ZWEIERLEI ERWÄGUNGEN

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« — »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Früher, ihr Mönche, noch vor der vollen Erwachung, kam mir, dem unvollkommen Erwachten, Erwachung erst Erringenden, dieser Gedanke: ›Wie, wenn ich nun die Erwägungen nach der einen und nach der anderen Seite sonderte?‹ Und ich sonderte nun, ihr Mönche, die Erwägungen des Begehrens, Schadens und Wüthens nach der einen Seite, und sonderte die Erwägungen des Entsagens, Nichtschadens, Nichtwüthens nach der anderen Seite. Als mir nun, Mönche, bei diesem ernsten, eifrigen, heißen Mühn eine Erwägung des Begehrens aufstieg, sagte ich mir: {115} ›Aufgestiegen ist mir da diese Erwägung des Begehrens; und sie führt zu eigener Beschränkung und führt zu fremder Beschränkung, sie führt zu beider Beschränkung, rodet die Weisheit aus, bringt Verstörung mit sich, führt nicht zur Wahnerlöschung, führt zu eigener Beschränkung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich auf. ›Führt zu fremder Beschränkung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich auf. ›Führt zu beider Beschränkung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich auf. ›Rodet die Weisheit aus, bringt Verstörung mit sich, führt nicht zur Wahnerlöschung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich auf. Und so oft nun, ihr Mönche, eine Erwägung des Begehrens in mir aufstieg, da verleugnete, vertrieb, vertilgte ich sie eben.

»Als mir nun, Mönche, bei diesem ernsten, eifrigen, heißen Mühn eine Erwägung des Schadens, eine Erwägung des Wüthens aufstieg, sagte ich mir: ›Aufgestiegen ist mir da diese Erwägung des Schadens, diese Erwägung des Wüthens; und sie führt zu eigener Beschränkung und führt zu fremder Beschränkung, sie führt zu beider Beschränkung, rodet die Weisheit aus, bringt Verstörung mit sich, führt nicht zur Wahnerlöschung, führt zu eigener Beschränkung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich auf. ›Führt zu fremder Beschränkung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich auf. ›Führt zu beider Beschränkung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich auf. ›Rodet die Weisheit aus, bringt Verstörung mit sich, führt nicht zur Wahnerlöschung‹: da ich also sann, ihr Mönche, löste sie sich auf. Und so oft nun, ihr Mönche, eine Erwägung des Schadens, eine Erwägung des Wüthens in mir aufstieg, da verleugnete, vertrieb, vertilgte ich sie eben.

»Was da, ihr Mönche, ein Mönch lange erwägt und überlegt, dahin neigt sich der Sinn. Wenn der Mönch, ihr Mönche, eine Erwägung des Begehrens lange erwägt und überlegt, so hat er die Erwägung des Entsagens verleugnet, die Erwägung des Begehrens großgezogen, und sein Herz neigt sich zur Erwägung des Begehrens. Wenn der Mönch, ihr Mönche, eine Erwägung des Schadens, eine Erwägung des Wüthens lange erwägt und überlegt, so hat er die Erwägung des Nichtschadens, die Erwägung des Nichtwüthens verleugnet, die Erwägung des Schadens, die Erwägung des Wüthens großgezogen, und sein Herz neigt sich zur Erwägung des Schadens, zur Erwägung des Wüthens.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein Rinderhirt im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, wenn die Ernte eingebracht ist, seine Heerde sammelt, die Rinder von da und von dort herantreibt, herzutreibt und in die Hürden und Ställe bringt, und warum das? Weil ja sonst, ihr Mönche, der Hirt gewissen Verlust oder Nachtheil, Unglück oder Unbill gewärtigen müsste: ebenso nun auch, ihr Mönche, merkte ich da des Schlechten Elend, Erbärmlichkeit und Besudelung und des Guten heilsamen Einfluss in der Entsagung.

{116} »Als mir nun, Mönche, bei diesem ernsten, eifrigen, heißen Mühn eine Erwägung des Entsagens aufstieg, sagte ich mir: ›Aufgestiegen ist mir da diese Erwägung des Entsagens; und sie führt wahrlich nicht zu eigener Beschränkung, nicht zu fremder Beschränkung, führt zu keines Beschränkung, fördert die Weisheit, bringt keine Verstörung mit sich, führt zur Wahnerlöschung. Ob ich sie nun, ihr Mönche, bei Nacht erwäge und überlege, ob ich sie nun, ihr Mönche, bei Tag erwäge und überlege, ich kann in ihr nichts Schreckliches finden: ob ich sie gleich, ihr Mönche, Tag und Nacht erwäge und überlege, ich kann in ihr nichts Schreckliches finden. Aber gäbe ich mich dem Erwägen und Ueberlegen zu lange hin, so würde mein Körper ermüden, bei müdem Körper das Herz matt werden, und das matte Herz ist fern von der Selbstvertiefung.‹ Da fasste ich denn, ihr Mönche, mein Herz innig zusammen, beruhigte es, einigte es, festigte es, und warum das? Damit mein Herz nicht matt werde.

»Als mir nun, ihr Mönche, bei diesem ernsten, eifrigen, heißen Mühn eine Erwägung des Nichtschadens, eine Erwägung des Nichtwüthens aufstieg, sagte ich mir: ›Aufgestiegen ist mir da diese Erwägung des Nichtschadens, diese Erwägung des Nichtwüthens; und sie führt wahrlich nicht zu eigener Beschränkung, nicht zu fremder Beschränkung, führt zu keines Beschränkung, fördert die Weisheit, bringt keine Verstörung mit sich, führt zur Wahnerlöschung. Ob ich sie nun, ihr Mönche, bei Nacht erwäge und überlege, ob ich sie nun, ihr Mönche, bei Tag erwäge und überlege, ich kann in ihr nichts Schreckliches finden: ob ich sie gleich, ihr Mönche, Tag und Nacht erwäge und überlege, ich kann in ihr nichts Schreckliches finden. Aber gäbe ich mich dem Erwägen und Ueberlegen zu lange hin, so würde mein Körper ermüden, bei müdem Körper das Herz matt werden, und das matte Herz ist fern von der Selbstvertiefung.‹ Da fasste ich denn, ihr Mönche, mein Herz innig zusammen, beruhigte es, einigte es, festigte es, und warum das? Damit mein Herz nicht matt werde.

»Was da, ihr Mönche, ein Mönch lange erwägt und überlegt, dahin neigt sich der Sinn. Wenn der Mönch, ihr Mönche, eine Erwägung des Entsagens lange erwägt und überlegt, so hat er die Erwägung des Begehrens verleugnet, die Erwägung des Entsagens großgezogen, und sein Herz neigt sich zur Erwägung des Entsagens. Wenn der Mönch, ihr Mönche, eine Erwägung des Nichtschadens, eine Erwägung des Nichtwüthens lange erwägt und überlegt, so hat er die Erwägung des Schadens, die Erwägung des Wüthens verleugnet, die Erwägung des Nichtschadens, die Erwägung des Nichtwüthens großgezogen, und sein Herz neigt sich zur Erwägung des Nichtschadens, zur Erwägung des Nichtwüthens.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein Rinderhirt im letzten Monat des Sommers, wenn das Korn auf den Feldern ringsum in voller Reife steht, seine Heerde hüten und im Walde wie auf der Wiese wohl achthaben muss: {117} ›Die Rinder sind da‹: ebenso nun auch, ihr Mönche, musste ich da wohl achthaben: ›Die Dinge sind da.‹