»Und wieder, Sandako, behauptet da ein Meister diese Meinung, diese Ansicht: ›Was einer begeht und begehn lässt: wer zerstört und zerstören lässt, wer quält und quälen lässt, wer Kummer und Plage schafft, wer schlägt und schlagen heißt, wer Lebendiges umbringt, Nichtgegebenes nimmt, in Häuser einbricht, fremdes Gut raubt, wer stiehlt, betrügt, Ehefrauen verführt[83], Lügen spricht: was einer begeht, er begeht keine Schuld. Und wer da gleich mit einer scharfgeschliffenen Schlachtscheibe alles Lebendige auf dieser Erde zu einer einzigen Masse Mus, zu einer einzigen Masse Brei machte, so hat er darum keine Schuld, begeht kein Unrecht. Und wer auch am südlichen Ufer des Ganges verheerend und mordend dahinzöge, zerstörte und zerstören ließe, quälte und quälen ließe, so hat er darum keine Schuld, begeht kein Unrecht: und wer auch am nördlichen Ufer des Ganges spendend und schenkend dahinzöge, Almosen gäbe und geben ließe, so hat er darum kein Verdienst, begeht nichts Gutes. Durch Milde, Sanftmuth, Selbstverzicht, Wahrhaftigkeit erwirbt man kein Verdienst, begeht nichts Gutes.‹[84]

»Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: ›Dieser liebe Meister behauptet eine solche Meinung, eine solche Ansicht. Wenn es wahr ist, was er sagt, so hab’ ich hier ohne zu wirken gewirkt, habe hier ohne zu vollbringen vollbracht. Beide sind wir also hier ohne Unterschied einsgeworden; obzwar ich nicht behaupte, dass wir durch unsere Thaten keine Schuld begehn. Ein Uebermaaß ist es daher von diesem lieben Meister, nackt zu gehn, den Scheitel zu scheeren, auf den Fersen zu sitzen, Haar und Bart auszuraufen, wenn ich, der in einem Hause voller Kinder lebt, der Seide und Sandel gebraucht, Schmuck und duftende Salben verwendet, der an Gold und Silber Gefallen hat, künftighin ganz das selbe Loos wie dieser liebe Meister erfahren werde. Was lehrt er mir, was zeigt er mir, dass ich bei diesem Meister ein Asketenleben führen sollte?‹ Und er merkt: ›Es ist unächte Asketenschaft‹, und wendet sich unbefriedigt von solchem Asketenthum ab.

»Das aber, Sandako, ist von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als zweite Art unächter Asketenschaft gekennzeichnet worden, wo ein verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann.

»Und wieder, Sandako, behauptet da ein Meister diese Meinung, diese Ansicht: ›Es giebt keinen Anlass, es giebt keinen Grund der Verderbniss der Wesen; ohne Anlass, ohne Grund werden die Wesen verderbt. Es giebt keinen Anlass, es giebt keinen Grund der Läuterung der Wesen; ohne Anlass, ohne Grund werden die Wesen lauter. Es giebt keine Macht und keine Kraft, es giebt keine Mannesgewalt und keine Mannestapferkeit. {517} Alle Wesen, alle Lebendigen, alle Gewordenen, alle Geborenen sind willenlos, machtlos, kraftlos. Nothwendig kommen sie zustande und entwickeln sich zur Reife und empfinden je nach den sechs Arten von Dasein Wohl und Wehe.‹[85]

Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: ›Dieser liebe Meister behauptet eine solche Meinung, eine solche Ansicht. Wenn es wahr ist, was er sagt, so hab’ ich hier ohne zu wirken gewirkt, habe hier ohne zu vollbringen vollbracht. Beide sind wir also hier ohne Unterschied einsgeworden; obzwar ich nicht behaupte, dass wir ohne Anlass, ohne Grund lauter werden. Ein Uebermaaß ist es daher von diesem lieben Meister, nackt zu gehn, den Scheitel zu scheeren, auf den Fersen zu sitzen, Haar und Bart auszuraufen, wenn ich, der in einem Hause voller Kinder lebt, der Seide und Sandel gebraucht, Schmuck und duftende Salben verwendet, der an Gold und Silber Gefallen hat, künftighin ganz das selbe Loos wie dieser liebe Meister erfahren werde. Was lehrt er mir, was zeigt er mir, dass ich bei diesem Meister ein Asketenleben führen sollte?‹ Und er merkt: ›Es ist unächte Asketenschaft‹, und wendet sich unbefriedigt von solchem Asketenthum ab.

»Das aber, Sandako, ist von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als dritte Art unächter Asketenschaft gekennzeichnet worden, wo ein verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann.

