Phot. A. R. Brown.

Abb. 384. Tanz beim Friedensschluß.


GRÖSSERES BILD

Da die Nikobaresen in einem für ihre Lebensweise und ihre Anforderungen an Behaglichkeit wirklichen Lande des Überflusses leben, so bleibt ihnen naturgemäß viel freie Zeit übrig, die sie zum großen Teil, man kann fast sagen, gänzlich auf religiöse Zeremonien und das Verfertigen der dafür nötigen Gegenstände ([Abb. 381]) verwenden. Die Zeremonien beruhen sämtlich auf einer alles beherrschenden Angst vor Geistern und Gespenstern und auf der daraus folgenden Notwendigkeit, diese zu verscheuchen und zu bannen. Dieser Gedanke liegt jedweder Zeremonie zugrunde, ob sie geselliger oder anderer Natur ist; er füllt einen großen Teil ihres Lebens aus, besonders des Nachts. Ein Ausfluß dieses Aberglaubens ist auch die feierliche Hinrichtung der Übeltäter, die sich schwerer Vergehen gegen die Gemeinde, wie Mord, Gewohnheitsdiebstahl und öffentliches Ärgernis zuschulden kommen ließen; da in ihren Augen der Teufel von ihnen Besitz ergriffen hat, so werden sie in aller Form mit großer Grausamkeit getötet. Hexen und Hexenentdecker gibt es natürlich im Überfluß, da jedes Unglück und jede Krankheit einer Hexe oder einem Geist zugeschrieben werden. Das alleinige Heilmittel dafür bleibt dann stets die Austreibung, die entweder privatim oder von einem Heilpriester vorgenommen wird. Letzterer, übrigens ein Typus, wie er unter vielen halbkultivierten Volksstämmen angetroffen wird, erscheint hier in interessanter Abwechslung in der Gestalt des Mafai, das heißt „eines Menschen, der priesterlichen Unterricht erhält“ (= Adepten). Ein jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann es zu einem solchen Mafai bringen, deswegen braucht er schließlich doch noch nicht ein vollkommener Priester zu werden. Dieser priesterliche „Student“ führt ein behagliches, müßiges Leben, denn seine Bediensteten besorgen alles; er wird in einer Art Feldstuhl von einem Ort zum anderen getragen ([Abb. 373]).

Aus der Fülle abergläubischer Gebräuche der Nikobaresen wollen wir uns darauf beschränken, eine wenige hier herauszugreifen. Die Familie und ihre Freunde halten mit Hilfe des Priesters einige allgemeine Geisterbeschwörungen in der Form eines Geisterfestes ab. Die Männer sitzen dabei umher, rauchen und trinken, die Weiber schleppen an Hausvorrat Lebensmittel, Geräte, Waffen und allerlei sonstigen Kram herbei; letzterer wird, nachdem man tüchtig geheult hat, zerbrochen und vors Haus geworfen. Dann wird ein besonders gemästetes, großes Schwein im ganzen gebraten und unter die Vorfahren und die Anwesenden, hauptsächlich aber unter letztere, verteilt. Dadurch sollen die Geister besänftigt werden ([Abb. 382]). Der Priester, der inzwischen vom Trinken und seiner Geheimniskrämerei in Verzückung geraten ist, beginnt jetzt sein Geschäft; er ist ganz mit Öl eingerieben und im Gesicht rot bemalt. Er singt klagend mit tiefer Baßstimme, eilt umher, um den Geist des Unheils zu fangen, zu beschwatzen, auszuschelten und zu schmähen, die Frauen begleiten sein Getue mit fürchterlichem Geheul, so lange, bis nach einem Kampf der Geist angeblich ergriffen, in ein kleines, verziertes Modellboot gesteckt und weit in die See hinausgetrieben wird ([Abb. 383]). Da man sich nun vor dem bösen Geist sicher glaubt, setzt die Belustigung ein, bis spät in die Nacht dauern Essen, Trinken, Singen und Tanzen an. Sollte das Boot etwa in einem anderen Dorf landen und dort sich festsetzen, dann greifen dessen Bewohner die Beleidiger mit kurzen, dicken Stöcken nach alter Sitte an, bis ein paar Köpfe oder Gliedmaßen verletzt sind. Erst dann wird der Friede erklärt, der manchmal unter sonderbaren Zeremonien geschlossen wird. Die Männer, die den letzten Angriff unternommen haben, errichten eine Wand aus Grasfasern und stellen sich vor sie hin, während die Weiber auf dem Boden vor ihr Platz nehmen und im Takte mit ihren Händen die Schenkel schlagen ([Abb. 384]). Die Männer der Gegenpartei tanzen dann vor ihnen; jeder Tänzer legt seine Arme auf die Schulter eines der stehenden Männer und springt mit ihm unter tüchtigem Schütteln auf und ab. Nach dem Tanze weinen beide Teile und tauschen ihre Waffen untereinander aus. Hieran schließt sich noch ein Fest, bei dem die Angreifer als Gäste des fremden Dorfes einen oder zwei Tage bleiben.

