der durch seinen Rang berechtigt ist, den aus Mädchenhaar gefertigten Kopfschmuck zu tragen. In den Händen hält er das samoanische Kopfmesser.
Abb. 25. Eröffnungsszene eines „Eva“, eines Tanzes der Bewohner von Rara Tonga (Cookinseln),
der manchmal die Taten der Helden und Halbgötter der Vorzeit zur Darstellung bringt.
Die sittlichen Verhältnisse der Polynesier werden von den Forschungsreisenden verschieden beurteilt, und es scheinen in der Tat zwischen den einzelnen Inselgruppen in dieser Hinsicht Unterschiede zu bestehen. Vielfach in Polynesien und fast überall in Mikronesien herrscht für die jungen Leute beiderlei Geschlechts bis zur Ehe vollständige geschlechtliche Freiheit. Die unverheirateten Männer leben in ihren Junggesellenhäusern zusammen und führen hier längere oder kürzere Zeit ein freies Liebesleben mit den jungen Mädchen, gelegentlich auch mit Frauen. Diese Weiber, auf den Karolinen Armengol (Dirnen) genannt, sind meistens aus anderen Dörfern geraubt worden, manchmal nur scheinbar, denn vorher wurde ein Einverständnis mit ihren Eltern erzielt, oder sie liefen freiwillig den Junggesellenhäusern zu. Sie bilden hier das Gemeinschaftsgut der Männer, sowohl der ledigen wie der verheirateten. Auf den Karolinen erhalten die Mädchen für diesen Liebesdienst Geld, das sie sich sammeln und in die Heimat zuruckbringen, wo es vielfach der Häuptling sich aneignet und verteilt. Auf den Marshallinseln besteht auch die gastliche Prostitution; ein Mädchen wird im Männerhause dem Fremden überlassen, der sich durch kleine Geschenke dafür erkenntlich zeigt; diese fallen dem Häuptlinge zu. Auf den Palauinseln läuft die Ehefrau, wenn ihr Mann sie schlecht behandelt, in das Junggesellenhaus; hier muß dieser sie dann durch Geld loskaufen; gibt er kein Geld für sie, so verliert er das Anrecht auf seine Gattin, und sie bleibt so lange im Junggesellenhaus, bis ein wohlhabender Eingeborener sie auslöst. — Homosexuelle Neigungen wurden auch unter den Polynesiern beobachtet; besonders unter der Bevölkerung Tahitis kamen sie häufiger vor, bei den sogenannten Mahus, die in Kleidung und Gebärden die Weiber nachahmten, unter ihnen lebten, weibliche Arbeiten verrichteten und mit Männern geschlechtlich verkehrten.
Phot. J. Turner-Turner.
Abb. 26. Junge Samoanerin,
deren langes Haar der Sitte gemäß später für einen Häuptlingskopfputz verwendet wird.
Die Brautwerbung der jungen Leute bietet im allgemeinen nichts Charakteristisches; sie pflegte meistens als ein einfaches Geschäft und für gewöhnlich ohne jegliche Umschweife von den beiden Hauptbeteiligten betrieben zu werden. Jedoch ist gelegentlich auch wirkliche Herzensneigung dabei im Spiele. Von den Samoanern zum Beispiel erzählt Kubary eingehende Einzelheiten über das Liebeswerben des Jünglings um seine Auserkorene und die Liebesneigung der letzteren zu ihm. Küsse werden unter den Liebenden nicht ausgetauscht, wie wohl nirgends bei den Naturvölkern, aber die moderne Kultur hat auch schon verschiedentlich diese europäische Gewohnheit nach dem fernen Osten verpflanzt. Dagegen ist unter den Maori zwischen Freunden, Verwandten und Liebenden das Aneinanderdrücken der Nasen eine allgemein übliche Liebesbezeigung ([Abb. 20]).