Abb. 457. Szene aus einem annamitischen Leichenzug.
Der Altar der Vorfahren mit der Tafel des Verstorbenen wird in dem Zuge mitgefahren.
Für Schwangere sind besonders die Geister Ma Con Ranh gefährlich, die das Bestreben haben sich zu verkörpern und mit Vorliebe dazu die werdende Leibesfrucht auswählen. Die Folge ist dann, daß diese abstirbt und die Mutter ein totes Kind zur Welt bringt. Daher werden ihnen während der Schwangerschaft und nach der Geburt Opfer dargebracht. Der Annamitin ist es verboten, im eigenen Hause niederzukommen. Daher errichtet man bei den wohlhabenderen Leuten für die Schwangere im Hofe, also ziemlich nahe der eigentlichen Wohnung, eine besondere kleine Bambushütte, in der sie während ihrer schweren Stunde auf einem auf vier Pfählen ruhenden Bambuslattenlager aushalten und auch noch einen Monat lang nach ihrer Niederkunft verweilen muß. Ärmere Leute sind auf kleine schmutzige Winkel angewiesen, um niederzukommen, und nicht selten vollzieht sich der Akt vor den Augen des Publikums auf der Straße. Die Nachgeburt wird von der Hebamme — alte Frauen leisten bei der Geburt Beistand — in einen Fetzen Stoff gewickelt und gegen Abend oder in der Nacht an einem von ihr geheim zu haltenden Orte vergraben. Die abgefallene Nabelschnur wird dagegen sorgfältig aufbewahrt und findet als Zusatz zu einem Mittel gegen das Fieber, falls das Kind in den ersten Jahren daran erkranken sollte, Verwendung. Nach der Geburt eines Kindes hütet man sich für einige Tage, irgend ein Wort auszusprechen, das mit Tod, Krankheit, Unglück und so weiter in Zusammenhang steht, aus Furcht, das Kind könnte von einem solchen Mißgeschick heimgesucht werden. In dieser Zeit darf man im Hause auch nichts braten, weil sonst Mutter und Kind einen bläschenartigen Ausschlag bekommen würden. Ist das Kind einen Monat alt geworden, dann erhält es einen Namen, vorzugsweise einen häßlichen, wie Hund oder Schwein, um die bösen Geister fernzuhalten. Erkrankt es etwa, dann wird es angeblich an einen Priester verkauft, der es sofort wieder, aber unter einem anderen Namen, an die Familie zurückveräußert, in der Hoffnung, die bösen Geister dadurch irrezuführen. Hat ein Knabe das erste Lebensjahr erreicht, dann werden vor ihm Arbeitsgeräte, Waffen, ein Schreibtisch und ein Mandarinensiegel ausgebreitet; aus der Bewegung, die seine Hand gegen den einen oder den anderen Gegenstand macht, schließt man auf den Beruf, den er künftig ergreifen wird.
Phot. H. Baudesson.
Abb. 458. Hochzeitsszene bei den Laotiern.
Vor den Opferpfosten bindet der Priester mit einem Baumwollfaden die Hände des Paares zusammen und dreht als Opfer einem Huhne den Hals ab.
Die Annamiten gehen mit achtzehn oder zwanzig Jahren die Ehe ein, je nach dem Geschlecht. Die Eltern bringen die Angelegenheit in Ordnung, setzen aber die Ahnen vorher von ihrem Entschluß in Kenntnis; diejenigen, die es angeht, werden jedoch nicht gefragt. Selbst Kinder in der Wiege werden schon verlobt. Ist der Bräutigam wohlhabend, dann bringt er seiner Verlobten Geschenke dar, die nicht selten einen bedeutenden Wert aufweisen, Juwelen, Lackkästen, Stoffe, Kerzen, Reiswein, Betel und ein großes, fettes Schwein. Arme Jünglinge treten bei ihrem Schwiegervater in Dienst. Die eigentliche Hochzeit, eine rein häusliche Angelegenheit, erfordert vom Bräutigam neue Geschenke; es ist üblich, daß diese möglichst viel in Rot, der Farbe des Glücks, gehalten sind. In dem Hause beider Parteien werden den Ahnen Opfer dargebracht; darauf bringt der Bräutigam seiner Braut ein paar Störche, das Sinnbild der Treue, zum Geschenk dar, das Paar wirft sich vor den Gottheiten, die über die Ehe wachen, dem „Genius der rotseidenen Fäden“ und der „Frau Mond“ auf die Erde und überreicht ihnen die Störche. Mit einem Festessen findet der erste Hochzeitstag seinen Abschluß. Am anderen Morgen wird die junge Frau prachtvoll angekleidet und in das Heim ihres Mannes geleitet; sie wirft sich hier vor den Schutzgeistern der Ehe, den Ahnen, ihren Schwiegereltern und deren Angehörigen nieder. Die Opfergabe vor dem Altar der Vorfahren macht dabei den wesentlichsten Teil der Hochzeitszeremonie aus. Von diesem Augenblick an ist die Frau in die Familie ihres Gatten eingetreten, zu deren Religion sie fortan sich auch bekennt. Obgleich die Annamitin in ihrem Hause, besonders als Mutter, der Achtung sich erfreut, so ist ihr Los doch kein beneidenswertes. Die Scheidung wird dem Manne leicht gemacht; er kann sie aus sieben Gründen beantragen, von denen die drei wichtigsten Unfruchtbarkeit, Schwatzhaftigkeit und Eifersucht sind. Die reichen Annamiten, die es sich leisten können, leben in Polygamie; indessen genießt nur die Frau, die unter den geschilderten Förmlichkeiten geheiratet wurde, Ansehen und Macht.
Phot. H. Baudesson.