Phot. E. H. Man.
Abb. 382. Opfer an die bösen Geister in Gestalt von Früchten,
dargebracht von den Angehörigen eines Toten, um sie bei guter Laune zu erhalten.
Die Nikobaresen, die bereits bei ihrer Einwanderung die Eigenschaften der Kontinentalvölker, denen sie angehörten, mitbrachten, aber diese frühere Halbkultur wegen der isolierten Lage ihrer neuen Heimat unverändert beibehielten, sind ein intelligentes Volk, das sich mit Leichtigkeit fremde Sprachen aneignet und sehr bewandert ist im Handel mit ihrem Hauptausfuhrartikel, den Erzeugnissen der Kokospalme. Der Wunsch, fremde Sprachen, Kleidung und Manieren nachzuahmen, und die erfrischende Naivität, die dabei zum Ausdruck kommt, lassen sie dem Fremden gegenüber als ein äußerst amüsantes Volk erscheinen ([Abb. 380]). Wie ihre Stammesgenossen auf dem Festlande leben sie ebenfalls in festen Wohnungen, die für gewöhnlich auf Pfählen, entweder direkt auf dem trockenen Lande oder an Hintergewässern oder an sonstigen geeigneten, vor hohem Seegang geschützten Stellen gruppenweise (Dörfer) errichtet sind ([Abb. 379]). Die Nikobaresen waren früher Strand- und Seeräuber, bis die indische Regierung diesem Unfug Einhalt tat; sonst sind sie nach der Schilderung von Temple ein ruhiges, friedliebendes, gegen Kinder, alte Leute und Frauen gütiges Völkchen. Ihre Verwaltung ist ganz demokratisch und liegt in den Händen eines Häuptlings; dabei halten sie streng an den althergebrachten Gewohnheiten fest.
Die Stellung der Frau ist bei den Nikobaresen eine verhältnismäßig hohe; sie ist hier nicht mehr die Sklavin des Mannes, sondern genießt volle Freiheit. Das mag zum Teil daher rühren, daß Mädchengeburten auf diesen Inseln relativ spärlich sind und daher mehr Nachfrage nach weiblichen Wesen herrscht. Ein Mädchen hat auch das Recht, einen ihr unangenehmen Freier zurückzuweisen. Bei der Hochzeit bekommt die Braut eine Aussteuer an Schweinen, Kokos- und Pandanusbäumen mit. Der Ehemann siedelt merkwürdigerweise in das Haus seiner jungen Frau über, nicht umgekehrt. — Kommt die Nikobaresin in andere Umstände, dann wird sie und ihr Gatte von allen Arbeiten befreit. Wo sie beide hinkommen, werden sie freudig aufgenommen, und ihnen zu Ehren wird das beste Schwein geschlachtet. Für gewöhnlich verlangt man dann von der Schwangeren auch, daß sie Samenkörner in die Erde lege, weil man sich von dieser Saat eine besondere Fruchtbarkeit verspricht. — Da hochgradige Schädelabflachung auch unter diesen Insulanern für schön gilt, ist es allgemeiner Brauch, daß die Mütter ihren Kindern sogleich von der Geburt an den Kopf in eine bestimmte Form bringen, indem sie ihn mit angefeuchteten Händen jeden Tag mehrere Stunden lang sanft zusammendrücken.
Phot. E. H. Man.
Abb. 383. Kleines Boot, in das der Priester einen Geist gebannt hat und in dem dieser stromab treibt.