»Und wieder, Sandako, behauptet da ein Meister diese Meinung, diese Ansicht: ›Sieben Elemente giebt es, Urstoffe, urstoffartig, ungebildet, ungeformt, starr, giebelständig, grundfest gegründet.[86] Sie regen sich nicht, verändern sich nicht, wirken nicht auf einander ein, können sich gegenseitig nicht wohlthun, nicht wehthun, nicht wohl- und wehthun. Welche sieben sind es? Erde, Wasser, Feuer, Luft, Wohl, Wehe und siebentens Leben. Diese sieben Elemente sind Urstoffe, urstoffartig, ungebildet, ungeformt, starr, giebelständig, grundfest gegründet. Sie regen sich nicht, verändern sich nicht, wirken nicht auf einander ein, können sich gegenseitig nicht wohlthun, nicht wehthun, nicht wohl- und wehthun. Da giebt es keinen der mordet oder tödten lässt, keinen der hört oder hören lässt, keinen der weiß oder wissen lässt.[87] Wenn auch einer mit scharfem Schwerdte das Haupt abschlägt, so raubt keiner irgend wem das Leben: nur eben zwischen dem Abstande der sieben Elemente fährt das Schwerdt hindurch. Und es giebt vierzehnmal hunderttausend und sechzigmal hundert und sechsmal hundert besondere Schooße der Entstehung; und der Thaten giebt es fünfmal hundert, und fünf Thaten, und drei Thaten, und eine That, und halbe That; und zweiundsechzig Pfade giebt es, und zweiundsechzig Zwischenalter der Welt; und sechs Arten von Dasein; und es giebt acht Stätten für Menschen, und fünfzig weniger einmal hundert Lebensweisen, und fünfzig weniger einmal hundert Pilgerorden, und fünfzig weniger einmal hundert Schlangenreiche; {518} und zwanzigmal hundert Sinneskräfte, und dreißigmal hundert Höllenwege giebt es; und sechsunddreißig Leidenschaften, und sieben bewusste Gebiete, sieben unbewusste Gebiete, sieben entbundene Gebiete; sieben der Götter, sieben der Menschen, sieben der Gespenster; sieben Seen, sieben Strudel; sieben Felsen, sieben Abgründe; sieben Träume, siebenmal hundert Träume giebt es. Vierundachtzigmal hunderttausend der großen Weltalter müssen die Thoren wie die Weisen durchwandern, durchwandeln, bis sie dem Leiden ein Ende machen werden. Da geht es nicht an: ›Durch solche Uebungen oder Gelübde, Kasteiung oder Entsagung will ich das noch nicht reif gewordene Werk zur Reife bringen, oder das reif gewordene Werk nach und nach zunichte machen‹: das geht eben nicht. Nach dem Maaße bemessen ist Wohl und Wehe. Die Wandelwelt hat bestimmte Gränzen; und man kann sie nicht mehren und nicht mindern, nicht schwellen und nicht schwinden lassen. Gleichwie sich etwa ein Fadenknäul unten, den man aufwinden muss, nicht heranziehn lässt, ebenso auch müssen die Thoren wie die Weisen die Welt durchwandern und durchwandeln, bis sie dem Leiden ein Ende machen werden.‹[88]

»Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: ›Dieser liebe Meister behauptet eine solche Meinung, eine solche Ansicht. Wenn es wahr ist, was er sagt, so hab’ ich hier ohne zu wirken gewirkt, habe hier ohne zu vollbringen vollbracht. Beide sind wir also hier ohne Unterschied einsgeworden; obzwar ich nicht behaupte, dass wir die Welt durchwandern und durchwandeln müssen, bis wir dem Leiden ein Ende machen werden. Ein Uebermaaß ist es daher von diesem lieben Meister, nackt zu gehn, den Scheitel zu scheeren, auf den Fersen zu sitzen, Haar und Bart auszuraufen, wenn ich, der in einem Hause voller Kinder lebt, der Seide und Sandel gebraucht, Schmuck und duftende Salben verwendet, der an Gold und Silber Gefallen hat, künftighin ganz das selbe Loos wie dieser liebe Meister erfahren werde. Was lehrt er mir, was zeigt er mir, dass ich bei diesem Meister ein Asketenleben führen sollte?‹ Und er merkt: ›Es ist unächte Asketenschaft‹, und wendet sich unbefriedigt von solchem Asketenthum ab.

»Das aber, Sandako, ist von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als vierte Art unächter Asketenschaft gekennzeichnet worden, {519} wo ein verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann. Das sind nun, Sandako, die vier Arten, die von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als unächte Asketenschaft gekennzeichnet worden sind, wo ein verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann.«

»Wunderbar, o Ānando, außerordentlich ist es, o Ānando, wie da von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, die vier Arten wirklich unächter Asketenschaft als unächte Asketenschaft gekennzeichnet worden sind, wo ein verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann. Wie aber, o Ānando, mögen die vier Arten beschaffen sein, die von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, als unerquickliche Askese gezeigt worden sind, wo ein verständiger Mann sicherlich keine Askese üben wird, übt er sie aber, nicht Aechtes, heilsames Recht erwirken kann?«