Phot. F. W. Carey.
Abb. 482. Szene vom Ying Chun-Feste.
Ein mächtiger Stoffdrachen wird durch die Strassen getragen.
Unter großer Ausgelassenheit wird in China das Neujahrsfest, das San-Lin, gefeiert; die große Bedeutung dieses Tages erklärt sich, wenn man bedenkt, daß der erste Tag des neuen Jahres für den allgemeinen Geburtstag der gesamten Bevölkerung gilt; jeder Chinese rechnet daher sein Alter von dem Beginne des Jahres an, in dem er geboren wurde, und ein Kind, das eine Woche vor Jahresschluß das Licht der Welt erblickte, ist am ersten Tage des neuen Jahres bereits ein Jahr alt. Schon wochenlang vorher macht sich das Nahen dieses wichtigen Festes bemerkbar. Der Kaufmann schließt seine Bücher ab, treibt seine ausstehenden Forderungen ein und läßt saumseligen Schuldnern die Ladentore ausheben, damit die stets umherschweifenden bösen Geister Eingang finden, außerdem bemüht er sich, sein Lager in den letzten Wochen nach Möglichkeit zu räumen. Im Hause wird große Reinigung vorgenommen. Auf den Höfen werden Opferaltäre errichtet, auf denen den Göttern noch schnell, ehe das Jahr zur Neige geht, allerlei Kuchen und Früchte dargebracht werden. Die Reichen errichten dazu große Pavillone und behängen sie kunstvoll mit bunten Stoffen und Papierlaternen. Die Tempel werden das ganze Jahr lang nicht von so vielen Menschen aufgesucht, wie in den letzten Tagen. Überall auf den Straßen werden zahllose rote Papiere angebracht, auf denen die Wünsche, meistens für „langes Leben, Gesundheit, Reichtum, Liebe zur Tugend, und natürlichen Tod“ geschrieben stehen. Alle Türen, Fenster, Hallen, Bäume, Sträucher, Wagen, Tiere, Boote und sonstigen Gegenstände werden mit roten Papieren behängt, auf denen man Glück und Segen herabfleht. So ist mittlerweile die Neujahrsnacht herangerückt. Alles geht in prächtige Festgewänder gekleidet, die Kinder in possierlichen Putz gesteckt, auf die Straße, um sich die Beleuchtung der Häuser und das Feuerwerk anzusehen, das zum Austreiben der bösen Geister angezündet wird; allenthalben wird dabei ein ohrenbetäubender Lärm gemacht. So lebhaft und laut es in der Nacht zugeht, so still und stumm ist es am Morgen des Neujahrstages. Die Straßen liegen wie tot da, alle Läden, Geschäftsräume und Ämter sind geschlossen; kein Verkehr, kein Geschäft findet statt. Erst gegen Mittag kommt Leben hinein, die Männer erscheinen, die Vornehmeren in ihrer Sänfte, die Ärmeren zu Fuß, um sich gegenseitig Neujahrsbesuche abzustatten und ihre Visitenkarten abzugeben, auf denen für gewöhnlich Kinder, Standeserhöhung und langes Leben gewünscht werden. Die chinesischen Visitenkarten sind von roter (der Glücks-) Farbe und haben eine ganz ungewöhnliche Größe; sie messen etwa zwanzig Zentimeter in der Länge. Auch im Hause selbst werden ähnliche Glückwünsche dargebracht. Die Kinder werfen sich vor ihren Eltern zum Kotau nieder, die Schüler vor ihren Lehrern, die Diener vor ihrer Herrschaft, die niederen Beamten vor den höheren und die Eltern vor den Ahnentafeln ihrer Vorfahren, denen sie außerdem in Schalen Reis und Reiswein vorsetzen. Ein jeder Gast erhält eine Schale Tee kredenzt, in die man als Zeichen des Wohlstandes eine Mandel oder Olive hineinlegt. Am Abend nimmt man das tolle Leben von der Neujahrsnacht wieder auf, und nun setzt ein mehrtägiges Feiern ein, bei dem die Ausgelassenheit keine Grenzen kennt. Währenddessen bleiben Geschäfte und Bureaus geschlossen; alle Arbeit ruht. Und wenn sie auch nach fünf Tagen im allgemeinen wieder aufgenommen wird, so hält doch das Feiern noch wochenlang an. Der siebente Tag ist im besonderen dem schönen Geschlecht gewidmet; dann erscheinen die Damen in großen Scharen in den öffentlichen Gärten, um sich zu unterhalten, und am vierzehnten und fünfzehnten Tage pflegen alle Mitglieder einer Sippe zu einem gemeinschaftlichen Festmahle zusammenzukommen; das ist der Höhepunkt des Festtrubels. Das Ganze findet seinen Abschluß in dem Laternenfest, bei dem Laternen von allen Farben, Größen und Formen an Stöcken durch die Straßen in großer Prozession getragen werden.
