Phot. Sven Hedin.
Abb. 276. Gebetflaggen im Gebirge.
Unter den tibetischen Festen nimmt ähnlich wie bei den Chinesen das Neujahrsfest die erste Stelle ein. Es wird mit besonderem Pomp gefeiert und ist außerdem dadurch ausgezeichnet, daß an diesem Tage die Leute sämtlich neue Kleider anlegen, die dann allerdings für das ganze Jahr vorhalten müssen und von den meisten nicht einmal des Nachts oder überhaupt nicht gewechselt werden. Am Neujahrsmorgen findet am Hofe des Dalai-Lama großer Empfang statt, bei dem der erste Kammerherr die Zeremonien eröffnet, indem er dem großen Kirchenfürsten unter Darbringung von Reisbranntwein und Dsamba in goldenen Schalen auf goldener Platte Glück und Wohlergehen wünscht, worauf dieser seine Finger in die Flüssigkeit taucht, seine Umgebung bespritzt, etwas von der Speise kostet, alle anwesenden Würdenträger nacheinander segnet und sie bewirtet. Gleichzeitig finden außerhalb des Festsaales Tänze statt, denen die an der Gratulationskur nicht unmittelbar beteiligten hohen Beamten beiwohnen; die Knaben tanzen den „Tanz des glücklichen Schicksals“. An den beiden ersten Abenden, sowie am Vorabend des Neujahrsfestes werden sämtliche Tempel, alle öffentlichen sowie privaten Gebäude und Wohnungen aufs festlichste illuminiert. Für die Kleriker enden die Festlichkeiten bereits am dritten Tage, von da an versammeln sie sich alltäglich zu feierlichen Gottesdiensten um den Dalai-Lama, die zwanzig Tage lang dauern und von strengen Fasten begleitet werden. — Von längerer Dauer und von reicherer Abwechslung als das eigentliche Neujahrsfest sind die Vorbereitungen dazu, die das Volk fast einen ganzen Monat lang in Anspruch nehmen. Besonders ist es der neunundzwanzigste Tag des letzten Monats, der eine große Rolle dabei spielt. An ihm wird nicht nur der Staub und Schmutz, der sich während des zum Abschluß kommenden Jahres angesammelt hat, durch eine gründliche Reinigung entfernt, sondern auch die bösen, übelwollenden Geister, die an allem Unglück Schuld tragen, werden verbrannt. Am frühen Morgen setzen in den Höfen der verschiedenen Tempel oder an nahe gelegenen, geeigneten Plätzen Zaubertänze ein, die von Leuten in den schrecklichen Masken ([Abb. 280], [274], [275]) der alten, aus dem Schamanentum noch übernommenen Götter und Halbgötter aufgeführt werden und mehrere Stunden dauern, da an ihnen gewöhnlich achtzig bis hundert Tänzer, alles nur Lama, nacheinander in Gruppen teilnehmen. Für den Humor sorgen dabei die Figuren der indischen „Azari“, die durch ihre Trachten, ihre groteske Gesichtsbemalung und ihre Grimassen das versammelte Volk belustigen wollen und es auch zu ausgelassenem Beifall hinreißen. Außer den Volksmassen sehen auch die höhere Geistlichkeit und vornehme Gäste unter großen Zelten dem Trubel zu. Nach Abschluß der Tänze und Abhaltung eines Morgengottesdienstes wird noch eine feierliche Prozession nach einem wenige Kilometer davon entfernten Orte auf freiem Platze in Bewegung gesetzt, um ein gewisses Symbol, das Torma, zu opfern beziehungsweise zu verbrennen. Ein Torma ist ein aus Dsamba mit Butter und Zucker hergestellter kegel- oder pyramidenförmiger, an der Oberfläche oft in einer oder mehreren Farben — meistens rot, was die Flammen versinnbildlichen soll — bemalter, gelegentlich auch noch mit allerlei auf den Kultus bezugnehmenden Figuren und Zeichen versehener Gegenstand von etwa einem halben, bei besonderen Gelegenheiten sogar bis zu vier Meter Höhe, der an der Spitze der Prozession von drei Lama auf einem eisernen Dreifuß vorangetragen wird; auf ihm ruht noch eine künstliche Schädelschale aus demselben Dsambateige. Außerdem tragen ebenfalls drei Lama auf einem eisernen Tablett ein aus dem gleichen Material hergestelltes menschliches Skelett. An dem vorbestimmten Platze werden Torma und Skelett auf einem aus Reisig oder Stroh errichteten Haufen verbrannt. Sobald die Flammen über dem Ganzen zusammenschlagen, senken die in der Prozession mitgezogenen vierundzwanzig Fahnenträger ihre Stangen und laufen, was sie nur können, ohne sich nur einmal umzusehen, nach dem Kloster zurück, während eine große Anzahl gleichfalls dabei beteiligter Soldaten ein furchtbares Gewehrgeknatter, natürlich nur mit Platzpatronen, über dem brennenden Haufen unterhalten, um dadurch die bösen Geister am Entweichen zu hindern und sie sämtlich dem Verbrennungstode zu überliefern.
Phot. Captain F. M. Bailey.
Abb. 277. Frau aus Westtibet.
Der Kopfputz ist mit Korallen, Türkisen und anderen ungeschliffenen Edelsteinen oder bunten Glasstücken besetzt. Jedem Stein wird eine besondere Wirkung gegen böse Geister zugeschrieben. An der Halskette hängt oben ein Amulettkästchen, weiter unten ein Rosenkranz mit den üblichen hundertundacht Perlen.
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GRÖSSERES BILD
Phot. Captain F. M. Bailey.