Abb. 389. Schwimmendes siamesisches Dorf auf dem Menam.
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Ihrem Charakter nach kann man die Siamesen als große Kinder bezeichnen. Sie sind liebenswürdige, friedfertige, sorglose, nüchterne, besonders im Darreichen von Almosen freigebige, sehr zum Müßiggang neigende, leidenschaftslose Menschen, die an den althergebrachten Einrichtungen zähe festhalten und streng auf Etikette achten. Auch geben sie sich gern dem Vergnügen hin, besonders haben sie eine ausgesprochene Vorliebe für das Theater. Das „Lakon“, wie die Siamesen das Theater nennen, findet während der Zeit des Vollmonds statt, so daß die Teilnehmer nach der Vorstellung am späten Abend noch gut nach Hause finden können. Sie besuchen diese mit der ganzen Familie und nehmen sich auch Eßwaren dorthin mit. Die Bühne ist meistens oval, die Zuhörer sitzen rings herum, außer an dem einen Ende, an dem sich zwei Zugänge befinden. Kleine umherziehende Gesellschaften, deren es viele im Lande gibt, sind gewohnt, auch ohne Hintergrund fertig zu werden und ziehen sich nötigenfalls auch in Gegenwart der Zuhörer um. Im Gegensatz zu allen anderen orientalischen Völkern übernehmen die Frauen alle ernsten Männerrollen. Das Drama, das sich vor den Zuschauern abspielt, verrät keine Gedanken und zusammenhängenden Handlungen, sondern gibt einzelne Ereignisse aus der Mythologie der Brahmanen wieder, die durch die Tradition geheiligt sind. Die Trachten, die dabei getragen werden, sind ganz phantastische, mit bunten Steinen und flimmerndem Flitter besetzte Gewänder, welche die Überlieferung den Gottheiten und königlichen Personen von früher zuschreibt ([Abb. 390]). Durch Auftragen einer dicken weißen Paste auf das Gesicht als Schönheitsmittel wird den Darstellern die Möglichkeit genommen, Leidenschaften zum Ausdruck zu bringen; alle sind vielmehr von tiefem Ernst durchdrungen. Eine Ausnahme hiervon machen die Clowns, die ungeschminkt, einfach wie moderne Bauern gekleidet, die heiligsten und heldenhaftesten Stellen mit komischen Gesprächen unterbrechen, die auf Tagesereignisse anspielen. — Auch das Vorführen von Tänzen ist in Siam sehr beliebt. Alten Traditionen gemäß werden sie hier, wie überhaupt in Hinterindien, in ganz eigenartiger Weise ausgeführt. Sie bestehen nämlich in Posen mit gebeugten Knien, wobei die sich windenden Arme vorgestreckt werden und die Tänzerinnen sich langsam mit dem flachen Fuß vorwärtsschieben. Dazu kommen aber auch heftigere Kundgebungen, die sich in mächtigen Sprüngen, Aufschlagen der Absätze und Posieren in ausgebreiteter Adlerflügelstellung äußern. Auf den Fußspitzen zu tanzen oder zu pirouettieren, wie unsere Tänzerinnen es tun, ist in Siam ganz unbekannt. Die Beweglichkeit der siamesischen Tänzerinnen ist eine außerordentlich große; man könnte fast behaupten, daß diese ihre Geschmeidigkeit von doppelten Gelenken herrühre. Sie befähigt sie bei den Bühnenspielen mehr zum Ausdruck zu bringen als die Sprache.
Der Siamese huldigt auch sehr dem Glücksspiel; daher sind die Spielhäuser, besonders in der Hauptstadt Bangkok, Tag und Nacht über gefüllt. Die Spielregeln sind ganz einfache. Die Spieler sitzen um eine in vier Felder eingeteilte Matte herum und setzen auf dieser. Der Spielleiter wirft eine beliebige Anzahl Muscheln auf ihre Mitte und zählt von dieser Summe immer vier ab. Der Spieler, dessen Feld der Zahl der übrig gebliebenen Anzahl Muscheln entspricht, erhält das Doppelte seines Einsatzes, das übrige streicht der Croupier mit einer kleinen Harke ein. Auch wettet man noch, ob die Anzahl der übrig bleibenden Muscheln eine gerade oder ungerade sein wird. Die Leidenschaft der Siamesen für dieses Spiel ist eine so große, daß sich um die Spielhöllen herum gleichzeitig Pfandhäuser aufgetan haben, in denen ein blühendes Geschäft betrieben wird. Täglich kommen Landleute an, die infolge eines Traumes oder irgend einer anderen Vorbedeutung die Bank zu sprengen gedenken, aber recht bald nicht nur ihre gesamten Ersparnisse verloren gehen sehen, sondern auch die ihrer Freunde, unter Umständen die Ernteerträge eines ganzen Dorfes.
Phot. R. Lenz.
Abb. 390. Siamesische Ballettänzerinnen.
Ein großer Teil der Theatervorstellungen besteht nur in Schrittänzen, welche Liebe, Triumph, Zurückweisung versinnbildlichen, und in Balletten, welche die Schlachtordnung der Truppen oder, wie in obigem Bild, den Flug von Engeln darstellen.
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Eine sehr beliebte Unterhaltung ist auch das Ballspiel, wobei ein geflochtener leichter Ball mit dem Kopf oder irgend einem Körperteil, ausgenommen die Arme und Hände, aufgefangen wird, aber vorher die Erde nicht berühren darf. Ferner ist das Drachensteigenlassen ein viel betriebener Sport bei heißer Witterung; hierbei werden gleichsam Duelle ausgetragen, die Besitzer der Drachen suchen sich gegenseitig die Schnur zu zerreißen oder zu verwirren. Die Drachen haben die Form eines Sterns, besitzen aber keinen Schwanz. Auch Hahnenkämpfe in der schon beschriebenen Form und sogar Fischkämpfe sind ein beliebter Zeitvertreib. Bei letzteren werden in einem Bassin zwei kleine zornige rote Fische aufeinander losgelassen, und mit Interesse beobachtet man, wie sie sich gegenseitig zerfleischen.