Phot. Antonio.

Abb 393. Eine königliche Barke,

die jetzt nur noch bei Staatsangelegenheiten gebraucht wird. Früher benutzte der König häufig eine vergoldete Barke, die mit fünfzig und mehr rotgekleideten Ruderern bemannt war.

Höflichkeit und Achtung erfordern, daß bei einer Unterhaltung mit Personen königlichen Geblütes bestimmte Redensarten, gleichsam nur gewählte Ausdrücke angewendet werden, ein Brauch, der vielleicht mit dem allgemeinen Empfinden zusammenhängt, man könne, wenn man einen gewöhnlichen Gegenstand umschreibt oder ein Fremdwort für ihn sagt, seine Niedrigkeit gleichsam mildern. Diese sogenannte Palastsprache ist so fein durchgearbeitet, daß man nicht nur Hunde, Krähen und andere gewöhnliche und unreine Tiere mit besonderen Worten benennt, sondern auch die Tätigkeit der hohen Herrschaften, wie essen, schlafen, gehen, sprechen, baden und so weiter mit gewählteren Ausdrücken bezeichnet, als wenn man sie auf einfache Leute anwendet. Im übrigen ist der Siamese bestrebt, jedweder im Range höher stehenden Person die erforderliche Achtung zu zollen. So wagt zum Beispiel niemand, seinen Kopf so hoch wie sein Vorgesetzter zu tragen, niemand über eine Brücke zu gehen, wenn ein anderer von höherem Range sie in demselben Augenblicke überschreiten will und anderes mehr.

Phot. F. Chit.

Abb. 394. Überführung eines alten Buddhabildes in einen neuen Tempel,

das sich unter dem Baldachin auf dem festlichen Boot befindet; der König und sein Hof begleiten diese Überführung in Staatsbooten.

Die Siamesen sind Anhänger der Lehre Buddhas, indessen ist diese in vieler Hinsicht noch mit dem alten Geisterglauben durchsetzt. Sie halten das ganze Weltall von allen möglichen Geistern gleichsam überflutet: von den mächtigen Königen der Himmel und der Höllen, den Gottheiten der Lehre Brahmas, die sich in dieser Auffassung des Volkes noch widerspiegelt, an bis zu den kleinsten Elfen, die in der Dachrinne hausen, und den Kobolden, die in der Nacht die Kinder an den Fußsohlen kitzeln, herab. Jeder Fluß, jeder See, jeder Berg, jede Klippe, jeder Baum, jedes Feld, jeder Garten, jede Behausung wird als Sitz von Geistern, Waldnymphen und Gespenstern gedacht. Auf der Veranda oder auf dem Hofe eines jeden Hauses steht ein winziges Puppenhäuschen, in dem ein Spukgeist wohnt, der, falls man ihm fleißig Opfer darbringt, als Dank das Haus vor Unheil und anderen bösen Geistern beschirmt, wenn er aber vernachlässigt oder nicht beachtet wird, aus Rache es mit allem möglichen Bösen heimsucht. Alle Geister sind ihrer Veranlagung nach bösartig, die meisten von ihnen besitzen aber irgend eine Schwäche und lassen sich durch Gaben, die ihrem Geschmack zusagen, umstimmen. Manche wiederum sind schwer zu versöhnen oder leicht zu kränken; ihrem Zorn schreibt man beinahe alles Unglück zu, das den Menschen trifft, so die Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen und andere folgenschwere Naturereignisse, die Unfälle und Krankheiten. Es gibt aber auch wachsame Geister, die sich angelegen sein lassen, Städte und Paläste zu schützen, die aus ihren Verstecken hervorkommen und den Kampf gegen die Einfälle böser Geister aufnehmen, sofern sie gut behandelt werden. Diese läßt der Aberglaube von gesunden, kräftigen Menschen herstammen, die vorzeiten man einfach köpfte und an den betreffenden Stellen unter der Mauer, an den Eingängen und so weiter begrub. So leicht öffentliche Gebäude auf diese Weise sich vor den bösen Geistern Schutz verschaffen können, so schwer wird dies dem einzelnen gemacht; er ist auf die Hilfe eines Vermittlers angewiesen, eines Zauberers, Wahrsagers oder ähnlichen Geschäftsmannes, der dann meistens eine Teufelaustreibung vornimmt. Auch die medizinische Wissenschaft der Siamesen greift auf solchen Hokuspokus zurück, wenngleich ihr auch eine ganze Reihe von Kräuterheilmitteln, die einen wirklichen Heilwert besitzen, zur Verfügung stehen. Aber die Ärzte schätzen sie nicht immer deswegen hoch, weil ihnen eine Heilkraft innewohnt, sondern weil sie glauben, daß diese gegen die Geister, Hexen und so weiter wirksam sind. Musik, Tanz, häufiges Baden sind allgemeine Rezepte für die meisten Krankheiten. Der behandelnde Arzt versucht auch oft, das Übel durch Pusten, Ausspeien, Pfeifen und Schwenken grüner Zweige auszutreiben. Der Verkauf von Zaubermitteln ist für den Apotheker eine gute Einnahmequelle, jedoch wird ihm viel Konkurrenz durch die Tätigkeit der Buddhamönche gemacht, die als Teufelaustreiber auftreten, obwohl ihnen diese Tätigkeit untersagt ist. Denn nach der Lehre Buddhas besteht die Macht der Geister nur in der Einbildung. Aber der Siamese läßt sich von seinem alten Aberglauben einmal nicht abbringen. — Die [Abbildung 394] zeigt die Überführung einer Buddhastatue in einer festlich geschmückten Barke nach einem neuen Tempel, begleitet von dem König und seiner Familie. Die vergoldete königliche Barke ([Abb. 393]) wird jetzt nur noch bei besonderen Staatsangelegenheiten benutzt.