Kinder werden gewöhnlich in kleinen Kisten beigesetzt, sehr arme Leute hüllen die Leiche in Strohmatten und legen sie einfach auf das Grab Erwachsener. Da ein Baby noch keine Zähne hat und auch nicht essen kann, ist es nach der Ansicht der Chinesen noch kein Mensch und braucht nicht wie dieser begraben zu werden. Daher stiften wohltätige Leute „Babytürme“, in denen die kleinen Kinder armer Leute mit Würde und Anstand beerdigt werden können. Reiche Leute haben am Rande des Familienfriedhofs einen Begräbnisplatz für Kinder, da ein Kind nicht mit Erwachsenen zusammen begraben werden darf. Eine der rührendsten Sitten in China ist das Suchen der Seele eines toten Kindes durch seine Mutter. Diese zieht mit einer Laterne und einem Kleidungsstück ihres Lieblings aus, um nachzusehen, wo er seine Seele habe fallen lassen; sie bewegt die Laterne hin und her und ruft das Kind mit den Worten: „Komm heim, komm heim!“ — eine Mutterstimme, sagen die Chinesen, reiche tausend und aber tausend Li (ein Li = vierhundertzweiunddreißig Meter) weit — und eine andere Frau antwortet darauf mit „Ich komme“; man glaubt dann, daß das Seelchen der Mutter nach Hause folge. — Eine höchst phantastische Totenzeremonie in Tientsin zeigt unsere [farbige Kunstbeilage].

Abb. 499 und 500. Steinfiguren an dem Weg zu den Minggräbern bei Peking.

Mandarine, bedeutende Personen, sowie Leute, die durch Mildtätigkeit und Güte diese Ehre verdient haben, werden auf öffentliche Kosten in kostbaren Mausoleen, die aus Granit oder Nephrit gebaut, mit gebrannter Emaille geschmückt sind und ein Wohngebäude mit Saal für Totenzeremonien enthalten, beigesetzt. Weltberühmt sind die Gräber der Kaiser aus der Mingdynastie, im besonderen das Grabmal des Herrschers Yung-Lo bei Peking. Eine kilometerlange Allee von seltsam geformten steinernen Riesentieren ([Abb. 499] und [500]), Kriegern und Ministern, von denen ein jedes Bildnis aus einem einzigen Felsblock gehauen ist, führt zu einem großen Hügel, auf dem sich das Grab dieses berühmten Kaisers inmitten alter Eichen, Zedern und Sykomoren, ein Tempel auf einer weißen, von einer skulpturenreichen Balustrade umgebenen Marmorterrasse erhebt, und dessen gelbes Dach auf sechzig, drei Meter im Umfang messenden Holzsäulen ruhend die goldene Ahnentafel beschattet. Ursprünglich scheint man im Altertum bei chinesischen Begräbnissen auch Menschenopfer dargebracht zu haben; bis vor wenigen Jahrhunderten war dies nachweislich noch bei kaiserlichen Begräbnissen der Fall.

Eine ebenso entsetzliche Unsitte, die noch bis vor ganz kurzem geübt wurde, war das Lebendigbegraben. Dieses schauerliche Los traf gewöhnlich solche Leute, die für ihre Familie oder Gemeinde eine moralische oder physische Gefahr bedeuteten, wie leidenschaftliche Spieler, unverbesserliche Opiumraucher, Diebe und Raufbolde, sowie Aussätzige. Der chinesischen volkstümlichen Auffassung erscheint diese Unsitte aber gar nicht so ungeheuer, denn ihr zufolge ist das Leben nach dem Tode nur eine Fortsetzung des Lebens auf der Erde.