Mit ungefähr sechzehn Jahren gehen Jünglinge wie auch Jungfrauen die Ehe miteinander ein. Die Eltern pflegen wohl die Vorbereitungen dazu zu treffen, ohne die Beteiligten zu fragen, indessen berücksichtigen sie doch eine etwaige Abneigung der Tochter gegen ihren Auserwählten. Nachdem der Jüngling ihnen die erforderlichen Geschenke an Arekanuß, Betel, Gambier, Reiswein und Tabak dargebracht hat, findet die Verlobung statt. Darauf begibt er sich auf unbestimmte Zeit in das Haus seiner Schwiegereltern. Von diesem Augenblick an gilt das Paar in den Augen der Öffentlichkeit für verheiratet, denn eine Hochzeitszeremonie findet für gewöhnlich nicht statt, aus dem einfachen Grunde, weil dadurch für den jungen Mann große Unkosten entstehen. Er muß nämlich nicht nur seinen Schwiegereltern am Hochzeitstage eine Menge ausbedungener Geschenke machen und seiner Frau mancherlei Schmucksachen verehren, sondern auch viele Gaben freiwillig an Bekannte verteilen und sie in ausgiebiger Weise bewirten.
Phot. A. Cabaton.
Abb. 452. Gerichtsszene bei den Annamiten.
Der Richter bestätigt mit erhobenem Finger das Urteil, das ein Mann zu seiner Rechten vorliest. Der Büttel ist im Begriff, dem Verurteilten die vorgeschriebenen hundert oder zweihundert Schläge mit einem Rohrstock zu verabreichen.
Wie überall in Indochina ist das Begräbnis der wichtigste Moment im Dasein des Kambodschaners. Es besteht in der Feuerbestattung; nur sehr fromme Anhänger des Buddhismus bestimmen, daß ihr Fleisch in Stücke geschnitten und den Vögeln zum Fraß vorgeworfen wird. Während die ärmeren Volksschichten ihre Toten möglichst schnell verbrennen, schieben die wohlhabenderen die Einäscherung auf lange Zeit, auf Monate und selbst Jahre hinaus. Im letzteren Falle begräbt man sie vorher noch oder bewahrt sie in hermetisch verschlossenen Särgen im Hause auf. Drei Tage lang wird bei der Leiche Wache gehalten und gebetet, darauf wird sie auf einen mit Goldflitter, Blumen und Lichtern geschmückten Katafalk gelegt. Sie bekommt eine kleine Stange Gold oder Silber in den Mund gesteckt und eine Kette aus weißen Baumwollfäden um den Hals gelegt, dessen Enden außerhalb des Sarges an einem Stück weißen Baumwolltuches befestigt werden; das andere Ende des Tuches hält der jüngste Sohn oder Enkel. Dieser fährt beim Begräbnis auch vor dem Katafalk in einer Sänfte als „Führer der Seele“ ([Abb. 449] und [450]). Auf einem Wagen wird die Leiche zum Scheiterhaufen befördert, begleitet von einer Musikbande, gemieteten Trauerweibern und den Angehörigen, die in Weiß gekleidet sind und sich ihren Kopf zum Zeichen der Trauer haben scheren lassen. Ehe die Leiche verbrannt wird, vergehen immer noch einige Tage. Beim ersten Knistern des Feuers erhält der junge „Seelenführer“ das Novizenkleid aus den Händen eines Priesters.
Die Annamiten, die sich hauptsächlich in Annam, Tonkin und Kotschinchina angesiedelt haben und aus Tibet stammen sollen, besitzen ebenfalls eine kleine (etwa hundertfünfundfünfzig Zentimeter hohe), aber ein wenig gedrungenere Gestalt als die Kambodschaner, einen kurzen Kopf, ein breites Gesicht mit sehr häufig (drei Viertel der Fälle) schiefstehenden Mongolenaugen, sowie schwarzes, straffes Haar; im allgemeinen weisen sie mehr den Typus der gelben asiatischen Rasse auf. Ihre Haut ist heller als die der Kambodschaner, weswegen sie sich als weiße Menschen betrachten und auf jene mit einer gewissen Verachtung herabsehen.
Phot. Mme Basalle.
Abb. 453. Annamitische Schauspieler.