40.

Vierter Theil

Zehnte Rede

VOR ASSAPURAM
– II –

{281} Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene in Bengalen, bei einer Stadt der Bengalier Namens Assapuram. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« — »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»‚Asketen, Asketen sind’s‘: so denken, ihr Mönche, von euch die Leute. Ihr aber, wenn ihr gefragt werdet: ›Was seid ihr?‹, bekennet: ›Wir sind Asketen.‹ Die ihr also bekannt seid, ihr Mönche, die ihr euch also bekennet, ihr habt auch die Pflichten zu üben: ›Den geraden Weg des Asketenthums, den werden wir wandeln. Und so soll dieser Name, den man uns giebt, wahr und unser Bekenntniss wirklich sein. Und für das Almosen von Kleidung, Speise, Obdach und Arzenei, dafür sollen die Geber bei uns hohen Lohn haben, hohe Förderung. Unsere Pilgerschaft aber soll nicht unfruchtbar bleiben, sondern Zweck und Ziel erwirken.‹

»Wie aber, ihr Mönche, wandelt der Mönch den geraden Weg des Asketenthums nicht? Ein Mönch, der da gierig die Gier nicht verleugnet hat, gehässig den Hass nicht verleugnet hat, zornig den Zorn nicht verleugnet hat, feindsälig die Feindschaft nicht verleugnet hat, häuchlerisch die Häuchelei nicht verleugnet hat, neidisch den Neid nicht verleugnet hat, eifernd die Eifersucht nicht verleugnet hat, selbstsüchtig die Selbstsucht nicht verleugnet hat, listig die List nicht verleugnet hat, gleißnerisch die Gleißnerei nicht verleugnet hat, boshaft die Bosheit nicht verleugnet hat, falsch die Falschheit nicht verleugnet hat: der wandelt, sage ich, ihr Mönche, weil er diese Flecken, Schäden und Schwären des Asketenthums, diese abwärts, zum Verderben führenden Eigenschaften nicht verleugnet hat, den geraden Weg des Asketenthums nicht. Wie eine Mordwaffe, ihr Mönche, zur Schlacht geeignet, zweischneidig, blinkend geschliffen, und mit einer Kutte umhangen, umhüllt: so erscheint mir, ihr Mönche, eines solchen Mönches Pilgerschaft.

»Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Kuttenträger, weil er die Kutte trägt, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Unbekleideten, weil er unbekleidet ist, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Schmutzbeschmierten, weil er schmutzbeschmiert ist, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Wasserbesprenger, weil er sich mit Wasser besprengt, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Waldeinsiedler, weil er im Walde wohnt, das Asketenthum zu. {282} Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Feldeinsiedler, weil er auf dem Felde wohnt, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Stetigsteher, weil er sich nicht setzt, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Fastenpfleger, weil er Fasten pflegt, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Spruchgewaltigen, weil er Sprüche in seiner Gewalt hat, das Asketenthum zu. Nicht spreche ich, ihr Mönche, einem Flechtenträger, weil er Flechten trägt, das Asketenthum zu.

»Wenn durch das Tragen der Kutte, ihr Mönche, des gierigen Kuttenträgers Gier verschwinden könnte, des gehässigen Hass verschwinden könnte, des zornigen Zorn verschwinden könnte, des feindsäligen Feindschaft verschwinden könnte, des häuchlerischen Häuchelei verschwinden könnte, des neidischen Neid verschwinden könnte, des eifernden Eifersucht verschwinden könnte, des selbstsüchtigen Selbstsucht verschwinden könnte, des listigen List verschwinden könnte, des gleißnerischen Gleißnerei verschwinden könnte, des boshaften Bosheit verschwinden könnte, des falschen Falschheit verschwinden könnte, würden Blutsverwandte und Freunde einem Neugeborenen die Kutte bringen, nur die Kutte verleihen: ›Komm’, du Glückskind, sei Kuttenträger! Als Kuttenträger wird dir, dem Gierigen, durch das Tragen der Kutte die Gier schwinden, dem Gehässigen der Hass schwinden, dem Zornigen der Zorn schwinden, dem Feindsäligen die Feindschaft schwinden, dem Häuchlerischen die Häuchelei schwinden, dem Neidischen der Neid schwinden, dem Eifernden die Eifersucht schwinden, dem Selbstsüchtigen die Selbstsucht schwinden, dem Listigen die List schwinden, dem Gleißnerischen die Gleißnerei schwinden, dem Boshaften die Bosheit schwinden, dem Falschen die Falschheit schwinden!‹ Da ich nun aber, ihr Mönche, auch manchen Träger der Kutte hier sehe, der gierig, gehässig, zornig, feindsälig, häuchlerisch, neidisch, eifersüchtig, selbstsüchtig, listig, gleißnerisch, boshaft, falsch ist, so spreche ich keinem Träger der Kutte, weil er die Kutte trägt, das Asketenthum zu.