der je nach dem Rang des Verstorbenen an Ausdehnung zunimmt.
Phot. F. W. Carey.
Abb. 497. Pferd und Diener, in Papier ausgeführt, bei einem chinesischen Leichenbegängnis
zum Gebrauch für den Toten im Jenseits.
Ist ein Chinese erkrankt, so nimmt er zunächst seine Zuflucht zu dem Übernatürlichen, da vielleicht einer der bösen Geister, möglicherweise ein erzürnter Vorfahre, die Krankheit verhängt haben könnte. Deshalb wirft sich die Familie vor dem Ahnenaltar nieder und fleht um Genesung. Tritt diese nicht ein, dann wendet man sich an den Arzt, aber zunächst nur, um die Diagnose von ihm zu erfahren, das heißt ob das Leiden von einem Geiste der Vorfahren ausgeht oder von einem „bettelnden“ Geiste; darunter versteht man Geister, die entweder keine Angehörigen mehr haben oder von diesen keine genügende Verehrung erfahren, oder solche, die im Kriege, auf der hohen See oder im fremden Lande verendeten; sie sind zu „Bettlern“ verdammt, leben von der öffentlichen Fürsorge, und rächen sich daher durch Heraufbeschwören von allerlei Unheil, wie Hungersnot, Überschwemmungen, Krankheit und so weiter. Die Behandlung in solchem Falle ist einfach, der beleidigte Geist muß versöhnt werden. Zu diesem Zwecke verbrennt man Papiergeld (in Form kleiner Boote, Nachahmung der Silbertaels) entweder bei erzürnten Vorfahren vor dem Hausaltar oder bei erzürnten Bettelgeistern vor der Haustüre. Als letzte Zuflucht wird noch ein Bonze geholt, der mit Beschwörungen gegen die bösen Geister vorzugehen hat. Läßt sich auch hierdurch die Auflösung des Kranken nicht aufhalten und steht sein sicheres Ende bevor, so trifft man bereits Vorbereitungen zum Begräbnis. Man nimmt dem Sterbenden Maß zu einem Leichengewande, das wattiert sein muß, weil die Seele kalte Gegenden zu passieren hat — auch ein Fußofen wird ihm aus diesem Grunde mitgegeben — und spricht in seiner Gegenwart ruhig von seinem bevorstehenden Ende. Damit noch nicht genug, trägt man ihn auch meistens aus dem Zimmer heraus oder gar auf die Straße, denn er darf nicht in seinem Bette sterben, weil sich vielleicht ein Geist im Bette oder Zimmer aufhält, der die Überlebenden dann heimsuchen könnte. — Die Leiche wird in einen Sarg gelegt und dieser versiegelt. Beim Begräbnis ([Abb. 494] bis [496]) werden besondere Leute gemietet, die möglichst viele und laute Klagen anstimmen. Jedoch findet das Begräbnis nicht sofort statt, sondern es können Wochen, selbst Monate vergehen, ehe man den Leichnam der Erde anvertraut. Je höher der Verblichene im Range stand, um so später erfolgt die Beisetzung. Reiche Chinesen werden einbalsamiert und während dreier Monate — bei dem verstorbenen Kaiser dauerte es sechs Monate lang — auf einem Katafalk, um den beständig große rote Kerzen brennen, in ihrem Staatszimmer vor dem Altare der Ahnen aufgebahrt; die Wände des Raumes schmücken große Vorhänge aus weißem Tuch, auf dem in Tusche fromme Wünsche, religiöse Ausrufe und Lobpreisungen auf den Toten geschrieben stehen. Bei den ärmeren Leuten wird der Sarg bald der Erde überliefert, aber der Tote noch drei Jahre lang als anwesend im Hause gedacht, und in seinem Namen werden alle Anordnungen, seien sie zivilrechtlicher, behördlicher oder religiöser Natur getroffen. Solange die Trauer dauert, darf die Erbschaft nicht angetreten werden; auch ist es verboten, irgend ein Fest, nicht einmal eine Hochzeit oder Verlobung, währenddem zu feiern. Jedoch fällt dem ältesten männlichen Familienmitglied die Pflicht zu, dem Verschiedenen seine weitere Verehrung in dem Darbringen von Nahrung, Geld und Kleidern in Papier zu bezeigen; aus diesem Grunde geht das Verlangen eines jeden Chinesen dahin, sich einen männlichen Nachfolger zu verschaffen; wenn ihm dies Glück versagt ist, adoptiert er sich einen solchen; stirbt er, bevor sein Wunsch in Erfüllung gegangen ist, so stellt ihm die Familie pflichtgemäß einen Nachfolger. Alle Jahre unternimmt die gesamte Bevölkerung einen Umzug zu den Gräbern der Toten und bringt ihnen Opfer dar; diese Zeremonien, bei denen ein großes Gepränge entfaltet wird, beginnen in den ersten Tagen des April und dauern zwei bis drei Wochen; alle Familienstreitigkeiten müssen dann beseitigt werden. Die Familienmitglieder begeben sich sämtlich zum Grabe ihres Angehörigen, das Oberhaupt stellt ein Opfer, aus Lebensmitteln, Früchten und Wein bestehend, auf das Grab und zündet Lichter an, dazu legt es alle möglichen Gegenstände, die der Tote im Jenseits gebrauchen könnte, wie Wagen, Boote, Pferde, Sänftenträger, Diener, Geld und so weiter, allerdings nur in Nachahmung aus Papier ([Abb. 497] und [498]), begießt sie mit Alkohol und zündet das Ganze an. Während dieser Feierlichkeit macht die Familie neun Kotau, das heißt Verbeugungen vor dem Grabe. — Die „bettelnden“ Geister verfallen der öffentlichen Wohltätigkeit; man bringt ihnen ebenfalls an besonders dazu festgesetzten Tagen solche Opfer dar; eine jede Familie trägt zu dieser öffentlichen Fürsorge nach Maßgabe ihres Einkommens bei, und die Summe, die hierbei einkommt, ist nicht unbeträchtlich; nach Yates sollen jährlich gegen fünfzig Millionen dafür ausgegeben werden.
Phot. F. W. Carey.
Abb. 498. Sänfte mit vier Trägern, aus Papier angefertigt, bei einem chinesischen Leichenzug.
Die Banner zur Linken geben die Würden des Toten bekannt, diejenigen in der Mitte zeigen an, daß er gütig und gerecht war.