Mannigfach sind die Gründe, aus denen auch ehelich geborene Kinder getötet werden. Entweder wollen die Eltern überhaupt keinen Familienzuwachs mehr, weil ihnen die Aufzucht der Kinder Mühe, Sorgen und Kosten macht, oder sie hatten sich ein Kind anderen Geschlechtes gewünscht, oder sie geben andere, uns ganz seltsam anmutende Ursachen an. So zum Beispiel begründete eine Kunifrau die Tötung ihres Neugeborenen damit, daß sie durch das Beiseiteschaffen ihres Kindes frei sein wollte, um ein Ferkel säugen zu können. Bei den Mafulu ist es Sitte, daß eine Frau, ehe sie ein Kind bekommt, ein Schwein für einen Dorfschmaus stiften muß; ist ihr dies nicht möglich und kommt sie inzwischen nieder, ohne jene Pflicht erfüllt zu haben, so verheimlicht sie die Geburt des Kindes und bringt es beiseite.
Aus: Brown, The Melanesians.
Abb. 82. Fischreusen der Eingeborenen von Neupommern.
Diese sonderbaren Fischreusen werden im Wasser verankert. Als Anker dient ein mit Steinen gefüllter Korb.
Auch abergläubische Vorstellungen erfordern bei diesem Volke den Tod eines Neugeborenen. Die Mutter geht mit ihrem Säugling an den Fluß und gibt ihm von dessen Wasser zu trinken; nimmt das Kind etwas davon, dann läßt die Mutter es am Leben, wo nicht, so gilt dies als ein Zeichen, daß das Kind sowieso bald sterben würde, sie wirft es darauf kurzerhand in den Fluß.
Die Geburt von Zwillingen wird nicht überall mit gleichen Gefühlen aufgenommen. In einigen Gegenden ist man stolz auf sie, in anderen gelten sie als Schande. Die Nachbarn vergleichen die Geburt dann oft verächtlich mit einem Schweine- oder Hundewurf oder verdächtigen die Mutter des Ehebruchs — man läßt sich dabei von dem Aberglauben leiten, daß Zwillinge verschiedene Väter haben müßten —, auch wohl den Vater des Bruches eines Gelöbnisses oder eines Tabus, wofür sie auf diese Weise bestraft werden. Überall dort, wo Zwillinge nicht gern gesehen werden, ist es üblich, entweder beide oder wenigstens einen von ihnen zu töten. Hierfür sind meistens ähnliche Anschauungen maßgebend, wie wir sie bei den Polynesiern bereits kennen gelernt haben.
Phot. G. Brown.
Abb. 83. Eingeborene von Lineniua mit aufgeschlitzten Nasenspitzen.