Phot. R. Lenz.
Abb. 408. Einäscherungszeremonie für einen vornehmen Siamesen.
Der Vorgang spielt sich hinter dem Schirm in einem Tempel ab.
Die Eigenart der buddhistischen Lehre nimmt dem Siamesen, wenn es mit ihm zum Sterben geht, viel von der Todesfurcht; er beschäftigt sich in diesen Augenblicken mehr mit seiner Wiedergeburt als mit dem Schrecken der bevorstehenden Auflösung und verspürt bei seinem nahen Ende den Trost einer gütigen Philosophie, die vielfach dazu beigetragen hat, bereits sein Leben zu einem ruhigen zu gestalten. Nach dem Tode wird der Körper gewaschen, in ein sauberes weißes Tuch gehüllt und mit einer Münze im Munde, um damit den Zoll zum Paradiese zu zahlen, in den Sarg gelegt. Um diesen, der mit schwarzem Tuch bedeckt und mit Zierat aus Silberpapier geschmückt zusammen mit Kerzen und anderen Dingen, die dem Verstorbenen wert waren, im Prunkzimmer des Hauses steht ([Abb. 406]), halten Freunde ein bis zwei Tage und Nächte Wache. Dazu lesen eingeladene Mönche am Abend Totenmessen. Währenddessen empfangen die Angehörigen die Beileidsbesuche ihrer Bekannten, denen sie eine kleine Erfrischung vorsetzen. Außerdem wird sogleich nach dem Tode eine Musikkapelle geholt, die ihre Weisen ertönen lassen muß, einmal um die Trauernden aufzuheitern, zum andern aber auch, um die bösen Geister fernzuhalten. Manchmal müssen auch Klageweiber ein möglichst lautes Geheul anstimmen. Ist die Totenwache vorüber, dann wird der Sarg in den Tempel gebracht, bisweilen jedoch, vor allem am Hofe und in wohlhabenden Familien, behält man ihn noch längere Zeit, selbst Monate hindurch, im Hause aufgebahrt ([Abb. 405]). Wird der Sarg herausgetragen, dann tut man dies durch ein Loch in der Wand und führt ihn mehrere Male um das Haus herum, bevor man ihn in den Tempel bringt ([Abb. 386]), wo er auf einem Scheiterhaufen verbrannt wird ([Abb. 407] und [408]). Vorher trägt man ihn auch hier noch dreimal um diesen herum. Man will dadurch den Geist im unklaren über die eingeschlagene Richtung lassen, damit er den Weg nach Hause nicht wiederfindet. — In Bangkok gibt es eine regelrechte Saison für Verbrennungen derer, die im vergangenen Jahre starben ([Abb. 409]). Es wird dann eine große Pracht entfaltet, das Feuer des Scheiterhaufens wird von wohlriechenden Kerzen unterhalten, Musik, Tanz und Schmaus begleiten die Feier und der Armen wird durch reichliche Spenden gedacht. Es ist gleichsam Ehrensache, so viel Geld wie möglich dafür auszugeben, und es kommt oft vor, daß die ganze Hinterlassenschaft eines Menschen von den Erben vergeudet wird, um ihm einen geziemenden Abschied aus diesem Leben zu bereiten.
Phot. F. Chit.
Abb. 409. Krematorium zu Bangkok,
in dem die Einäscherung derjenigen Personen, die im vergangenen Jahre starben, festlich begangen wird.
Die Verbrennung von Königen und Prinzen ist ein höchst wichtiges Ereignis und gestaltet sich fast zu einem Volksfest, das sich nicht selten auf die Dauer eines Monats erstreckt; während dieser Zeit werden Tausende von Menschen täglich auf königliche Kosten gespeist und bewirtet. Die Leichen des Königshauses kommen nicht in Särge, sondern zusammengekauert in kupferne, stark vergoldete Urnen. Jedes Stadium einer königlichen Verbrennung, der Leichenzug, die Übergabe auf den Scheiterhaufen, das Anzünden des Feuers und das Einsammeln der Aschenreste, jede dieser Handlungen ist eine Feier für sich, die manchmal einen ganzen Tag in Anspruch nimmt. Jedesmal ist der Hof vollzählig zugegen, die Damen ganz in Weiß gekleidet und das Haar geschoren. Die Asche wird in kleinen goldenen Urnen im Palast aufbewahrt und ist von Zeit zu Zeit Gegenstand ehrfürchtiger Zeremonien. Von den Gebeinen der Könige werden Teile unter die Mitglieder der königlichen Familie und an Günstlinge aus dem Adel verteilt. — Die Angehörigen einfacher Leute bewahren ebenfalls die Asche ihrer Verstorbenen in kleinen Urnen auf, die in ihren Häusern Platz finden.