»Gern, o Herr!« erwiderte da der ehrwürdige Ānando, dem Erhabenen gehorchend.
Und der Erhabene spreitete den Mantel, vierfach gefaltet, aus und legte sich auf die rechte Seite wie der Löwe hin, einen Fuß über dem anderen, gesammelten Sinnes, der Zeit des Aufstehns gedenkend.
Und der ehrwürdige Ānando wandte sich nun also an Mahānāmo den Sakyer:
»Da ist, Mahānāmo, der heilige Jünger tüchtig in Tugend, die Thore der Sinne hütet er, beim Essen weiß er Maaß zu halten, er weiht sich der Wachsamkeit, sieben rechte Eigenschaften eignen ihm, und die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben besäligen, die kann er nach Wunsch gewinnen, in ihrer Fülle und Weite.
{355}»Wie aber ist, Mahānāmo, der heilige Jünger tüchtig in Tugend? Da ist, Mahānāmo, der heilige Jünger tugendhaft, in reiner Zucht richtig gezügelt bleibt er lauter im Handel und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut kämpft er beharrlich weiter, Schritt um Schritt. Also ist, Mahānāmo, der heilige Jünger tugendhaft.
»Wie aber hütet, Mahānāmo, der heilige Jünger die Thore der Sinne? Hat da, Mahānāmo, der heilige Jünger mit dem Gesichte eine Form erblickt, so fasst er keine Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gesichtes verweilt, befleißigt er sich dieser Bewachung, er hütet das Gesicht, er wacht eifrig über das Gesicht. Hat er mit dem Gehöre einen Ton gehört — hat er mit dem Geruche einen Duft gerochen — hat er mit dem Geschmacke einen Saft geschmeckt — hat er mit dem Getaste eine Tastung getastet — hat er mit dem Gedenken ein Ding erkannt, so fasst er keine Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gedenkens verweilt, befleißigt er sich dieser Bewachung, er hütet das Gedenken, er wacht eifrig über das Gedenken. Also hütet, Mahānāmo, der heilige Jünger die Thore der Sinne.
»Wie aber weiß, Mahānāmo, der heilige Jünger beim Essen Maaß zu halten? Da nimmt, Mahānāmo, der heilige Jünger gründlich besonnen die Nahrung ein, nicht etwa zur Letzung und Ergetzung, nicht zur Schmuckheit und Zier, sondern nur um diesen Körper zu erhalten, zu fristen, um Schaden zu verhüten, um ein heiliges Leben führen zu können: ›So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten und ein neues Gefühl nicht aufkommen lassen, und ich werde ein Fortkommen haben, ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden.‹ Also weiß, Mahānāmo, der heilige Jünger beim Essen Maaß zu halten.
»Wie aber weiht sich, Mahānāmo, der heilige Jünger der Wachsamkeit? Da läutert, Mahānāmo, der heilige Jünger bei Tage, gehend und sitzend, das Gemüth von trübenden Dingen; läutert in den ersten Stunden der Nacht, gehend und sitzend, das Gemüth von trübenden Dingen; legt sich in den mittleren Stunden der Nacht auf die rechte Seite wie der Löwe hin, einen Fuß über dem anderen, gesammelten Sinnes, der Zeit des Aufstehns gedenkend; läutert in den letzten Stunden der Nacht, wieder aufgestanden, gehend und sitzend, das Gemüth von trübenden Dingen. Also weiht sich, Mahānāmo, der heilige Jünger der Wachsamkeit.
{356}»Wie aber eignen, Mahānāmo, dem heiligen Jünger sieben rechte Eigenschaften? Da hat, Mahānāmo, der heilige Jünger Zutrauen, er traut der Wachheit des Vollendeten, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Und er ist schaamhaft, er schämt sich Schlechtes in Werken, Worten und Gedanken zu begehn, er wahrt sich, dass er nicht in böse, unheilsame Dinge gerathe. Und er ist schüchtern, er scheut sich Schlechtes in Werken, Worten und Gedanken zu begehn, er sorgt, dass er nicht in böse, unheilsame Dinge gerathe. Und er hat viel gehört, ist Behälter des Wortes, Hort des Wortes der Lehre; und was da am Anfang begütigt, in der Mitte begütigt, am Ende begütigt und sinn- und wortgetreu das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum überliefert: das kennt er, behält er, beherrscht er mit der Rede, bewahrt es im Gedächtniss, hat es von Grund aus verstanden. Und er hat den Muth und die Kraft unheilsame Dinge zu verleugnen und heilsame Dinge zu erringen, er dauert stark und standhaft aus, giebt den heilsamen Kampf nicht auf. Und er hat Einsicht, ist mit höchster Geistesgegenwart begabt: was da einst gethan, einst gesagt wurde, daran denkt er, daran erinnert er sich. Und er ist witzig, mit der Weisheit begabt, die Aufgang und Untergang sieht, mit der heiligen, durchdringenden, die zur völligen Leidensversiegung führt. Also eignen, Mahānāmo, dem heiligen Jünger sieben rechte Eigenschaften.
»Und wie, Mahānāmo, kann der heilige Jünger die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben besäligen, nach Wunsch gewinnen, in ihrer Fülle und Weite? Da weilt, Mahānāmo, der heilige Jünger, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens erreicht er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe, gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst weilt er, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkt er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Also kann, Mahānāmo, der heilige Jünger die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben besäligen, nach Wunsch gewinnen, in ihrer Fülle und Weite.