Phot. Messrs. Thomson.

Abb. 491. Ein Chinesenpaar in Andacht vor dem Schrein ihrer Vorfahren.

Phot. Mrs. Cecil Holiday.

Abb. 492. Chinesisches Brautpaar,

der Bräutigam in Mandarinenkleidung, aber ohne Rangabzeichen (Perlenhalsband und Stickerei auf der Vorderseite des Rockes), die Braut in prunkvollem Kopfputz, der ihr Gesicht ziemlich verbirgt.


GRÖSSERES BILD

Das Weib nimmt bei den Chinesen eine ganz untergeordnete Stellung ein. Bereits die Geburt eines Mädchens wird in der chinesischen Familie selten mit Freuden begrüßt und manchmal geradezu als ein böses Geschick verwünscht, sobald keine Knaben vorhanden sind. Dies hängt mit der Sitte der Ahnenverehrung, mit der Ansicht der Chinesen, daß die Seelen der Vorfahren nur durch die Huldigung ihrer männlichen Nachkommen ein glückliches Dasein führen, zusammen. Daher wird es allgemein als Familienunglück angesehen, wenn kein Sohn vorhanden ist, der den Ahnen die täglichen Ehren erweisen und Opfer darbringen kann, damit sie in der Unterwelt nicht ewig hungern und dürsten brauchen. Außerdem ist ein männlicher Nachkomme stets eine Stütze der Eltern, zumal er auch nach seiner Verheiratung in ihrem Hause verbleibt und sie unterhält. Kommt noch hinzu, daß er literarische Ehren erwirbt und eine gute Stellung erhält, so gereicht dies nicht nur seinen Erzeugern, sondern auch den Vorfahren zur Zierde. Eine Tochter dagegen fällt bis zu ihrer Verheiratung den Eltern nur zur Last und vermag sie späterhin nicht zu unterstützen, da sie in die Familie des Gatten übersiedelt. — Der Chinese heiratet für gewöhnlich jung, meist vor dem vollendeten zwanzigsten Lebensjahre; es ist aber nichts Ungewöhnliches, daß Knaben von sechzehn mit Mädchen von vierzehn Jahren die Ehe eingehen. Verlobungen finden häufig schon viel früher statt. Liebe knüpft sehr selten den Bund fürs Leben, sondern fast stets der Wille der Eltern, gegen den das junge Mädchen nicht ankämpfen darf. Sie bekommen die Schwiegertochter oft zu einem sehr niedrigen Preise oder gar umsonst von einer Familie, die zu arm ist, um eine Tochter aufzuziehen. Es ist in China üblich, daß die Schwiegertochter in das Haus der Eltern des Bräutigams zieht, wo sie für immer verbleibt und mitarbeiten muß; oft genug erfährt sie hier die grausamste Behandlung, besonders von seiten der Schwiegermutter, die das ganze Hauswesen der Sitte gemäß beherrscht, sogar tyrannisiert. Dieser Übelstand hat den Selbstmord vieler chinesischer Frauen zur Folge, da sie die Mißhandlungen und Kränkungen nicht auf die Dauer auszuhalten vermögen. In Südchina soll es sogar einen Geheimbund junger Mädchen geben, „die Gesellschaft der goldenen Regenbogen“, deren Mitglieder sich verpflichten, eher sich das Leben zu nehmen, als zu heiraten. — Der Heirat geht als Regel die Verlobung voraus, von der einer nur mit großer Schwierigkeit und unter großem Geldaufwand loskommen kann. Stirbt der Jüngling vor der Hochzeit, so gehört seine Braut trotzdem seiner Familie an und wird als seine Witwe angesehen. Einer der seltsamsten Gebräuche ist ihre Trauung mit dem Geiste ihres verstorbenen Bräutigams. Er wird durch eine Tafel vertreten, die eine weibliche Verwandte bei der Trauung trägt und die nachher in den Ahnensaal kommt; im übrigen spielt sich die Zeremonie so ab, als ob der Bräutigam noch lebte. Drei Tage nach solcher Hochzeit legt die Braut Trauer an und richtet sich lebenslänglich als Witwe ein; sie adoptiert auch einen Sohn, der den Familiennamen des Verstorbenen weiterführt und die Pflege der Ahnen übernimmt. — Nachdem ein Austausch von Geschenken stattgefunden hat, wird die im Brautkleid aufs schönste geschmückte Braut ([Abb. 489] und [492]) auf einer Hochzeitssänfte ([Abb. 488]) in das Haus der Schwiegereltern getragen ([Abb. 490]), wo sie sofort diesen sowie den Großeltern, ganz gleich ob sie leben oder nicht, ihre Ehrerbietung erweist; Vater und Mutter sitzen dabei, und das Paar kniet vor ihnen nieder. In gleicher Weise muß es der Ahnentafel seine Ehrerbietung erweisen ([Abb. 491]) und abwechselnd aus demselben Becher Reiswein trinken. Damit ist die Ehe geschlossen.

Phot. Gebr. Haeckel.