Karnevalähnliche Aufzüge pflegen wohl bei allen größeren Festlichkeiten veranstaltet zu werden, so auch in großem Stile bei dem Begrüßungsfest des Frühlings (Ying Chun). Bei diesem trägt man große papierne Drachen durch die Gassen ([Abb. 481] und [482]). — Bei dieser Gelegenheit soll auch einer uralten Sitte gedacht werden, die Schiller in einem Gedichte verherrlicht hat, des Pflugfestes der Chinesen, bei dem der Kaiser alljährlich vor der Öffentlichkeit höchst feierlich in eigener Person den Pflug lenkte und die Saat mit den Händen ausstreute. Dieser Brauch soll bereits im Jahre 2800 vor Christo von dem zweiten der legendenhaften Kaiser, namens Chin Nong, vorgeschrieben worden sein und hatte sich bis in unsere Tage hinein erhalten.
Phot. F. W. Carey.
Abb. 483. Strafe für Räuber in China, wie sie früher üblich war.
Die Chinesen sind im allgemeinen große Feinschmecker und verfügen aus diesem Grunde auch über eine Unmasse von Delikatessen, die unter Umständen sich viel kostspieliger stellen als die teuersten Gerichte unserer Speisekarte; aber für unseren Gaumen dürften die meisten von ihnen grauen- und ekelerregend sein. Am höchsten werden Haifischflossen geschätzt, beinahe ebenso getrocknete Austern und Vogelnestersuppe (von einer Seeschwalbenart), deren Ruf bereits bis in die vornehmen europäischen Gasthäuser gedrungen ist (wohl die teuerste Delikatesse der Welt). Weitere beliebte Gerichte, die auf die chinesische Tafel kommen, sind Tintenfische, künstlich, zumeist jahrzehntelang gereifte, fälschlich faul genannte Eier, getrocknete Würmer, stinkende Fische, Ratten-, Mäuse-, Katzen-, Hundebraten; daneben aber auch Schweinebraten und eine Unmasse von Gemüsen und Früchten, von denen uns bittere Melonen und Bambussprossen eigenartig anmuten. Für das Volk besteht die Hauptnahrung in Reis, daneben aber kommen auch eine ganze Reihe von Gemüsen, Wurzeln und Früchten sowie allerlei Erzeugnisse des Meeres auf den Tisch, auch Seetang wird gern gegessen. Man nimmt den Bissen mit langen Eßstäbchen aus Holz oder Elfenbein auf und führt ihn damit auch zum Mund; Messer und Gabel kennen die Chinesen bei ihren Tafelfreuden nicht. Die Getränkekarte ist bei ihnen sehr bescheiden; die Weingewinnung kennen sie nicht. Wenn wir von dem Sekt absehen, der bei den Diners der reichen Chinesen neuerdings mehr und mehr Eingang findet, kennt man nur den warmen Reiswein, der auf keinem Tische fehlen darf. Für die große Masse aber ist Tee das Hauptgetränk; in seiner Zubereitung sind die Chinesen ja bekanntlich Meister. Wenig bekannt dürfte sein, daß man aus Teeblättern auch einen schmackhaften Salat bereitet.