Da kam nun dem ehrwürdigen Udāyī, während er einsam zurückgezogen sann, folgender Gedanke in den Sinn: ›Viel unsälige Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene genommen, viel sälige Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene gegeben! Viel unheilsame Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene genommen, viel heilsame Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene gegeben!‹
Als nun der ehrwürdige Udāyī gegen Abend die Gedenkensruhe beendet hatte, begab er sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. {448} Seitwärts sitzend sprach nun der ehrwürdige Udāyī also zum Erhabenen:
»Während ich da, o Herr, einsam zurückgezogen sann, kam mir folgender Gedanke in den Sinn: ›Viel unsälige Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene genommen, viel sälige Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene gegeben! Viel unheilsame Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene genommen, viel heilsame Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene gegeben!‹ Denn wir haben früher, o Herr, sowohl am Abend als am Morgen und zu Mittag, außer der Zeit, gegessen. Es war einmal, o Herr, ein Anlass, wo der Erhabene die Mönche ermahnte: ›Wohlan, ihr Mönche, jenes Mittagessen, außer der Zeit, sollt ihr lassen.‹ Da wurden wir nur betrübt, o Herr, wurden traurig: ›Was uns gläubige Hausleute mittags, außer der Zeit, an Speise und Trank Gutes darreichen, das hat uns der Erhabene zu lassen geheißen, das hat uns der Willkommene verleugnen geheißen.‹ Weil wir nun, o Herr, zum Erhabenen Liebe und Zutrauen hegten, schaamhaft und dehmüthig waren, so ließen wir davon ab, mittags, außer der Zeit, zu essen. Und so aßen wir denn, o Herr, abends und morgens. Es war aber einst ein Anlass, o Herr, wo der Erhabene die Mönche ermahnte: ›Wohlan, ihr Mönche, jenes Abendessen, außer der Zeit, sollt ihr lassen.‹ Da wurden wir wieder betrübt, o Herr, wurden traurig: ›Was für Mahlzeit von den beiden uns als die bessere gilt, die hat uns der Erhabene zu lassen geheißen, die hat uns der Willkommene verleugnen geheißen.‹ Einst hatte, o Herr, ein Mann zu Mittag ein Gericht erhalten, und er sprach also: ›Hebt es mir doch auf, abends wollen wir alle gemeinsam speisen.‹ Alles, o Herr, wird für den Abend bereitet, wenig für den Tag. Weil wir aber, o Herr, zum Erhabenen Liebe und Zutrauen hegten, schaamhaft und dehmüthig waren, so ließen wir davon ab, abends, außer der Zeit, zu essen. Einst gingen die Mönche, o Herr, im Dunkel der Dämmerung auf Almosen aus und geriethen in Pfützen, fielen in Tümpel, verstiegen sich in Dickicht, traten auf eine schlafende Kuh, kamen mit Menschen zusammen, mit feiernden oder beschäftigten, oder Weiber luden sie auf ungehörige Weise ein. Einst ging ich, o Herr, im Dunkel der Dämmerung auf Almosen aus. Da sah mich, o Herr, eine Frau, die im Rinnstein Geschirr wusch, und als sie mich gesehn rief sie entsetzt aus: ›Ha, weh’ mir, ein Gespenst!‹ Ich aber, o Herr, sprach also zur Frau: ›Kein Gespenst, o Schwester, ein Mönch steht um Almosen.‹ — {449} ›So bringt wohl ein Mönch den Leib um, so bringt wohl ein Mönch ein Weib um![51] Besser wär’ es dir, o Mönch, mit scharfem Schlachtmesser den Bauch aufschlitzen und nicht im Dunkel der Dämmerung um des Bauches willen auf Almosen ausgehn!‹ — Und weil ich, o Herr, mich dessen erinnerte, gedacht’ ich bei mir: ›Viel unsälige Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene genommen, viel sälige Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene gegeben! Viel unheilsame Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene genommen, viel heilsame Dinge, wahrlich, hat uns der Erhabene gegeben!‹«
