Mit diesen Zaubermustern hat es nämlich eine ganz eigentümliche Bewandtnis. Es sind durchweg geometrische Zeichnungen ([Abb. 352]) in großer Reichhaltigkeit und Fülle — man zählt ihrer gegen hundertundvierzig —, die die Semang angeblich schon von ihren Vorfahren überkommen haben. Ihre Bedeutung ist eine zeremonielle; jedes der einzelnen Muster soll eine Krankheit bezeichnen, beziehungsweise eine Blume, durch deren Geruch der Geist dieser Krankheit von dem Träger des betreffenden Gegenstandes abgehalten wird. Mit Vorliebe werden solche Zaubermuster auf den Köchern und Zaubergefäßen, sowie auf den Kämmen angebracht. Außer diesen geometrischen Mustern schnitzt man noch andere Zeichnungen auf den Bambusgegenständen ein, die Menschen, Tiere, Pflanzen, allerdings manchmal in recht schematischer Wiedergabe, veranschaulichen. Diese werden auf Gegenständen angebracht, die gleichsam repräsentativen Zwecken dienen.
Phot. Dr. J. Gimlette.
Abb. 351. Kelantanmädchen mit Ohrstiften,
die früher von der weiblichen Jugend bis zur Hochzeit getragen werden mußten.
Von den verschiedenen Wildstämmen Malakkas stehen die Semang in kultureller Hinsicht am tiefsten; sie sind sicher als bodenständig zu betrachten; höher stehen schon die Sakai, die sich mit ihnen vermischten. Auf der verhältnismäßig höchsten Stufe, bereits auf einer Art Halbkultur, die vielfach von den benachbarten Malaien mit übernommen wurde, stehen die Jakhûn und Belenda. Unser Wissen über diese Wildstämme ist nur ein stückweises.
Wie die Australier stellen sich auch die Semang die Seele als einen Vogel vor und erklären sich die Entstehung des Menschen in der Weise, daß dieser Seelenvogel, der auf den Zweigen eines Himmelsbaumes sitzt, von Kari, dem höchsten Gotte, zur Erde gesandt, hier von dem Ehemanne getötet und der Frau zu essen gegeben werde; dadurch gehe die Seele des Vogels in den Fötus über. Sonst darf dieser Seelenvogel von niemanden getötet und verspeist werden. — Während der Schwangerschaft weicht der Orang ûtan-Mann, wenn irgend möglich, nicht von der Seite seiner Frau; durch seine Anwesenheit glaubt er das Gedeihen des werdenden Kindes zu fördern. Bei den Jakhûn wird die schwere Stunde äußerlich durch ein in die Augen fallendes Büschel von Palmblätterfasern kenntlich gemacht, damit jede männliche Person, die dies bemerkt, sogleich umkehrt; nur der eigene Mann darf in der Nähe bleiben, um helfen zu können. Für gewöhnlich aber stehen auch bei den Urwaldstämmen weise Frauen der Gebärenden bei, meistens alte Weiber, die eine bevorzugte Stellung unter den Frauen einnehmen, insofern sie von allen gemeinsam durch diese zu leistenden Arbeiten, wie Rotangwinden, Wurzelsuchen und so weiter befreit sind, dafür aber auch die Kinder des Dorfes in ihre Obhut zu nehmen haben. Ihre Hütten sind im Gegensatz zu denen der übrigen Bewohner, die auf Pfählen ruhen, direkt auf dem Erdboden erbaut und besitzen eine ganz niedere, kleine Tür, damit niemand hineinschauen kann. Denn hier pflegen die Weiber des Dorfes auch niederzukommen. In dem Augenblick, wo das Kind das Licht der Welt erblickt, erheben die Orang Lâut ein mächtiges Geschrei und schlagen dabei die Trommeln, um die bösen Geister zu vertreiben; wenn die Nabelschnur durchschnitten ist, brauchen sie von ihnen nichts mehr zu befürchten. Die weise Frau, die der jungen Mutter in ihren Nöten beigestanden hat, bläst während dieses Lärms kräftig auf das Neugeborene.
Aus: Skeat & Blagden, Pagan Tribes.
Abb. 352. Zauberkämme der Semang.