Aus „Anthropos“.

Abb. 479. Chinesische Bühne.

Die Szene stellt einen Akt aus Dschan Bei Yüan (Die Eroberung von Bei Yüan) vor.

Die Chinesen sind von alters her auch leidenschaftliche Liebhaber des Theaters. Die Bühne pflegt ein von drei Seiten offener, überdeckter Pavillon zu sein, an den sich im Hintergrunde ein Gebäude anschließt; den Zuschauerraum gibt die Dorfstraße ab ([Abb. 479]). Die Schauspieler von Beruf werden zu der niedrigsten Menschenklasse gerechnet und sind von allen Ehrenämtern, desgleichen auch ihre Nachkommen, ausgeschlossen. Frauenrollen werden ebenfalls von den Herren der Schöpfung gespielt, die dann mächtig geschminkt und gepudert, zumeist wie mit Tünche überzogen, auftreten ([Abb. 478]). Ihre buntschillernden Kostüme sind fast immer recht kostbar und mit wundervollen Stickereien bedeckt; ein Kopfputz erhöht die theatralische Wirkung. Die Handlung nimmt auf historische oder mythische Ereignisse Bezug und besteht in uns unverständlichen Gesten der Arme und Bewegungen der Beine, die oft in seltsame Sprünge ausarten. Auf der mit nur spärlichen Requisiten ausgestatteten Bühne herrscht meist ein furchtbarer Lärm, da ein Schauspieler den anderen durch eine laute Stimme, zumeist in hoher Fistellage, zu übertreffen sucht. Die Wiedergabe eines historischen Heldenromans sieht sich wie eine Burleske an. Werden Kostümumwandlungen nötig, dann stellen sich einige der Mitwirkenden vor die betreffende Person, die den Wechsel auf der Bühne hinter dieser lebenden Schutzwand vollzieht. Pausen werden durch das Auftreten mächtiger Gestalten mit grotesken Masken und Vorführung von Tänzen ausgefüllt, die entweder kriegerischer Natur sind und mit andauerndem Lärm und wildem Umherschwingen der Schwerter und Lanzen einhergehen oder in ruhigeren ballettartigen Bewegungen bestehen.

Phot. F. W. Carey.

Abb. 480. Chinese im Kang.

Phot. F. W. Carey.

Abb. 481. Aufzug beim Ying Chun- oder Frühjahrsbegrüßungsfeste in Yünnan.