»Ebenso nun aber, Udāyī, haben da gar manche Thoren, von mir ermahnt ›Das mögt ihr lassen‹, dann also gesprochen: ›Was wird es auf solche Kleinigkeit, Winzigkeit ankommen? Allzu peinlich genau ist doch dieser Asket!‹[52] Und sie lassen nicht davon ab und setzen in Misstrauen zu mir die Mönche, die sich eifrig üben. Denen wird das, Udāyī, eine feste Fessel, eine tüchtige Fessel, eine zähe Fessel, keine faule Fessel, ein schwerer Block. Gleichwie etwa, Udāyī, eine Wachtel, mit einem Bande aus faulem Baste gebunden, eben dadurch in Verderben, in Noth oder Tod geräth: wer nun da, Udāyī, also spräche, ›Das Band aus faulem Baste, womit diese Wachtel gebunden ist und wodurch sie in Verderben, in Noth oder Tod geräth, das ist ja für sie kein festes Band, ist ein schwaches Band, ein faules Band, ein haltloses Band‹, würde der also, Udāyī, recht reden?«
»Gewiss nicht, o Herr! Das Band aus faulem Baste, o Herr, womit diese Wachtel gebunden ist und wodurch sie in Verderben, in Noth oder Tod geräth, das ist ja für sie ein festes Band, ein tüchtiges Band, ein zähes Band, kein faules Band, ein schwerer Block.«
»Ebenso nun auch, Udāyī, haben da gar manche Thoren, von mir ermahnt ›Das mögt ihr lassen‹, dann also gesprochen: ›Was wird es auf solche Kleinigkeit, Winzigkeit ankommen? Allzu peinlich genau ist doch dieser Asket!‹ Und sie lassen nicht davon ab und setzen in Misstrauen zu mir die Mönche, die sich eifrig üben. Denen wird das, Udāyī, eine feste Fessel, eine tüchtige Fessel, eine zähe Fessel, keine faule Fessel, ein schwerer Block.
»Und wieder haben da, Udāyī, gar manche edle Söhne, von mir ermahnt {450} ›Das mögt ihr lassen‹, dann also gesprochen: ›Was wird es auf solche Kleinigkeit, Winzigkeit ankommen, die zu lassen ist, die uns der Erhabene zu lassen geheißen, die uns der Willkommene verleugnen geheißen hat!‹ Und sie lassen eben davon ab und setzen nicht in Misstrauen zu mir die Mönche, die sich eifrig üben. Und weil sie das gelassen, verweilen sie gestillt, ohne Widerstand, ohne Widerrede, mild geworden im Gemüthe. Denen wird das, Udāyī, keine feste Fessel, eine schwache Fessel, eine faule Fessel, ein haltlose Fessel.
»Gleichwie etwa, Udāyī, ein Königselephant, mit Doppelhauern, zum Angriff geeignet, zum Kampf erzogen, der mit starken Riemen und Seilen gefesselt ist, nur gering den Körper bewegend diese Fesseln zerreißt und zertritt und hingeht wohin er will: wer nun da, Udāyī, also spräche, ›Die starken Riemen und Seile, womit dieser Königselephant mit Doppelhauern, zum Angriff geeignet, zum Kampf erzogen, gefesselt ist, und die er, nur gering den Körper bewegend, zerreißt und zertritt, um hinzugehn wohin er will, das sind ja feste Fesseln für ihn, tüchtige Fesseln, keine faulen Fesseln, ein schwerer Block‹, würde der also, Udāyī, recht reden?«
»Gewiss nicht, o Herr! Die starken Riemen und Seile, o Herr, womit dieser Königselephant mit Doppelhauern, zum Angriff geeignet, zum Kampf erzogen, gefesselt ist, nur gering den Körper bewegend zerreißt und zertritt er diese und geht hin wohin er will: das sind ihm wahrlich keine festen Fesseln, sind schwache Fesseln, faule Fesseln, haltlose Fesseln.«