Die beiden buddhistischen Feste, anläßlich deren Opfer gebracht werden, sind die des „Throeu Con He Kak Thoeu“ und das „Blütenfest“, zu denen das ganze Dorf nach der entfernten Pagode wandert.

Über den Charakter der Annamiten sprechen sich die meisten Kenner der Verhältnisse ziemlich ungünstig aus; sie gelten für hinterlistig, rachsüchtig, falsch, lügnerisch und in hohem Grade diebisch, die annamitische Justiz ([Abb. 452]) ist indessen sehr streng; andere Beobachter aber heben dagegen ihre Bescheidenheit, Gastfreundschaft, Unterwürfigkeit, Höflichkeit, Hochachtung vor höher Stehenden und große Liebe zu den Eltern, sowie ihre Betriebsamkeit hervor. Die letztere macht sich auf dem Gebiete der technischen Fertigkeiten (Schnitzerei, Stickerei, Perlmutterarbeiten und so weiter) bemerkbar, wobei auch ein gewisser künstlerischer Sinn sich verrät. — Leidenschaftlich huldigen die Annamiten dem Spiel, sie zeichnen sich dabei durch Ruhe, Berechnung und Kaltblütigkeit aus. Selbst kleine Kinder kann man die Spielhöllen aufsuchen sehen. Auch für Theateraufführungen haben sie großes Interesse ([Abb. 453] und [454]).

Große Religiosität bekunden die Annamiten gerade nicht. Die herrschende Religion ist zwar der Buddhismus ([Abb. 455]), aber er ist auch hier wie anderwärts mit volkstümlichen, abergläubischen Vorstellungen von Geistern und Dämonen durchsetzt. Der Kaiser und die höheren Beamten bekennen sich zur Lehre des Konfuzius. Daneben hat aber auch das Christentum zahlreiche Anhänger gefunden. — Die große Furcht der Annamiten vor den Geistern, besonders vor den zahlreichen bösen, den Ma, erfordert, daß sie ihnen beständig Opfer darbringen, um sie zu besänftigen; diese Gaben pflegen in ein wenig Reis oder kleinen Kupfermünzen oder stangenähnlich geformtem Goldpapier, an dem die Geister ebensolche Freude wie an massivem Gold haben sollen, zu bestehen. Vor dem Tiger im besonderen haben die Annamiten große Angst und reden ihn daher nur mit „Herr Tiger“ an; ebenso fürchten sie die Ma-qui, die umherirrenden Seelen derer, die kein Begräbnis gefunden haben. Gewisse andere Tiere, wie der Elefant, der Walfisch, der Delphin stehen in dem Rufe, einen wohltätigen Einfluß auszuüben.

Phot. A. Cabaton.

Abb. 456. Szene aus einem annamitischen Leichenzug.

Der vornehm ausgestattete Katafalk, „das goldene Haus des Toten“, wird von fünfzehn Trägern getragen.

Phot. A. Cabaton.