Sie erhält unter anderem Blumen, an denen zwei Knabenpuppen, die eine grün, die andere rot, beide mit einem Kürbis in der Hand, hängen — ein Symbol der Fruchtbarkeit. Der Bräutigam betritt das Zimmer und nimmt neben der Braut Platz.
(Malerei auf Seide. Museum für Völkerkunde, Berlin.)
Die Geburt geht unter Beihilfe einer Hebamme vor sich. Diese Frauen pflegen ihre Tätigkeit durch ein bemaltes Schild vor ihrem Wohnhause bekannt zu machen, das auf der Vorderseite diese ihre Beschäftigung („Empfangsfrau“) kundgibt und auf der Rückseite irgend einen glückverheißenden Spruch oder eine geschickte Anpreisung ihrer gesegneten Tätigkeit, wie „flinkes Roß“ oder „leichtes Gefährt“ enthält. Bei jeder Geburt spielen Amulette eine große Rolle, um die bösen Geister zu bannen. So zieht die Gebärende besondere Strümpfe an, die der Dalai Lama eingesegnet hat, oder verschluckt Pillen aus Papier, auf dem Zaubersprüche geschrieben stehen, oder man hängt in ihrer Nähe zwei Zauberschwerter auf, das sind zwei Stäbe in Schwertform, die sich aus etwa hundert aufeinander gereihten, womöglich recht alten, Kashmünzen, zusammensetzen. Die Nabelschnur wird von der Hebamme in eine Holzkohle enthaltende Urne getan, die man sorgfältig versiegelt und zehn Jahre hindurch, mitunter auch das ganze Leben lang, aufbewahrt und im letzteren Falle mit ins Grab gibt. Manchmal wird sie auch getrocknet, um pulverisiert dem Kinde bei Blattern als Heilmittel gegeben zu werden. Die Nachgeburt muß von der Mutter der Wöchnerin, oder falls diese nicht mehr am Leben ist, von der ältesten Schwägerin am dritten Tage nach der Niederkunft unter einem Steine vergraben werden, damit sie niemand findet. Denn da sie ein von Apothekern sehr gesuchter Artikel ist, um daraus ein Heilmittel zur „Herstellung der Lebenskraft“ anzufertigen, so wird sie häufig gestohlen. Man gibt das Mittel auch einer Schwangeren vor der Entbindung ein. Einem scheintoten Kinde wird ein mit Öl getränktes Stück Papier auf den Nabel gelegt und angebrannt, damit die dabei sich entwickelnde Hitze durch den Nabel in den Magen ziehe und die Lebensgeister erwärme. Nach der Geburt werden rote Kerzen in der Wochenstube angezündet und die Anwesenden bemühen sich, nur Angenehmes zu erzählen, denn der neue Erdenbürger darf nur Freudiges hören und sich nicht erschrecken. Die Wöchnerin gilt für kürzere oder längere Zeit als unrein; kein männliches Wesen und kein Fremder dürfen in ihre Stube kommen. Zum Zeichen dessen hängt man an einem der Türklopfer ein Schloß auf und teilt auf einem Stück roten Papiers mit, daß ein Knabe oder ein Mädchen angekommen ist. Kein Mensch wird dann wagen einzutreten. Der Vater sieht sofort nach der Geburt im Kalender nach, ob die Stunde günstig ist. Erblickt ein Knabe um die Mittagstunde das Licht der Welt, dann wird er nicht nur am Leben bleiben, sondern auch ein bedeutender Mann werden; ein Mädchen dagegen wird sterben. Wird ein solches um Mitternacht geboren, dann wird es wohl sein Leben behalten, aber unglücklich werden; ein Knabe aber wird beständig Freude im Leben haben. Am dritten Tage gibt man dem Kinde den ersten Namen, den sogenannten Milchnamen (im Gegensatz zu dem Familiennamen), der meistens auf irgend ein Ereignis, das bei der Geburt auffiel, zum Beispiel starken Regen, Bezug nimmt. Geht der Knabe zur Schule, dann erhält er den Schulnamen, manchmal wechselt er auch diesen noch, während Mädchen Zeit ihres Lebens denselben Vornamen führen. Am achtundzwanzigsten Tage wird ein großes Fest gefeiert, zu dem die Freunde sich mit ihren Glückwünschen und Geschenken einfinden. Die Mutter überreicht dem Vater das Kind, der es als das seine