Außer den Zeremonien, die der Verehrung des Totems und der Verkörperung der heiligen Mythen dienen sollen, kennen verschiedene Stämme noch eine Reihe anderer Zeremonien, die ganz anderer Natur sind. Als Beispiel von solchen diene die Feuerzeremonie der Warramunga, die indessen mit der gelegentlich der Jünglingsweihen stattfindenden und oben geschilderten nicht identisch ist. Sie geht darauf hinaus, daß alle Beteiligten die zwischen ihnen bestehenden Streitigkeiten beilegen. Ein Augenzeuge schreibt, daß die Zeremonie an einem Abend damit einsetzte, daß, nachdem sich die Männer um einige kleinere Feuer gruppiert hatten, ein komisches Intermezzo sich abspielte. Einige sprangen zunächst auf, stürmten mit erhobenen Waffen wütend umher, schrien laut und gebärdeten sich ganz unsinnig; hierauf begann man mit Neckereien, einer machte über den anderen höhnische Bemerkungen, suchte ihn auch direkt zu beleidigen, nahm ihm seine Waffen fort und versteckte sie im Busch; die jüngeren Leute nahmen den älteren die Speisen weg, eine unter anderen Umständen ganz unerhörte Beleidigung — über alles amüsierten sich die Anwesenden köstlich. Darauf setzte der Tanz ein, an dem die Teilnehmer sich so grotesk wie möglich benahmen, auch die Frauen wirkten dabei mit, die vordem den Vorgängen nur von weitem zugesehen hatten. Diese Belustigungen dauerten bis gegen Mitternacht. Am nächsten Morgen bemalten sich die Männer mit Ocker und führten eine ganz drollige Pantomime auf; die Hände hinten am Kopfe haltend, tanzten sie zunächst in der Richtung des Lagers der Frauen zu, wenn sie sich ihm näherten, gingen sie bald auf den Händen, bald auf den Knien vorwärts ([Abb. 222]), kehrten aber vor dem Lager um und in das ihrige zurück. Hierauf zogen sich die Männer, einige alte Leute ausgenommen, in den Busch zurück und blieben hier eine Woche. Wichtig ist bei diesem Akte der Zeremonie, daß die jungen Männer die Frauen nicht sehen durften. Nach der Rückkehr der Männer aus dem Walde begannen die Vorbereitungen für die eigentliche Feuerzeremonie, die unter anderem in der Anfertigung mächtiger Fackeln aus Zweigen ([Abb. 223]) und in der Errichtung einer etwa sechs Meter hohen, mit rotem Ocker bemalten und an der Spitze mit einem Busch Zweige geschmückten Stange zwischen dem Männer- und Frauenlager bestanden. Die eigentliche Feuerzeremonie spielte sich nachts ab. Die sie darstellenden Männer bestrichen sich dazu von Kopf bis zu Fuß mit rotem Lehm und darüber mit einer dicken Schicht weißen Pfeifentons und nahmen die Fackeln in die Hand. Dann ging einer zum Angriff über, indem er mit seiner Fackel wie mit einem vorgestreckten Spieß in die Menschengruppe hineinstürmte, in der sich einer der Männer befand, mit dem er im letzten Jahre einen heftigen Streit gehabt hatte. Man wehrte hier den Angriff mit Keulen und Speeren ab. Damit war das Zeichen zu einem allgemeinen Durcheinander gegeben. Beide Parteien stürmten nun aufeinander los, die brennenden Fackeln sausten dabei auf Kopf und Rumpf nieder und die glühenden Kohlenreste stoben auseinander. Die Frauen standen klagend daneben und senkten brennende Zweige, um, wie sie behaupteten, dadurch zu verhindern, daß die Männer sich ernstlich verletzten. Die lodernde Glut, der mächtige Qualm, im Gegensatz dazu die weiß angestrichenen Körper, der mächtige Lärm, alles dieses machte den Eindruck einer recht wilden rohen Szene. Endlich wurden die Fackeln auf die Erde geschleudert und ihre Flammen gelöscht.
