Die religiösen Ansichten der Melanesier sind ziemlich unklare, wenigstens für uns, zumal sich die bisherigen Forschungen nur auf wenige Stämme erstrecken. So viel scheint aber festzustehen, daß ein Glaube an ein einzelnes höheres Wesen bei ihnen nicht besteht. Hauptsächlich beruht ihre religiöse Anschauung auf der Macht der Seelen Verstorbener sowie der Geister, das heißt solcher überirdischer Kräfte, die keine bestimmte Form angenommen haben. Der Untergedanke, der dieser Auffassung zugrunde liegt, ist der an eine übernatürliche Macht, an das Mana, die zunächst den Geistern und Seelen der Abgeschiedenen innewohnt, aber auch auf gewisse Menschen und andere lebende Wesen, ja selbst leblose Gegenstände übergehen kann. Beim Menschen äußert sich das Mana in besonderer physischer Kraft oder in sonstiger Überlegenheit und Vortrefflichkeit, überhaupt in solchen Eigenschaften, die die Macht des gewöhnlichen Sterblichen übersteigen, die außerhalb des natürlichen Verlaufs der Dinge liegen. Hat ein Mann zum Beispiel im Kampfe ein besonderes Glück, so ist dies nicht etwa seinen persönlichen Fähigkeiten zuzuschreiben, sondern das Mana eines Geistes oder verstorbenen Kriegers hat ihm die Macht dazu verliehen, vielleicht durch irgend ein Amulett (Stein), das er am Halse trug, oder ein Blätterbüschel, das er im Gürtel stecken hatte, oder einen Zahn am Finger der Hand, die den Bogen führte, oder auch nur durch eine Formel, kraft deren er sich übernatürliche Kräfte zu verschaffen wußte. Stirbt ein solcher mit Mana ausgerüsteter Mann, so lebt seine übernatürliche Kraft nach seinem Tode in seiner Seele in verstärktem Maße und mit größerer Bewegungsfreiheit weiter fort. Aber, wie schon gesagt, kann Mana auch auf Tiere, Pflanzen und sogar leblose Dinge übergehen. Findet ein Mann einen seltsam geformten Stein, der ganz anders aussieht als die, die er bisher kannte, der vielleicht einer Yamsknolle oder einer Kokosnuß gleicht, so ist er überzeugt, daß diesem Gebilde Mana innewohnen muß; er nimmt daher den Stein mit sich und vergräbt ihn in seinem Garten oder auf seinem Acker, damit er hier Wirksamkeit entfalte. Stellt sich daraufhin wirklich eine reichliche Ernte ein, dann erblickt er hierin eine Bestätigung seiner Annahme. In letzter Linie scheint das Mana von den Geistern herzurühren, die seine Quelle vorstellen und es durch Übertragung in andere lebende und leblose Wesen ausstrahlen lassen. Jede Person oder jedes Ding, das Mana aufzuweisen hat, kann es dann wieder weiter übertragen, also auch auf Steine und andere Dinge. Mana selbst ist etwas Unpersönliches, doch ist es in seiner Wirkung stets mit einem persönlichen Wesen verknüpft. Ein Stein zum Beispiel besitzt Mana, weil ein Geist sich mit ihm verbunden hat, oder ein Knochen eines Toten ist damit ausgestattet, weil des Betreffenden Seele bei ihm weilt, oder ein ausgesprochener Zauber hat Kraft, weil der Name einer Seele oder eines Geistes, der in der Formel ausgedrückt wird, ihm diese Macht überträgt. Jeder sichtbare Erfolg eines Menschen beweist, daß er Mana besitzen muß, und je größer dieser Erfolg ausfällt, um so größer muß auch sein Gehalt an Mana sein.

Phot. British Museum.

Abb. 141. Figur eines Gottes von den Neuhebriden

mit einem menschlichen Schädel.

Die religiösen Übungen der Melanesier, zu denen die absonderlichsten Götzenbilder dienen ([Abb. 141] u. [144]), gipfeln vor allem auf Neuguinea — denn hierüber sind wir am besten unterrichtet — in dem Bestreben, durch Gebete und Opfer die Macht des Mana sich anzueignen oder zum eigenen Wohle nutzbar zu machen. In einigen Teilen Melanesiens bezieht sich diese Verehrung hauptsächlich auf die Seelen Verstorbener, zum Beispiel auf den Salomonen und den mehr westlich gelegenen Inseln, auf anderen wieder sowohl auf diese wie auch auf Geister, zum Beispiel auf den Neuhebriden und östlicheren Inseln. Gebete, die an diese Mächte gerichtet werden, sind meistens Formeln, von denen man glaubt, daß sie dem angerufenen Wesen angenehm und nur solchen bekannt sind, die zu ihm Zutritt haben. Die Opfer entspringen verschiedenen Motiven; sie werden entweder dargebracht, um an Stelle des Menschen, der gefehlt hat, die betreffende Macht durch ein Tier zu versöhnen, oder um etwas von ihr zu erbitten, oder um sie zu erfreuen, mit dem stillen Wunsche, dabei etwas zu erreichen, oder zum Ausdruck gebührender Aufmerksamkeit oder Achtung. — Auf den Neuhebriden und benachbarten Inseln werden zur Erinnerung an Verstorbene von Rang große, aufrechtstehende Trommeln errichtet, die nur bei Bestattungsfeierlichkeiten geschlagen werden ([Abb. 146]).

Phot. Rev. G. Brown.

Abb. 142. Melanesische Frauen,

festlich geschmückt zum Empfang ihrer von der Seereise zurückkehrenden Männer. Die weißen Striche im Gesicht sind mit Kreide gezeichnet.