgende typische Fälle, aus tausenden gleicher herausgegriffen, und sei dabei der kantischen Lehre von der Idealität des Raumes und der Zeit wohl eingedenk. Der kgl. Bezirksarzt Dr. LAMMERT also berichtet l. c. S. 174 f.: „So meldet die Augsburger Chronik am 17. Mai 1634: »Die speerreiterische Soldaten haussen in schwaben sehr tyrannisch, tractieren die bauren mit köpff Reitlen, wasser eingießen, die Mäuler bis auf die Ohren aufschneiden u. dergl.« S. 193 ff.: In Landau und Umgegend steigerte sich der Hunger so, dass die Leichen aus den Gräbern gestohlen und verzehrt wurden. »Auch Lebende wurden hin und her erschlagen und verzehrt; so schlachtete eine Frau ihr eigenes Kind, salzte es ein, verzehrte es; sie starb darüber im Gefängniss.« Nahe bei Zweibrücken stritten zwei Weiber um den Besitz eines von Würmern bedeckten Stückes Aas, wobei eine die andere erwürgte. Rudelweise durchzogen die Wölfe Elsass und Kurpfalz und die sonst blühenden Landstriche hatten das Aussehen verödeter Kirchhöfe. Der Rektor GOTTFRIED ANDREÄ (von Worms) erzählt in seiner Lebensbeschreibung, dass sich die Leute vor den Bäckerläden einander todt gedrückt haben und dass der Magistrat auch hier den Kirchhof mit einer Wache hat versehen müssen; zur selben Zeit sah genannter Rektor vor dem Thore ein todtes Pferd liegen, »dabei sich eine Weibsperson befand, welche das Fleisch abschnitt, in ihr Fürtuch nahm und zugleich roh davon aß, dabei etliche Hunde, welche an der Mitte des Pferdes fraßen und auf dem Kopfe desselben unterschiedliche Raben.« Graf JOHANN VON NASSAU-SAARBRÜCKEN sagt in seinem Schreiben an Kaiser FERDINAND aus eigener Erfahrung, dass er in Städte, Flecken und Dörfer gekommen sei, da nicht ein Haus gefunden worden, darin nicht ein vor Hunger verschmachteter Körper gelegen wäre. »Ja, ich habe gesehen, dass die Leut vor Hunger nicht allein allerhand unnatürliche Speisen und sich untereinander selbst aufgefressen, sondern rasend worden, wie die unvernünftigen Thiere, die Sprach verloren, dagegen als Hund und Wölf geheult, nicht mehr aufrecht, sondern auf allen Vieren gelaufen.« CALMET in seiner Geschichte von Lothringen berichtet aus dieser Zeit zum Jahre 1638: Der Hunger war so groß, dass die Menschen Aas, und zuletzt sich selbst aufzehrten. Der Sohn vergriff sich an der Leiche des Vaters, der Vater an jener des Kindes, die Mutter an der Leiche der Tochter, der Reisende schlief nicht sicher neben seinem Reisegefährten, aus Furcht, dass er ihn todtschlage, um an ihm den Hunger zu stillen. Auch in der Mainzer Gegend haben sie (nach KHEVENHILLER) »die Gottesäcker durchsucht, die Gräber aufgebrochen, die Hochgerichte erstiegen und die Todten zur Speise genommen.« S. 219: In Ruppertshofen und Castorf waren alle Männer gestorben. Die Kuhhirtin in Ruppertshofen »hat von ihrem todten Manne gerissen und geschnitten, solches gekocht und mit ihren Kindern gegessen; auch ihrem Vater die Schenkel abgehauen, gewaschen, gekocht, dergleichen den Kopf aufgethan, gesotten und gefressen. Als sie gefragt worden, wie es geschmeckt, hat sie geantwortet, wenn sie nur ein wenig Salz dazu gehabt hätte, hätt’ es gut geschmeckt.« Der Kommandant von Rheinfels, Junker GEORG PHIL. VON BUSECK, hat dies nach genauem Erforschen wahr befunden. Dergleichen Jammerszenen sollen auch in anderen Gegenden, am Rhein, Main, an der Lahn, Dill und Sieg vorgekommen sein. S. 228 f.: Im Fuldaischen und Koburgischen bildeten sich »sogar förmliche Mordbanden, welche in Höhlen oder leerstehenden Häusern wohnten und von diesen aus auf Menschenraub ausgingen.« »Wie im vergangenen, so schlachteten auch in diesem Jahre Mütter ihre Kinder und verzehrten sie, während sich andere ertränkten.« — »Haufen Bettler lauerten auf die Vorübergehenden und tödteten sie, wie denn bei Worms eine solche Bande von ihrem Feuer verjagt und in den Töpfen die schaurigen Ueberbleibsel von Händen und Füßen gefunden wurden.« S. 239: Gefangene, im Stockhause verwahrte weimarische Soldaten, litten so große Noth, dass sie die vor Hunger gestorbenen Kameraden roh auffraßen. S. 132: Vernehmen wir, zu weiterer Beleuchtung des Zeitbildes, noch eine Stimme jener Leidensgenossen über die bestialische Raffiniertheit, mit welcher die schutzlosen Leute von den Mordgesellen gequält, geschunden und zum Tode gebracht wurden. »Zu dieser Zeit«, berichtet eine handschriftliche Chronik von Redwitz, »gieng jammer und Noth an in Unsrem Lande, vnd hat gewehret bis uff das 1637. Jahr, do man den baldt nichts anderst hörte, alss Rauben, stelen, Morden, brennen vnd sengen, die armen Leuth wurden niedergehauen, gestochen, geschossen, auch geraitelt, vielen die Augen ausgestochen, Arm vnd Beine entzwey geschlagen, Ohren vnd Nasen, auch Männliche Glieder vnd Säugende Brüst wurden ab- vnd ausgeschnitten, ettliche von Ferne beim Feuer gebratten, theils im Rauchschloth vffgehenket vnd Fever vnter sie geschieret, ettliche in die Backöffen gestossen, stroh fürgemacht vnd angezündet, Khün vnd schweffel vnter die Nägel gestecket vnd angezündet, die Daumen geschraubet, spitzige Knöbel ins Maul gestecket, dass das Bluth hauffenweiss herauss geloffen, hernacher den gantzen leib, durch den Mundt, mit Urin und Mistwasser gefüllet, die Fuesssohlen aufgeschnitten, hernach Salz hineingestreuet, Riemen auss den leibern geschnitten, und vielen die Rippen in den leib entzwey geschlagen, Jn Summa die grosse pein vnd vorhin unerhörte Martter (davon auch der teuffel in der höll mit Wissenschaft haben mochte) so sie den Menschen angethan, biss sie gestorben vnd verschmachtet oder presshaft worden, ist nicht zu schreiben.«“

