Ein Mann streicht mit einem Zweige über die auf einem Erdhaufen dargestellte mythische Schlange Wollunqua; dies soll sie versöhnen.
Alle Mitglieder einer jeden Totemsippe halten sich für nahe Blutsverwandte; die Mitgliedschaft zu einer Gruppe wird durch die Erbfolge geregelt. In Gegenden (Ostaustralien), wo ein Kind dem Clan der Mutter angehört, erbt es das Totem der Mutter, in anderen wieder, wo es zur Gruppe des Vaters zählt, nimmt es dessen Totem an. Bei noch anderen Stämmen wird das Totem nicht vererbt, sondern auf andere Weise erworben. Wie wir schon hörten, ist jedes Totem an einen bestimmten Platz oder Gegenstand gebunden. Wird bei den Arunta zum Beispiel ein Kind geboren, so erhält es das Totem der Stelle, in dessen Nähe es angeblich von der Mutter empfangen wurde. Glaubt also eine Frau, daß sie ihr Kind bei einem bestimmten Baume oder einem Felsen empfangen habe, der mit dem Emu in Verbindung steht, so bekommt das Kind das Emutotem, ganz gleich welcher Sippe die Mutter angehört.
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 222. Szene aus der Feuerzeremonie des Warramungastammes.
Das Totemwesen zeigt seine höchste Entwicklung in Zentralaustralien. Hier hat man auch die ganze Lehre tiefer durchdacht und sich ihren Ursprung zurechtgelegt. Vor Zeiten, bevor es noch einen Menschen gab, lebte in Australien eine Art übernatürlicher Wesen, die Totemahnen. Sie besaßen ganz erstaunliche Kräfte und auch die Fähigkeit, sowohl die Natur des Menschen wie die von Tieren oder Pflanzen in sich zu verkörpern. Alle diese Vorfahren, so meinen einige Stämme nun, ließen, während sie das Land durchzogen, an bestimmten Orten viele Kindergeister zurück, die, wie wir bereits vordem ([S. 156]) entwickelten, in die Frauen übergehen und dann als richtige Menschenkinder geboren werden. Nach dem Tode kehrt ihr Geist wieder zu seiner Ursprungsstätte, zum Beispiel in einen heiligen Stein oder Baum, mit denen er verbunden ist, zurück und wartet dort auf seine Wiederfleischwerdung. Jedes Stammesmitglied ist also die Wiedergeburt eines der Vorfahren. Die Stämme im Innern Australiens führen nun Zeremonien auf, die auf diese Totemvorfahren Bezug nehmen, indem sie dieselben zur Darstellung bringen ([Abb. 217]). Allgemein nimmt man an, daß diese Totemahnen die betreffenden Zeremonien der Sippe persönlich in der Weise, wie sie heute begangen werden, vordem eingeführt haben. Die bei den Einweihungsfeierlichkeiten der Jünglinge von uns erwähnten Zeremonien sind zum Teil solche, die mit dem Totemahnen in Zusammenhang stehen. Als Beispiel, wie es bei einer solchen zugeht, möge die Zeremonie des Schlangentotems der Warramunga gelten. Der Vorfahre dieses Totems soll ein mythisches Wesen Wollunqua gewesen sein, das eine solche Größe besaß, daß es, wenn es auf dem Schwanz gestanden hätte, mit seinem Kopf bis in den Himmel hineingereicht haben würde; jetzt liegt es in ein großes Wasserloch in einem einsamen Tal gebannt. Bei einer der darauf bezüglichen Zeremonien nun wird ein Erdhügel geformt und auf ihn die Gestalt einer Schlange gezeichnet ([Abb. 221]). Darauf gehen die Männer des Wollunquatotems ([Abb. 219]) um den Hügel herum, und einer von ihnen streicht mit einem Zweig über den Fuß des Hügels ([Abb. 221]); nachdem man darauf den größten Teil der Nacht gesungen und um den Hügel getanzt hat, greift man am frühen Morgen den Hügel mit Speeren, Bumerangs und Keulen an und zertrümmert ihn. Offenbar soll durch diese Zeremonie Wollunqua verhindert werden, sein Wasserloch zu verlassen. In dem übrigen Australien, wo kein Totemglauben herrscht — nur im Zentrum des Erdteiles treffen wir ihn im vollen Umfange an —, kommt den Zeremonien eine andere Bedeutung bei. Allerdings bilden ihren Hintergrund teilweise hier auch noch mythische Vorstellungen von Vorfahren — diese Legenden und Erzählungen von den Ahnen werden den Jünglingen also nicht nur erzählt, sondern auch dramatisch vorgeführt —, daneben aber auch wieder Geschichten über Tiere. In diesem Falle ahmen die darstellenden Männer die Handlungen der Tiere nach oder führen etwas um Zeichnungen, die Tiere wiedergeben, auf. So zum Beispiel laufen sie auf allen Vieren herum wie ein grasendes Känguruh und ähnliches. Allen diesen Vorführungen, wie den die Wanderungen des Totemahnen darstellenden Zeichnungen ([Abb. 218] und [220]) ist gemeinsam ihre Heiligkeit; daher dürfen sie weder von Frauen noch von Kindern gesehen werden.
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 223. Szene aus der Feuerzeremonie des Warramungastammes.
Die Eingeborenen tanzen vor der Hütte, in der andere Männer sitzen und singen. Die Fackeln, die sie halten, werden später abgebrannt.