Die Naga waren früher sehr gefürchtete Kopfjäger und sind es in den Gebieten, wohin der englische Einfluß nicht reicht, noch. Nach Molz’ Schätzung erjagten sie in einem Zeitraum von vierzig Jahren auf einem Gebiete von zwanzig Quadratmeilen allein zwölftausend Köpfe. Der wichtigste Grund dafür, daß die jungen Leute auf Schädel so erpicht sind, ist ihre Eitelkeit, der Wunsch, in den Augen ihrer Angebeteten für einen tüchtigen Krieger zu gelten. Denn alle anderen Liebesbeweise ziehen bei ihr nicht, wenn der junge Mann nicht einen erbeuteten Kopf seinem Mädchen zu Füßen gelegt hat. Dazu kommen aber noch religiöse Gründe. Man glaubt nämlich, daß die Geister der Erschlagenen, deren Köpfe man selbst besitzt, nach dem eigenen Tode in der nächsten Welt als Sklaven aufwarten müssen. Andere Stämme erblicken in den erbeuteten Köpfen ein gutes Schutzmittel gegen die Pocken oder in dem Verstreuen des Fleisches getöteter Feinde über die Reisfelder eine gute Förderung der Ernte. Bei dem Erwerb der Schädel pflegen die Naga oft genug recht rücksichtslos vorzugehen, indem sie hinterrücks aus dem Gebüsch fremde Menschen, selbst Frauen, überfallen und sie töten. Bezeichnend für ihre große Grausamkeit war in früheren Zeiten auch, daß sie den Feinden nicht nur den Kopf abschnitten, sondern sie bei lebendigem Leibe auch in Stücke zerteilten, ihnen die Brust öffneten, damit sie selbst ihr flatterndes Herz sehen könnten, oder ihnen einzelne Körperteile abschnitten und das eigene Fleisch zum Essen darreichten.

Phot. Captain F. M. Bailey.

Abb. 250. Ein Mishmimädchen,

dessen Haar, weil die Person noch unverheiratet, abgeschnitten ist. Nur wenn sie Frau geworden ist, darf sie es sich lang wachsen lassen und zu einem Knoten binden. In den Ohren trägt das Mädchen große Bambuspflöcke.

Für die niederkommende Mutter wird von einzelnen Stämmen eine kleine Hütte errichtet, in der sich der Vorgang unter der Beihilfe einiger Weiber abspielt und in der die Mutter mit dem Kinde noch einige Tage verweilt. Stirbt die Kreißende bei der Geburt, dann wird dies als ein großes Unheil für das ganze Dorf angesehen und es werden besondere Vorkehrungen getroffen, auf die wir weiter unten noch zurückkommen werden. — Besondere Zeremonien bei der Geburt kennt man in Assam nicht, auch keine besonderen Vorschriften für die Schwangeren. Nur bei den Miri bringt man den Vater zu Bett, wo er vierzig Tage lang nach der Geburt des Kindes liegen bleiben muß und wie eine Wöchnerin von einer Frau gefüttert wird. Auf seine üblichen Gewohnheiten muß er dabei verzichten, ja sogar eine gewisse Diät einhalten, weil sonst das Kind davon Schaden an seiner Gesundheit erleiden könnte. Die Miri befinden sich noch in einem Übergangsstadium von dem mutterrechtlichen zum vaterrechtlichen System; dieser ihrer Sitte des Männerkindbettes scheint der Gedanke zugrunde zu liegen, daß der Vater zu dem Neugeborenen in direkter Verwandtschaft steht. Auch die Khasia, Kuki und Kacha-Naga leben noch auf solcher Zwischenstufe.

Phot. W. H. Furneß, 3rd.

Abb. 251. Ein Nagaberatungshaus.

Die Namensgebung des Kindes richtet sich bei den Kacha-Naga und Khasia nach dem matriarchalischen System. Weder der Vater noch die wirkliche Mutter haben nach dieser Richtung hin etwas zu sagen, die älteren Männer und Frauen im Dorfe erledigen die Angelegenheit. Das Ergebnis ist, daß die Eltern ihres eigenen Namens verlustig gehen und dafür in Zukunft nach ihrem Kinde genannt und gerufen werden, also mit „Vater von Soundso“, sowie „Mutter von Soundso“. Eine drollige weitere Folge dieser eigentümlichen Sitte ist die, daß, wenn ein Ehepaar alt geworden ist, ohne daß ihm Kinder beschert wurden, der Mann mit „kinderloser Vater“ und die Frau dementsprechend angeredet wird. — Beschneidung wird nicht geübt.