Phot. Kerry & Co.
Abb. 224. Eingeborener der Prince of Wales-Insel
mit einem Stabe, der ein Waninga trägt.
Bei der Beschreibung der Zeremonien erwähnten wir bereits verschiedentlich heilige Gegenstände, vor allem das Schwirrholz, das besonders bei den Jünglingsweihen eine wichtige Rolle spielt. Denn bei dieser Gelegenheit erfahren die Knaben zum ersten Male, daß jene geheimnisvollen Töne, die einem überirdischen Wesen zugeschrieben werden und oft genug ihnen großen Schrecken einflößten, durch diesen unscheinbaren Gegenstand hervorgerufen werden. Wir sprachen auch bereits von dem Tschuringa ([Abb. 203]), das dem eigentlichen Schwirrholz in der Form wohl gleicht, aber kein Loch für die Schnur besitzt, also nicht geschwungen werden kann. Der Name für diesen Gegenstand stammt aus der Aruntasprache und bedeutet „heilig“. Es ist oft mit eingeritzten Mustern schön verziert. Die Stämme von Mittel- und Westaustralien verwenden das Tschuringa nur bei ihren heiligen Handlungen, vor allem sind die Gebräuche, die damit im Zusammenhange stehen, bei den Arunta hoch entwickelt. Hier besitzt jede Person, Mann, Weib und Kind, sein eigenes Tschuringa, mit dem ein jedes verbunden ist; die Frauen und Kinder aber dürfen das ihrige nicht zu Gesicht bekommen. Alle Tschuringa, die einer Totemgruppe angehören, werden an einem besonderen Ort aufbewahrt. Dieser gilt ebenfalls für heilig; ein Jäger zum Beispiel würde auf der Jagd nach einem Känguruh, wenn er sich solchen Aufbewahrungsorten näherte, ihm nicht weiter nachstellen, sondern davon Abstand nehmen. Während der Zeremonien werden diese Tschuringa, die sonst wie ein großer Schatz ängstlich gehütet werden, hervorgeholt, betrachtet und befühlt; dabei sprechen die Eingeborenen nur im Flüsterton und betragen sich höchst feierlich. Aus Höflichkeit pflegt eine Totemgruppe einer anderen wohl ihr Tschuringa zu leihen, sie erhält es dann unter vielen feierlichen Zeremonien wieder zurück ([Abb. 225]).
Aus: Spencer & Gillen, Central-Australia.
Abb. 225. Zurückbringen eines ausgeliehenen Tschuringa.
Ein anderer heiliger Gegenstand, auf den schon hingewiesen wurde, ist das Waninga. In seiner einfachsten Form besteht es aus zwei in der Mitte in Gestalt eines Kreuzes zusammengebundenen Stöcken, auf welches Haar- oder Pelzsträhnen webartig gewickelt sind. Bald wird es in der Hand ([Abb. 224]), bald auf dem Kopfe ([Abb. 227]) getragen. Im westlichen Australien weist dieser Gegenstand entwickeltere Formen auf. In dem in [Abbildung 227] dargestellten Falle sind fünf kleine Waninga zu einem einzigen Ganzen zusammengefügt. Die Bedeutung des Waninga, das ebenso wie das Schwirrholz und das Tschuringa weder Frauen noch Kinder erblicken dürfen, ist eine dunkle. Bei manchen Zeremonien soll es nach Aussage der Eingeborenen das Totem darstellen, mit dem sie in Zusammenhang steht, also eine Ratte oder eine Schlange. In Westaustralien scheint das Waninga eine ähnliche Rolle wie die Masken Melanesiens und anderer Länder zu spielen. Solche kommen übrigens auch im äußersten Norden von Queensland vor, offenbar liegt hier ein Einfluß von Neuguinea her vor, mit dem Australien durch die Inseln der Torresstraße in Verbindung steht ([Abb. 226]).