Kambodscha, vordem ein mächtiges Reich am Unterlaufe des Mekong — im sechzehnten Jahrhundert erstreckte es sich über einen Teil von Siam, über Annam und Laos — hatte unter der Dynastie der Khmer eine hohe Stufe auf dem Gebiete der Künste und Wissenschaften erreicht; von dem Abglanz dieser hohen Kultur legen zahlreiche Ruinen Zeugnis ab. Sodann aber warfen sich die Siamesen zu den Herren dieses Landes auf und zuletzt eigneten es sich die Franzosen an.

Die Kambodschaner sind mittelgroße (Männer im Durchschnitt hundertdreiundsechzig Zentimeter), dabei aber kräftig gebaute Leute mit kurzem Schädel, geradestehenden, selten geschlitzten Augen, breiter, an der Wurzel eingesattelter, wenig vorspringender Nase, straffem, tiefschwarzem Haar und rötlichbrauner Hautfarbe; im allgemeinen läßt sich an ihrem Äußeren ein gewisser negerähnlicher Einschlag (Mischung mit Negritos!) nicht verkennen. Die Männer tragen eine fest anliegende Jacke und einen Sampot, das ist ein Stück Zeug, das sie um die Hüften und darauf zwischen den Beinen derart hindurchschlingen, daß bauchige Hosen daraus entstehen; die Frauen tragen außer dem Sampot noch einen Überwurf oder öfters eine große farbige Schärpe, die Rücken und Arme freiläßt. Beide Geschlechter lassen sich das Kopfhaar bürstenartig kurz schneiden; ein etwaiges Streichen mit der Hand über die Haare, auch wenn es aus Zärtlichkeit geschehen sollte, wird als schwere Beleidigung, als Zauberei aufgefaßt. — Die Kambodschaner wohnen in Häusern auf Pfählen, die stets einstöckig sind, in der Annahme, daß es einem Menschen Unglück bringen würde, wenn einer ihm über seinem Kopfe umherginge. Die Kambodschaner sind nämlich sehr abergläubisch. Wie die Siamesen, Annamiten und so weiter glauben sie an Glücks- und Unglückstage, achten auf Wahrzeichen und lassen sich das Horoskop stellen.

Ihre Religion ist eine Mischung von Buddhismus und Brahmanismus, ähnlich wie die Religion der Singhalesen. Nach außen bekennen sie sich zu ersterem, aber der Aberglaube an gute und böse Geister, die in ihrer Umgebung leben und Ehrerbietung erfordern, ist allenthalben unter ihnen verbreitet. Zu den wohlwollenden Geistern zählen die Nak Ta, deren Aufenthaltsort man in schöne alte Bäume legt. Früher brachte man ihnen anscheinend Menschenopfer dar, jetzt beschränkt man sich auf solche in Gestalt von Büffeln, Ziegen, Hühnern, Reis und Obst. Ein einflußreicher Geist ist ferner der Arak, ein gleichsam gottgewordener Ahne, der die Familien beschirmt und der besonders in Krankheitsfällen angerufen wird. Größere Macht als den guten Geistern wird von den Kambodschanern den bösen (Pray) zugeschrieben; daher sind sie besonders bemüht, diese zu versöhnen und in guter Stimmung zu erhalten. Die gefährlichsten Geister sind die von Frauen, die im Kindbett gestorben sind oder einen gewaltsamen Tod durch den Werwolf, den Chul und die Hexe gefunden haben. Alle Krankheiten, alles Ungemach schreibt man ihnen zu; daher spielt auch die Magie in der Heilkunde der Kambodschaner eine große Rolle.

Phot. A. Cabaton.

Abb. 448. Sänften in Gestalt geflochtener Bambuskörbe,

in denen bei den buddhistischen Aufzügen in Kambodscha die Opfergaben (Früchte, Reis, Münzen) den Priestern dargebracht werden.

Eine große Vorliebe bekunden die Kambodschaner für das Feiern von Festen; nicht nur alle Tage, die die Lehre Buddhas als heilig vorschreibt, werden festlich, unter anderem durch Aufzüge ([Abb. 448]), begangen, sondern auch alle diejenigen Volksbräuche, die auf animistischer Grundlage beruhen. Eine große Feierlichkeit knüpft sich an das „Wasserfest“. Es ist dies eine Regatta religiösen Charakters, die alljährlich vor dem Könige in Pnom Penh auf dem Tonle Sap stattfindet. Im Palast spielt sich dann auch die Segnung des „Wassers des Eides“ ab; ein jeder Bewohner des Landes, der im Dienste des Königs steht, schwört ihm Treue, indem er das Wasser trinkt, das ihn bei Bruch des Eides vergiften würde. — Wie in Siam ist jeder weiße Elefant Eigentum des Königs ([Abb. 447]).

Phot. A. Cabaton.