anerkennt. Es wird auch am Kopfe rasiert, nur zwei kleine Büschel bleiben an den Schläfen stehen. Um den Einfluß böser Geister zu bannen, wird an ihm noch die Zeremonie des Tordurchschreitens vorgenommen. Es wird unter lauten Zymbalschlägen in feierlichem Zug durch einen Torrahmen getragen, der mitten in einem Zimmer aufgestellt ist, und erhält Speisen, Papiergeld und so weiter angeboten. Hat das Kind das erste Lebensjahr vollendet, dann werden neue Opferspenden dargebracht und daran anschließend ein neues Fest veranstaltet. Nachdem Räucherkerzen angezündet worden sind, breitet man vor den Ahnentafeln auf einer Platte im Kreise eine Geldwage, ein Buch, Schmucksachen und so weiter aus, setzt das Kind mitten hinein und beobachtet, welchem Stück es seine besondere Aufmerksamkeit zuwendet; man schließt daraus auf seinen zukünftigen Beruf. Nach vollendetem zehnten Jahre wird wiederum ein Fest abgehalten, und dies wiederholt sich alle Dezennien. Die Kleider für ganz junge Kinder werden nach dem Muster der Priesterkleidung angefertigt; hierdurch, wie durch alle möglichen Zaubermittel, Glücksächelchen und Bildnisse besonderer Schutzgottheiten, die man ihnen umhängt, soll der Schutz der Götter gewonnen werden. Beständig ist die Mutter darauf bedacht, daß dem Kinde ein böser Geist nichts antue. Aus diesem Grunde wird manchmal ein Knabe als Mädchen und ein Mädchen als Knabe angezogen, um die Geister irrezuführen.
Aus Reitzenstein, Liebe und Ehe.
Abb. 490. Chinesischer Brautzug nach dem Hause des Bräutigams.
Die erste Sänfte enthält die Braut, die zweite die Brautmutter. Die Braut wird dabei in einer roten Sänfte getragen. Die vorangehenden Laternenträger sind bei den oberen Gesellschaftsklassen mit rotpunktierten grünen Röcken, bei den übrigen mit schwarzen Röcken bekleidet.
(Malerei auf Seide. Museum für Völkerkunde, Berlin.)
Mit sieben Jahren beginnt für die Knaben der erste Unterricht, der in dem Lesenlernen und Schreiben der Tausende von Schriftzeichen und in dem Auswendiglernen klassischer Bücher besteht. Nach einigen Jahren wird ihnen die höhere Bildung zuteil, insofern sie über Abfassung von Briefen, behördlichen Verordnungen, Kontrakten und so weiter Unterweisung empfangen und sich mit literarischen Kompositionen und poetischen Erzeugnissen beschäftigen. Nach abgeschlossenem Bildungsgang legen die jungen Leute ihre Examina ab, zu denen ein jeder, mit wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel die Barbiere und Schauspieler, zugelassen wird. Es ist dies eine uralte Einrichtung, die bereits auf ein mehr als tausend Jahre langes Alter zurückblickt. In vielen Gegenden legen die Kandidaten, wenn sie in Ehren bestanden haben, ein besonderes Gewand an, das mit vielen Bändern geschmückt ist, gehen umher, machen bei ihren Bekannten Besuche und nehmen deren Glückwünsche entgegen. Über dem Haupteingang des Hauses, in dem sie wohnen, wird ihr Name und akademischer Rang mit großen goldverzierten Buchstaben aufgetragen, ein sinnreicher Tribut an die Gelehrsamkeit, durch den in die Eintönigkeit der schmalen Straßen etwas Abwechslung gebracht wird. Neuerdings beginnen mehr und mehr europäische Erziehungsmethoden in China Eingang zu finden, auch der Mädchenbildung wird jetzt mehr Beachtung geschenkt. Man läßt den Mädchen bis zu einem gewissen Grade auch schon eine Erziehung zuteil werden, das heißt ihnen Unterricht im Lesen und Schreiben, sowie in der Anfertigung von Handarbeiten, im besonderen Sticken geben. Bis dahin beschränkte sich ihre Ausbildung in dem Einüben von Begrüßungen, Verbeugungen und anderen Förmlichkeiten. In Südchina schickt man die Mädchen sogar in Pensionate.