Phot. H. O. Forbes.
Abb. 87. Junge Leute von Rurepo, einer Insel bei Neuguinea, zu einem Tanz geschmückt,
der gelegentlich eines Schmauses von Menschenfleisch aufgeführt wurde. Jeder der Tänzer trug eine Stange, an deren Ende ein Stück eines Menschenschädels hing.
Mit dem Zeitpunkt, in dem die Knaben sich der Reife (Pubertät) nähern, werden sie in die Gebräuche und Sitten des Stammes, sowie in seine etwaigen Geheimnisse eingeführt. Dabei ist meistens Bedingung, daß die Knaben in einer besonders errichteten Hütte eine gewisse Zeit, während deren sie von anderen Stammesangehörigen gemieden werden, in Abgeschlossenheit zubringen und gewöhnlich auch vor und während der mit ihnen vorzunehmenden Einweihung eine Anzahl Unannehmlichkeiten erdulden müssen. Auf den Anachoreteninseln werden die einzuweihenden Knaben in einem besonderen Hause abseits vom Dorfe untergebracht und der Obhut eines alten Mannes übergeben; sie dürfen nur besondere Speisen, die man im Dorfe zubereitet, genießen, ihre Haare nicht mit Salzwasser benetzen, keine Fische fangen, kein weibliches Wesen ansehen und beim Erscheinen ihres Vaters ihm nicht unter die Augen treten. Während dieser ihrer Abgeschlossenheit werden sie in die Sitten und Gebräuche ihres Stammes eingeführt und kehren schließlich in ihr eigenes Heim zurück, wobei jeder von ihnen einen mächtigen herzförmigen Aufbau aus Holz auf dem Kopfe trägt. Fortan dürfen sie auch Betelnuß kauen. Ein Schmaus beschließt diese Feier. In einem gewissen Gebiete Neupommerns besteht die Sitte, daß, wenn dieser Schmaus seinen Höhepunkt erreicht hat, die Männer sich auf die Knaben stürzen, sie schnell von hinten ergreifen und ihnen die Arme fesseln. Es kann dies ein gefährlicher Angriff für diese Männer werden, denn die Knaben dürfen sich verteidigen und den Angreifern mit dem Speer zu Leibe gehen. Im übrigen besteht für die Knaben, die sich freimachen, die Pflicht, den, der sie gefangen nehmen wollte, zu bekämpfen. Während die Knaben nun festgehalten werden, nähert sich ihnen ein Häuptling oder Verwandter mit einer Muschelgeldrolle und wirft sie ihnen über den Kopf auf die Schultern, worauf sie jeden Widerstand aufgeben müssen. Jeder Knabe, der eingefangen worden ist, muß in den Busch gehen, wo für ihn eine besondere Hütte errichtet wurde und darin sechs Monate bleiben. Während dieser Frist darf er keine seiner weiblichen Verwandten sehen; gegenüber anderen weiblichen Wesen besteht diese Verpflichtung nicht. Wenn er durch Zufall einer Verwandten in den Weg kommen sollte, muß er ihr, was er gerade bei sich trägt, anbieten, gleichsam als Ausgleich für die Schande, ihr begegnet zu sein; diesen Gegenstand nimmt sie auch ohne ein Wort zu sagen an. Nach Ablauf dieser Wartezeit werden die Knaben in anderen Häusern, die am Strand für sie erbaut worden sind, untergebracht. Ein Schmaus, den ihre Freunde geben, vervollständigt dann die Zeremonie.
Aus: Ploß-Renz, Das Kind.
Abb. 88. Zum ersten Male schwangere Frau aus Neupommern (Herbertshöhe),
die ein Amulett auf der Brust trägt.
Das Interessanteste in dieser Hinsicht sind indessen die Gebräuche, die sich auf die Zulassung der Knaben in eine geheime Gesellschaft beziehen. Gerade Melanesien ist das Verbreitungsgebiet solcher Gesellschaften, das heißt Verbände von Männern, die in einem besonderen Gebäude oder auch an bestimmten, für gewöhnlich geheim gehaltenen oder durch ein Tabuzeichen als unzugänglich für Uneingeweihte gekennzeichneten Orten sich treffen. Sie nehmen dort Übungen und Zeremonien vor, die nicht näher bekannt sind und deren Geheimnisse ängstlich vor den Nichtmitgliedern, im besonderen vor den Frauen verborgen gehalten werden. Auf den Verrat dieser Geheimnisse steht eine strenge Strafe. Auch dürfen sich Uneingeweihte solchen Orten nicht nähern, sie haben bei Übertretung schwere Strafen, selbst den Tod zu gewärtigen. Alles, was über die bei diesen Mysterien sich abspielenden Vorgänge an die Öffentlichkeit gedrungen ist, beschränkt sich darauf, daß seltsame Rufe sowie unheimliche, schreckenerregende Geräusche, von besonders dazu angefertigten Werkzeugen verursacht, aus dem Innern ertönen, die die Außenstehenden mit Furcht erfüllen sollen. Auch werden an diesen Stätten Masken ([Abb. 97], [98], [102], [108] bis [112], [114] bis [116] und [119]) von teilweise schreckenerregendem Äußern und Gewänder angefertigt, mit denen angetan die Männer zuzeiten hervorkommen und sich ins Dorf stürzen, hier die Gärten und Obstbäume plündern oder die angsterfüllten Frauen und Kinder verfolgen, jeden Mann, dessen sie habhaft werden können, durchprügeln und solchen, die sich die Mißgunst der Gesellschaft irgendwie zugezogen haben, eine besonders schwere Strafe erteilen. Es ist Sitte, daß sich jeder angehende junge Mann in diese Geheimbünde aufnehmen läßt, denn derjenige, der nicht beigetreten ist, nimmt keine sozial gleichberechtigte Stellung mit solchen Jünglingen ein, die schon zu den Mitgliedern des Bundes zählen; er wird unter anderem auch keine Frau bekommen. — Der Ursprung dieser Gesellschaften ist unbekannt. Vielleicht wurzelt er im Aberglauben. In den meisten Fällen scheint er mit Zauberei verbunden zu sein und den Zweck zu verfolgen, von seinen Anhängern das Böse fernzuhalten und ihnen Wohlergehen zu verschaffen. Wenngleich heutzutage die übrigen Dorfbewohner den wahren Hergang dieses Mummenschanzes und der damit zusammenhängenden Plünderungen erkannt haben oder ihn wenigstens vermuten, so ist damit doch nicht ganz die Furcht vor dem Bunde und seinen Taten beseitigt; sind die letzteren an und für sich doch schreckenerregend genug für diese Wilden bei der abergläubischen Furcht, die ihnen innewohnt.