In der polynesischen Inselflur treffen wir dicht hinter Fidschi, wenn wir nach Osten fahren, zunächst die Tonga- und Samoagruppe, noch weiter östlich die Cookinseln, Tahiti mit seinen Eilanden, die Paumotu- und die Marquesasinseln und stoßen schließlich, in der gleichen Richtung weiter gehend, auf den am weitesten vorgeschobenen Posten, die Osterinsel. Fast ebenso einsam liegen im Norden die Hawaiinseln da, während in entgegengesetzter Richtung, nämlich nach Südwest, gleichfalls isoliert Neuseeland liegt, die größte der Inseln des Stillen Ozeans.

Nordwestlich von Polynesien und nördlich von Melanesien finden wir Mikronesien, das heißt die kleinen Inseln. Innerhalb dieses Archipels unterscheidet die Wissenschaft wieder einzelne Gruppen, die Karolinen mit den Palauinseln sowie den Marianen oder Ladronen, die Marshallinseln, die Gilbertinseln und die Ellice- (oder Lagunen-) Inseln. Mit Ausnahme der beiden letzten Gruppen ist Mikronesien deutscher Kolonialbesitz.

Die Bevölkerung Polynesiens ist am reinsten in den Samoanern vertreten, daher möchte ich diese auch als den polynesischen Typus hinstellen. Die Samoaner sind von hoher Statur — Körpergrößen von hundertachtzig Zentimeter und darüber sind bei der männlichen Bevölkerung keine Seltenheit —, sie haben eine durchweg schöne, ebenmäßige Gestalt, die besonders beim weiblichen Geschlecht, bei dem es trotz der kurzen dicken Beine wirkliche Schönheiten gibt, auffällt ([Abb. 2] und [3]). Sie besitzen eine hellbraune Hautfarbe, welliges oder fein gelocktes Haar von schwarzer bis braunschwarzer Farbe, kurzen Schädel, regelmäßiges Gesicht mit oft leichter Andeutung der Mongolenfalte, eine kleine, breite Stumpfnase mit kleinen, runden Nasenlöchern und etwas vorspringende Lippen. Im allgemeinen zeichnen sich die Polynesier durch eine Reihe guter Eigenschaften wie Rechtschaffenheit, Friedlichkeit, Gastfreundschaft, Ordnungsliebe, Reinlichkeits- und Schönheitssinn aus. Damit hängt auch die peinliche Sorgfalt zusammen, die sie der Pflege und Ausschmückung ihres Körpers, besonders auch des Kopfhaares, widmen.

Phot. M. Kiepenheuer.

Abb. 2. Samoanerin in gewöhnlicher Kleidung,

mit zierlich geschnitztem Fächer in der Hand, auf Tapamatten ruhend, die auch die Wand bedecken.

Abb. 3. Samoaschönheiten mit hübschem Halsschmuck und Blumen im Haar.

Leider haben Kleidung und Schmuck der Polynesier seit der Entdeckung der Inseln infolge des sich mehr und mehr ausbreitenden europäischen Einflusses eine große Veränderung erfahren. Hier, wo die klimatischen Verhältnisse so äußerst günstig liegen, bedurfte der Körper kaum des Schutzes gegen die Witterung, in seiner Bekleidung nahm vielmehr ein schlichter und einfacher Schmuck die erste Stelle ein (siehe die [Kunstbeilage]). Tatauierungen — diese Schreibweise, die mit dem polynesischen Worte „tatau = kunstgerecht“ zusammenhängt, nicht die veranglisierte „Tätowierung“ ist die richtige — galten für den wichtigsten und vornehmsten Zierat; nichttatauiert zu sein war eine Schande. Daher nahm das Auftragen der Zeichnungen ([Abb. 4] und [5]) fast immer auch den Charakter einer religiösen Zeremonie an. Währenddessen stand der „Patient“ unter verschiedenen Verboten (Tabu), die sich an manchen Orten sogar noch auf andere Dorfbewohner ausdehnten. Der Vorgang spielte sich überall in fast der gleichen Weise ab. Als Werkzeug benutzte man einen Gegenstand, der einer kleinen Zimmermannsaxt glich; seine Schneide war aus Knochen hergestellt und am vorderen Ende mit einer Anzahl Zähne wie beim Kamm versehen. Jetzt bedient man sich auf Mikronesien der Stahlnadeln. Der Operateur, der das Tatauieren als Beruf ausführt und deswegen eine hochgeachtete Stellung einnimmt, zieht die Umrisse der Zeichnung auf den Körper und führt die Farbe ein, indem er mit einem kleinen Stabe auf das mit schwarzer Farbe getränkte Beilchen schlägt ([Abb. 7]). Die ganze Ausführung eines vollständigen Musters nimmt für gewöhnlich mehrere Monate in Anspruch infolge des bei der Operation entstehenden Schmerzes und der manchmal unerwartet hinzutretenden heftigen Entzündung. Während die Tatauierung vorgenommen wird, singt ein Mädchenchor Rituallieder, wovon, wie man in früheren Tagen glaubte, der Erfolg der Operation abhängig war. Auf den Marshallinseln pflegt man die Jünglinge immer gleichzeitig zu einer bestimmten Jahreszeit zusammen zu tatauieren, wofür eine besondere Hütte gebaut und den Göttern Speiseopfer dargebracht werden; denn die Gottheiten des Tatauierens nehmen in der heimischen Götterwelt einen sehr hohen Rang ein. Ein ausgedehnter Kultus wurde mit den Tatauierungen von den Maori auf Neuseeland getrieben; das dazu verwandte Werkzeug war nicht gezähnt, sondern besaß einen geraden Schneiderand; mit ihm wurden Rillen in die Haut geritzt, wodurch die Operation sich schmerzhafter gestaltete. Das ganze Gesicht wurde mit ineinandergreifenden Spiralen und Linien bedeckt, sogar bis auf die Lippen herab ([Abb. 6]), wo der Schmerz besonders heftig empfunden wurde. Das Tatauieren auf dieser Insel war das Vorrecht der regierenden Klasse; mit der Tatauierung waren für den Betreffenden strenge Tabu verknüpft. Seiner Person wurde während des Vorgangs eine so hohe, heilige Ehrfurcht entgegengebracht, daß er es nicht einmal wagte, selbst seine Nahrung zu sich zu nehmen aus Furcht, sie könnte ihm verhängnisvoll werden; daher wurde er von anderer Hand gefüttert. In einem besonderen mit Schnitzerei verzierten Holztrichter gab man ihm zu trinken. Die Tatauierungen der Häuptlinge spielten im ersten Verkehre zwischen Maori und Europäern eine interessante Rolle insofern, als in den uns hinterlassenen Papieren, die sich auf die Abtretung von Land beziehen, der Häuptling als Unterschrift einen Teil seines tatauierten Gesichtes hinzeichnete.