Phot. Yei Ozaki.

Abb. 14. Japanerin beim Ankleiden.

Die Dienerin legt den Obi, den wichtigsten Teil der Frauenkleidung, an.


GRÖSSERES BILD

Die Japaner genießen einen Ruf als tüchtige Handwerker, die eine Reihe von aus China überkommenen Fertigkeiten zu einer wahren Kunst weiterentwickelt haben. Es sei nur an die Seidenindustrie, die Email- und Tauschierarbeiten, den Bronzeguß, das Waffenschmiedehandwerk, die Lackierkunst, die Malerei, die feinere Keramik, die Kleinplastik in Elfenbein, Holz, Horn und so weiter erinnert. Stets erwiesen sich die Japaner weniger als Erfinder eigener Ideen, denn als Verarbeiter der ihnen von außen zugetragenen Gedanken, womit sie im geraden Gegensatz zu den Chinesen stehen, die an ihrer althergebrachten Kultur mit Zähigkeit festhalten. — Die Japanerinnen bekunden eine besondere Fertigkeit in dem künstlerischen Zusammenstellen von Blumensträußen, worin sie eine sorgfältige Ausbildung erfahren. Das Geheimnis der japanischen Blumenstraußkunst besteht in der Ausarbeitung scharfer Silhouetten, in der sorgfältigen Harmonie zwischen Strauß und Gefäß, die sich auf eine Übereinstimmung in der Linie sowie in der Farbe erstrecken muß, und in der Vermeidung jeder gleichmäßigen oder langweiligen Anordnung der Blumen, die leicht, graziös und originell zusammengestellt sein müssen.

Abb. 15. Zwei sehr jugendliche Mädchen vom Satsumatypus.

Die Japaner sind stets heiteren Charakters, und diese ihre Fröhlichkeit kommt unter anderem auch in ihren zahlreichen Festen und anmutigen Tänzen (siehe die [Kunstbeilage]) zum Ausdruck. Am bekanntesten sind das Kirschblütenfest und das Chrysanthemumfest; bei beiden herrscht große Lustigkeit. Beim Einsetzen der Kirschblüte strömen Tausende und aber Tausende hinaus, um sich an der Blütenpracht zu erfreuen und sich dem lustigen Spiel des Dichtens hinzugeben; man verfertigt kleine Gedichtchen, schreibt sie auf Zettel und hängt sie an den Zweigen auf. Beim Chrysanthemumfest finden großartige Ausstellungen dieser Pflanze, deren Kultur sich die Japaner besonders angelegen sein lassen, statt, und lebensgroße Figuren werden aus den Topfpflanzen in wirksamer Anordnung zusammengestellt. Im Herbst, wenn die Ernte gelungen ist, feiern die Bauern das Strohpuppenfest gleichsam als Erntedankfest für die Götter. Sie tanzen dabei unter Singen und Begleitung von Trommel und Flöte im Kreise umher. Die Tänzer sind mit einer eigenartigen Kopfmaske bekleidet, die einer Garbe gleicht, wie sie auf dem Felde aus Reishalmen, mit nach unten gerichtetem Fruchtständer, aufgestellt werden (siehe die [Kunstbeilage]). Sehr beliebt sind auch die Onotänze, eine Art dramatischer Aufführungen aus alter Zeit in jetzt schwer verständlicher, wenn auch schöner Sprache, bei der die Vorführenden besonders prächtig gekleidet sind ([Abb. 27] und [28]).

Bevor abendländische Ideen in Japan Eingang fanden, herrschte hier ein streng ausgesprochenes Kastenwesen. An der Spitze stand der Hochadel, dessen verschiedene Familien sich wieder im Range abstuften und aus deren vornehmsten der Mikado sich seine ebenbürtige Gattin holte. Den zweiten Stand bildeten die Krieger, deren wichtigste Klasse die Samurai ([Abb. 29]), die Ritterschaft, waren. Sie standen als Vasallen unter den Schogunen und Daimyo und hatten das Recht, das Schwert zu tragen. Traditionell und in hohem Grade entwickelt war bei ihnen der Ehrbegriff, das Bushido, unter dessen Einfluß die Ritter, sofern sie die Reinheit ihrer Ehre für angetastet hielten und keine Vergeltung üben konnten, Harakiri vornahmen, das heißt sich durch Aufschlitzen des Bauches selbst entleibten.