Das wären denn einige flüchtige Streiflichter in unsere eigene Hölle einer verwichenen Zeit, gräulich genug, um uns die kokytischen Welten der Heiden nicht mehr so fremdartig wie dem Mephistopheles dämmern zu lassen. Andeutungen höllischer Phänomene aus der Gegenwart aber sind ebensowenig da wie dort verschieden: vergl. das unverblümte Wort im Wahrheitpfade 1S. 155.

[172] Vergl. des DIONYSIUS Ueberfahrt in das ungeschaffene Leben, bei ECKHART p. 530.

Das schmerzlich bewegte Aufseufzen des Richters der Schatten, am Ende obiger Symphonia horrifica, erinnert im letzten fernen Grunde an das berühmte, von SCHOPENHAUER, I § 57 i. m., interpretierte ῳμωξεν ιδων εις ουρανον ευρυν des unerbittlich vergeltenden Peliden, Mitte der XXI. Ilias. — Cf. noch Lieder der Mönche v. 217/218.

[173] Mit dem siam. Texte taṃ viddhā zu lesen; cf. Muṇḍakopan. II, 2, 2: tad veddhavyaṃ (cetasā bhāvanīyam), ib. 4: apramattena veddhavyaṃ śaravat.

[174] Von cando Mond; vergl. Haimadhātupārāyaṇam I, 313 candati dīpyate āhlādayati ca, und die beliebten nom. person. deriv. Candrasomaharidattādi, e. g. auch Theragāthā 299 Candano und den Candranavihāras, bei FOUCHER, Iconographie bouddhique, Paris 1900, p. 62.

[175] Von dem hier so oft genannten Kampfe ζξοχα πβντων gilt Asokos Wort vom dhammavijayo, dem wahren Siege, welchem gegenüber jeder andere, und noch so ungeheuere — der König spricht als Eroberer ganz Hindustans, von Baktrien bis Zeilon, vom Ganges bis zum Indus — nur von recht geringem Geschmacke ist; der dhammavijayo allein, sagt Asoko als erfahrener Held auf dem XIII. Felsenedikt, Girnār l. 11, ist sa-rasako, mit ächtem Geschmacke begabt: und nur ihn kann man für sättigend und beschwichtigend halten, den wahren Sieg.

Das maraṇaṃ suve = dem śvomaraṇaṃ der Smṛti, e. g. Mahābhāratam XII, 152, 12, »morgen todt«. — Vergl. JAKOBS Epist. 4, 14, Korinther I, 15, 30 & 55, und den Scheidegruß des Eremiten ANTONIOS, Anm. 27, ferner das Adagium στιγμω χρονου, von DEMETRIOS PHALEREUS überliefert, und GOETHE, Aus meinem Leben I, 3 i. m. Auch den schönen Spruch »Chi tempo aspetta, tempo perde«, bei RINALDO D’AQUINO, um 1250; sowie das Wort des Königs D. Rodrigo, im D. Quijote II, 26 i. m.: