Abb. 302. Jakutenschnitter von der Arbeit ausruhend.

In der rechten Hand hält er einen Wedel gegen Insekten, in der linken eine Sense.

Allgemein nimmt man an, daß die Seelen der Verstorbenen nach längerer oder kürzerer Frist in eine andere Welt übergehen, wo sie ein dem irdischen ähnliches, aber weit glücklicheres Leben führen. Nach dem Glauben der Ostjaken geht die Seele zunächst in den Himmel ein und bleibt hier ebensolange, wie sie auf Erden weilte, sodann wandert sie in einen Käfer, der unter Steinen lebt, und schließlich geht sie in das Innere der Erde über. Die Eskimo kennen ein Totenreich, das unserem Fegfeuer entsprechen würde und für die bösen Geister als Aufenthalt dient, und ein Himmelreich, wo die Abgeschiedenen die wahre Seligkeit finden und wohin in erster Linie Männer gelangen, die im Leben viel erduldet und große Taten vollbracht haben, sowie die Frauen, die im Wochenbett starben. Zu diesen beiden Reichen ist indessen der Zugang nicht leicht; zu ersterem führt er über ein dünnes Seil oder über eine spiegelglatte Eisbrücke, an deren Ende zwei bissige Seehunde die Ankömmlinge erwarten, zu letzterem über den Regenbogen und einen bluttriefenden Berg. Wegen dieser mannigfachen Gefahren, die die Abgeschiedenen auf den Wegen ins Himmelreich erwarten, geben die Eskimo ihren Kindern Hundeköpfe ins Grab mit, die die schwachen Kinderseelen unterwegs leiten und beschirmen sollen. Bei den Jakuten sind die ursprünglichen Anschauungen von der Gottheit und dem Leben nach dem Tode bereits stark durch den Monotheismus der christlichen Religion beeinflußt worden. Gott ist nach ihrer heutigen Ansicht unsichtbar, er wohnt im siebenten Himmel und regiert von dort die Welt; zwischen ihm und der Erde bilden eine Reihe weniger bedeutender Götter die Vermittlung. Der Himmel hat sieben Firmamente übereinander, auf dem obersten thront Gott der Schöpfer, auf den niedriger gelegenen die übrigen Götter. An den Stufen des Himmels wohnen die guten Geister, in der Tiefe der Hölle die bösen, denn die Seelen der Verstorbenen werden je nach ihren Tugenden oder Lastern in jene oder in diese verwandelt. Der Fürst der Hölle wird auch als ein Gott angesehen. Die Erde ist dem Teufel zur Verfügung gestellt; er kann die auf ihr lebenden Menschen verführen; damit er diese ihm verliehene Macht nicht zu sehr mißbrauche, hat Gott die geringeren Götter auf die Erde gesandt; sie sollen die Menschen vor den Angriffen des Teufels schützen. Nach dem Tode nimmt der Teufel die Seele und führt sie an alle Stellen, wo der Lebende sündigte, und bestraft sie dort; darauf gelangt die Seele an den ihr zukommenden Platz.

Aus „Globus“.

Abb. 303. Burjätische Frau.

Auch während des Schlafes trennt sich die Seele zeitweilig von dem Körper des Menschen und kann umherschweifen. Fängt der Teufel dabei die Seele ein, so erkrankt der Mensch; hält er sie zu lange fest, dann muß er sterben. Ist ein Mensch krank geworden, so versucht man es bei den Tschuktschen mittels Suggestion ([Abb. 313]). Sonst wendet man sich an den Schamanen, da nur ein solcher imstande ist, die Seele zurückzuschaffen. Die Schamanen sind zumeist Männer ([Abb. 308]), seltener Frauen ([Abb. 311]), denen die Aufgabe zufällt, zwischen den Menschen und den überirdischen Geistern, im besonderen den bösen, dem Teufel, zu vermitteln. Ihr Beruf pflegt sich von Vater auf Sohn zu vererben, jedoch kann ihnen ihre Bestimmung auch von den Göttern im Traume verkündet werden; auf jeden Fall haben die angehenden Schamanen eine langdauernde Schule durchzumachen, in der sie in die Geheimnisse eingeweiht werden. Zumeist sind sie wohl von ihrer Kunst überzeugt, oft genug aber sind sie auch bewußte Betrüger, die durch ihre besondere Klugheit die übrigen zu betören vermögen; sie machen zur Erhöhung ihres Ansehens auch allerlei Taschenspielerkunststückchen, ähnlich unseren Spiritisten. Eine wesentliche Vorbedingung für den Schamanenberuf scheint eine gewisse Überempfindlichkeit des Nervensystems zu sein, eine Art Hysterie. Sie zeichnen sich äußerlich durch eine besondere Tracht aus, die durch auffälligen Zierat, wie allerlei Lederstreifen, Adlerklauen, Schlangenhäute, Federn, Ringe, Glöckchen, Amulette und so weiter, furchterregend auf die Zuschauer wirkt. In der Hand halten sie das wichtigste Werkzeug ihrer Kunst, eine Trommel von etwa fünfzig bis siebzig Zentimeter Durchmesser, die aus einem hölzernen Rahmen besteht, mit Renntier- oder Seesäugerhaut bespannt und mit kleinen Schellen behängt ist. Die Trommel wird mit einem kurzen Stock aus Holz geschlagen, der mit Fell überzogen ist und vorn meist in zwei Hörner ausläuft. Außerdem gehört zum Ausputz eines Schamanen eine runde Kupferscheibe, die zusammen mit Tigeridolen als Zeichen der Kraft und einigen Götterbildnissen an einem Lederriemen über seiner Brust hängt; in dieser Scheibe sollen sich die guten und bösen Taten der Menschen widerspiegeln, so daß sie der Schamane erkennen kann. Bevor der Schamane seine offizielle Kleidung anlegt, werden alle Gegenstände von seinem Gehilfen mit Branntwein bespritzt. Bei einer Krankenheilung setzt er sich bei den Golde noch eine Kopfbedeckung aus Hobelspänen auf, deren Enden ihm über den Nacken herabfallen, und befestigt solche auch an seinen Ellbogen und Knien. Der Zweck derselben soll der sein, daß die Krankheit während der Behandlung in diese Späne übergehe, die nach eingetretener Heilung dann fortgeworfen werden.

Wird der Schamane zu einem Kranken gerufen, um die von einem bösen Geiste diesem geraubte Seele wieder einzufangen, so erscheint er im vollen Kostüm, was an und für sich schon Schaudern einzuflößen geeignet ist, und nimmt an dem Kranken seine Beschwörungen vor. Er beginnt zunächst einen Tanz, der anfänglich langsam und manchmal nicht ungraziös, dann immer schneller ausgeführt wird und schließlich in einen wirren Wirbel ausartet. Gleichzeitig schlägt er seine Trommel, singt, schreit, brüllt, verzerrt mehr und mehr sein Gesicht und gerät allmählich in einen Zustand von Ekstase, in der er den bösen Geist erkennt und zu dem Kranken zitiert. Sodann kämpft er mit ihm, bestürmt ihn anfänglich mit Bitten und Versprechungen, dann mit Drohungen. Dieses Spiel treibt er so lange, bis er vollständig erschöpft zu Boden sinkt. Darauf erteilt er dem harrenden Kranken — oft genug, indem er sich dazu der Sprache eines Bauchredners bedient — die Antwort des bösen Geistes, die meistens darin besteht, daß dieser zur Versöhnung eine Anzahl Schafe oder Pferde fordert. Oft verlangen die Schamanen von dem Kranken beziehungsweise seiner Umgebung noch ganz andere Dinge, so zum Beispiel, daß er die Kleider wechsle und in den Wald an eine bestimmte Stelle hinlege; oft geben sie dem Kranken auch allerlei Mittel ein, stellen ihm Idole an die Seite ([Abb. 310]), schwingen bei der Beschwörung eine Gerte mit einem Pferdehaarbüschel über dem Kranken und anderes mehr. Trifft die Voraussage des Schamanen zu und findet der Kranke Genesung, dann wird jener gut belohnt; mißglückt dagegen der Beschwörungsversuch und stirbt der Kranke, so ist der Schamane um eine Ausrede nicht verlegen: er meint dann, daß die Seele auf ihrer Wanderung sich verirrt habe, oder daß die bösen Geister mit dem Opfer nicht zufrieden gewesen seien.

Aus: Brehm, Vom Nordpol zum Äquator.