Das Leben der Nikobaresen ist von zahlreichen Tabu durchsetzt, die ihnen manchmal wirklich recht unbequem werden. Die sonderbarsten derartigen Verbote dürften diejenigen sein, die die Sprache und Nomenklatur der Leute beeinflussen. Ein jeder Mensch hat das Recht, sich ein beliebiges Wort aus der Landessprache, sei es noch so wesentlich oder ganz allgemein, als Name anzueignen; stirbt er aber, dann wird dieses Wort für etwa eine ganze Generation mit Tabu belegt, aus Furcht, man könnte, wenn man es ausspräche, den Geist herbeirufen. Einen noch augenfälligeren Beweis dafür, wie stark der Aberglaube häusliche Gepflogenheiten beeinflußt, können wir in der Gewohnheit erblicken, im Hauseingang Schreckbilder der Geister aufzuhängen; es sind dies manchmal lebensgroße Figuren menschlicher Wesen, die oft mit Speeren bewaffnet sind, manchmal auch mythische Tiere, mit Fischen, Krokodilen, Vögeln und Schweinen als Unterlage und bildliche Darstellungen aller möglichen Dinge in bunten Farben auf flache Arekablattscheiden gemalt. Auch draußen vor dem Hause befinden sich ähnliche Geisterscheuchen.

Die Begräbnisfeierlichkeiten der Nikobaresen sind zahlreich und ziehen sich sehr in die Länge; sie verfolgen lediglich den Zweck, die Geister in Furcht zu versetzen, an anderen Orten auch, um den Geist bei guter Laune zu erhalten und die Lebenden vor seinem Zorn zu schützen. Ein Todesfall bringt viel Unkosten mit sich, die die Eingeborenen aber gern auf sich nehmen, falls nur der Geist dadurch beschwichtigt wird. Die Leichen werden zwischen Sonnenuntergang und Tagesanbruch begraben, damit die Schatten der Trauergesellschaft nicht in die Gräber fallen und mit dem Toten begraben werden; denn der Schatten des Nikobaresen ist das sichtbare Zeichen seines Geistes, vielfach feiert man daher noch ganz besonders „das Speisen der Schatten“. Der Geist des Verstorbenen gilt für um so gefährlicher, je kürzere Zeit seit dem Tode vergangen ist; darum hält man an manchen Stellen recht bald ein Fest ab, bei dem die Toten wieder ausgegraben, die Knochen gesäubert und nochmals in der Erde beigesetzt werden. An manchen Orten nimmt diese Sitte die Form einer gemeinsamen alljährlich wiederkehrenden Ausgrabung aller kürzlich Verstorbenen an, die mit großer Feierlichkeit einhergeht; die Knochen werden sodann in einem Beinhause untereinander gemischt; die Geister können nun keinen Schaden mehr anrichten. In noch anderen Dörfern legt man die Leichen in ein Halbkanu, das zu diesem Zwecke in der Mitte durchgeschnitten wurde, und stellt dieses in die Gabelung zweier Pfosten ins Dschungel, bis der Körper herausfällt und das Fleisch von den Schweinen verzehrt wird. Ab und zu finden die Gebeine dieser Leichen unter großem Gepränge ebenfalls Aufnahme in einem gemeinsamen Beinhause. Und in noch anderen Orten gibt es neben dem Begräbnisplatze besondere Sterbehäuser, in die man sich zurückzieht, wenn es ans Sterben geht ([Abb. 385]).

Phot. E. H. Man.

Abb. 385. Begräbnisplatz mit Grabpfosten und Sterbehaus auf den Nikobaren.